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27.05.2004 Vortrag von General Wolfgang Schneiderhan bei der Wehrpflichttagung

Berlin, 27.05.2004.
Vortrag des Generalinspekteurs der Bundeswehr General Wolfgang Schneiderhan bei der Wehrpflichttagung des Beirates Innere Führung am 25. Mai 2004 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort

I. Begrüßung

Bevor ich auf einige Aspekte der zukunftsorientierten Ausbildungsinhalte eingehe, muss ich wenige grundsätzliche Bemerkungen zu einem Begriff anmerken, den der Herr Minister mehrfach erwähnt hat: es geht um die Funktionsfähigkeit von Streitkräften von heute und morgen.

Ich gehe davon aus, dass wir ein Grundverständnis darüber haben, dass Streitkräfte Mannschaften brauchen, weil in Streitkräften viele Funktionen anfallen, die im umfassenden Sinne am besten von Mannschaften erfüllt werden können. Das muss man einem Maurer, Bergmann oder Metaller nicht erläutern; in Seminaren zur Wehrpflicht ist es gelegentlich notwendig. Den Bedarf an Mannschaften hat die Bundeswehr mit allen Streitkräften dieser Welt gemein.

Aber wir haben in Deutschland einige Besonderheiten, auf die im Kontext des Themas hingewiesen werden muss:

  1. Wir gewinnen unsere Mannschaften mit Masse über die Wehrpflicht. Sie bringt uns Mannschaften für 9 Monate.
  2. Wir haben Mannschaften, die über die 9 Monate hinaus zwischen 10 und 23 Monaten dienen und dabei den Rechtsstatus Wehrpflichtiger behalten. Das sichert ihnen Rechte: Unterhaltssicherung, Arbeitsplatzsicherung als Beispiel.
    Diese Soldaten dürfen wir aber in Einsätze außerhalb Deutschlands mitnehmen.
  3. Wir haben einen geringeren Anteil an Zeitsoldaten in den Reihen unserer Mannschaften, die sich über ihre zeitliche Verpflichtung zugleich für Einsätze verpflichten.
  4. Und es gibt viertens noch zwei Aspekte, die mit Blick auf die Ausbildungserfordernisse beachtet werden müssen
  • der Soldat bestimmt den Zeitpunkt zu dem er seinen Willen, sich länger zu verpflichten, bekannt gibt irgendwann zwischen dem 1. und 9. Monat
  • der W 9 wird nach dem Ausscheiden Reservist. Als solcher kann er sich für die Teilnahme an Auslandseinsätzen melden.

All dies muss man berücksichtigen, wenn man Ausbildungsinhalte für die Mannschaft definieren muss.

Es gibt aber noch einen entscheidenden Aspekt, mit dem ich Sie gerne vertraut machen möchte, und der leitet sich aus dem Transformationsprozess der Streitkräfte ab und definiert ganz wesentlich einige funktionale Aspekte neu.
Was ist denn der Kern dieses Transformationsprozesses ?

Häufig wird gesagt: der Wandel von einer Ausbildungsarmee zu einer Armee im Einsatz. Das ist meiner Meinung nach nur zum Teil richtig, denn wir müssen immer ausbilden. Nein, der Wandel ist viel grundlegender. Die deutschen Streitkräfte waren im BündnisNATOvor allem Instrument einer Abschreckungsstrategie. Und die Glaubwürdigkeit dieser Abschreckungsstrategie hat sich aus der Fähigkeit zur erfolgreichen Verteidigung an den Landes- oder Bündnisgrenzen, also der Fähigkeit zum erfolgreichen Abnutzungsgefecht gegen einen klassisch organisierten und operierenden Angreifer zu Lande, zu Wasser und zur Luft, abgeleitet.

Abgerufen worden wäre die Fähigkeit oder die Funktionalität also erst im Falle des Versagens der Strategie.
Und genau dieses hat sich grundlegend verändert. Die Wahrscheinlichkeit über Spannungsfall in den Verteidigungsfall abgerufen zu werden, ist extrem gering geworden. Gefordert zu werden für Einsätze der Qualität wie auf dem Balkan, in Afghanistan, am Horn von Afrika, in der Straße von Gibraltar oder in Georgien ist nicht nur wahrscheinlich, es ist Realität der Streitkräfte geworden. Und am oberen Ende des wahrscheinlichen Einsatzspektrums können auch friedenserzwingende Einsätze liegen. Schnelle Verfügbarkeit ohne lange Vorbereitungszeit für häufige langdauernde Einsätze dieser Art sind die neuen Herausforderungen. Ich denke, dies ist der Transformationsprozess, den wir zu bewältigen haben und zwar auf mehreren

Ebenen:
Organisatorisch ist er eingeleitet durch die neuen Kategorien der Funktionalität Eingreifkräfte, Stabilisierungskräfte und Unterstützungskräfte, alle drei streitkräftegemeinsam. Damit wird die Phase beendet, in der die Einsatzrealität nur ablauforganisatorisch bewältigt wurde, während die Grundstruktur dem unwahrscheinlichen Aufgabenspektrum zugeordnet ist.

In der Ausbildung musste der Prozess noch bewältigt werden und zwar für alle, Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften. Und in unserem heutigen Zusammenhang geht es um eben diese Mannschaften, die wir wie dargestellt vor allem über die Wehrpflicht bekommen. Dazu will ich Ihnen einige Ansätze skizzieren.

Dieser Transformationsprozess muss schon bei der Einberufung und Einplanung beginnen. Das ist im Prinzip schon heute so. Es gibt aber Raum zur Verbesserung. Berufliche Qualifikation und zusätzliche Fertigkeiten und Kenntnisse müssen erfasst und über die Einplanung genutzt werden. Wir brauchen einen höher als bisher liegenden Abholpunkt zum Beginn der militärischen Ausbildung. Das spart Zeit und Aufwand. Eignungsnah, anforderungsnah und berufsbezogen sind die Schlüsselworte.

Beispielsweise können ausgebildete Kfz-Mechaniker nach kurzer Einweisung am Arbeitsplatz als Instandsetzungssoldaten eingesetzt werden; gelernte Fernmelde- oder Elektroniktechniker finden Einsatzmöglichkeiten in allen Fernmeldetruppen; Schüler mit guten EDV-Kenntnissen sind im Bereich der Datenverarbeitung sinnvoll einsetzbar. Bauleute, Installateure, Klimatechniker brauchen wir dringend für den Feldlagerbetrieb, aber auch für Projekte von CIMIC. So haben wir den richtigen Mannschaftssoldaten am Ende schnell auf dem richtigen Posten.

Das Spektrum der militärisch dringend benötigten zivilen Qualifikationen der Wehrpflichtigen wird künftig so erfasst, dass diese auf Dienstposten, die für die Funktionsfähigkeit der Streitkräfte unerlässlich sind sog. "Funktionsdienstposten" - noch gezielter einberufen werden können. Dieses prinzipiell richtige Verfahren hat natürlich praktische Begrenzungen. Nicht für alle militärischen Funktionen gibt es zivile Qualifikationen und umgekehrt haben wir nicht für alle zivilen Berufe eine militärische Entsprechung.

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II. Ausbildung

Meine Überschrift lautet: Die Einsatzrealität und die Einsatzerfahrungen bestimmen die Regelausbildung aller Soldaten. Dabei sehe ich fünf Kernbereiche, welche die Ausbildungsinhalte generell bestimmen.

  1. Die Waffen- und Schießausbildung mit den jeweiligen Handwaffen. Dies hat so zu geschehen, dass damit die Anforderungen für den Wachdienst erfüllt werden, damit ist der Soldat zum Objektschutz und zur Anwendung von ROE Regelungen in Auslandseinsätzen befähigt.
  2. Einsatzbezogene Gefechtsausbildung. Diese Inhalte werden auch durch die Einsätze bestimmt, also Checkpointbetrieb was ist an einer Kasernenwache zu Hause denn anders ? Controlpointbetrieb, Patrouillentätigkeit, Ausbildung, Schutz vor Minen, Erkennen von Sprengfallen, Verbindung halten, Meldeketten sicherstellen usw. Dazu gehören auch Aufgaben, die alle Mannschaften im Betrieb von Feldlagern und Flüchtlingslagern, Feldlazaretten erfüllen müssen.
  3. Sanitätsausbildung mit Schwerpunkt bei der Selbst- und Kameradenhilfe. Das muss in allen Bereichen der ersten beiden Gebiete ständig integriert sein.
  4. Körperliche Leistungsfähigkeit zum Bestehen unter psychischen und physischen Dauerbelastungen.
  5. Innere Führung, Soldatische Ordnung, Wehr- und Völkerrecht. Auf diese Besonderheit unserer Ausbildungs-, Führungs- und Einsatzkultur werden wir auf keinen Fall verzichten.

Diese fünf Grundgebiete bestimmen nicht nur die Allgemeine Grundausbildung in den Teilstreitkräften, der SKB und des Zentralen Sanitätsdienstes. Sie begleiten in unterschiedlichen Ausprägungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten unsere Mannschaften durch die gesamte Dienstzeit. Auf diesem breit angelegten Fundament setzen dann die Säulen der zusätzlichen Ausbildung für die 9 Monate GWDL und die ergänzende Ausbildung für die FWDL auf.

An die Allgemeine Grundausbildung schließen sich Ausbildungsabschnitte an, die sich am vorgesehenen Einsatz des Wehrpflichtigen orientieren. Für Grundwehrdienstleistende, die sich nicht für einen zusätzlichen freiwilligen Wehrdienst entscheiden, ist es der Baustein verwendungs- und funktionsbezogene Dienstpostenausbildung.
Damit werden diese Soldaten für diejenigen Aufgaben qualifiziert, die sie nachher in ihrer Gruppe, ihrem Zug, ihrer Kompanie verrichten sollen.

Wehrpflichtige, die sich als freiwillig zusätzlichen Wehrdienst Leistende für eine besondere Auslandsverwendung gemeldet haben, werden nach der Allgemeinen Grundausbildung gezielt auf die Einsatzteilnahme vorbereitet.
Dies wird mit drei Bausteinen erfolgen:

  • Aufbauausbildung,
  • Teamausbildung und
  • Zusatzausbildung für den jeweiligen bevorstehenden Einsatz.

Wenn wir dieses Konzept anwenden, haben wir eine dem geänderten Anforderungsprofil entsprechende, solide Ausbildung unserer Mannschaften, egal obGWDL,FWDLoder SaZ. Wir haben damit breit angelegte Voraussetzungen für die allgemeinen Aufgaben aller Mannschaften in allen Funktionsbereichen und zwar zu Hause in Deutschland im Alltag, zu Hause in Deutschland unter den Bedingungen des Art. 35 GG Nothilfe bei Katastrophen und für die überwiegenden Aufgaben bei Stabilisierungseinsätzen. Damit sind auch die Voraussetzungen für Einsätze zum Schutze Deutschlands und seiner Bürger geschaffen.

Für die Eingreifkräfte muss eine nachhaltige ergänzende Ausbildung im Bereich des klassischen Gefechts der verbundenen Kräfte streitkräftegemeinsamen zur Durchsetzung in friedenserzwingenden Einsätzen erfolgen.
In diesem Bereich können wir auf bewährte Methoden unserer Ausbildung zurückgreifen.

In den Stabilisierungskräften orientiert sich die Ergänzende Ausbildung an Kriterien, wie Schutz und Durchsetzungsfähigkeit in eskalierenden, asymmetrischen Situationen. Stichwort: Trennen und Auseinanderhalten von Konfliktparteien. Unsere wehrpflichtigen Mannschaften erfüllen absolut notwendige Aufgaben zur Aufrechterhaltung der Einsatzbasis und für den Betrieb der Streitkräfte in allen TSK und Streitkräftekategorien.

Sie unterstützen die Ausbildung der Einsatzkontingente, sie entlasten die Einsatzkräfte von Routineaufgaben und sie stellen die personelle Lebensfähigkeit von Einsatzkräften zwischen den Einsätzen sicher. Der Einsatz der Wehrpflichtigen erfolgt in allen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen.

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III. Einsatz beim Heer

Beim Heer kommen Grundwehrdienstleistende überwiegend im "Funktionsdienst" zum Einsatz. Sie werden u.a. als Stabsdienstsoldat in Stäben auf allen Führungsebenen, in der Systemadministration von lokalen Netzwerken, als Kfz-Schlosser in Instandsetzungseinheiten, als Mitarbeiter in der Disposition von Versorgungseinheiten, als Kraftfahrer oder als Koch in Truppenküchen eingesetzt.

Freiwillig zusätzlichen Wehrdienst Leistende werden überwiegend für den Auslandseinsatz benötigt. Hier nehmen sie Aufgaben auf "Funktionsdienstposten" wahr. Wir finden sie aber auch als Besatzungen auf Gefechtsfahrzeugen, Transportpanzern, als Scharfschütze, im Feldjägerdienst, bei den Pionieren usw.

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IV. Einsatz bei der Luftwaffe

Die Luftwaffe braucht die Grundwehrdienstleistenden beispielsweise als:

  • Nachschubhelfer im Luftumschlagszug eines Lufttransportgeschwaders,
  • Einsatzführungssoldaten in einer Kampfführungsanlage zur Luftraumüberwachung,
  • Funktioner an Radargeräten, so z.B. in der Feuerleitgruppe Patriot, und als
  • Kraftfahrer in den Nachschub- und Transportstaffeln der Jagdbombergeschwader.

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V. Einsatz im Zentralen Sanitätsdienst

Alle Grundwehrdienstleistenden im Sanitätsdienst sind in Funktionsdienstverwendungen eingesetzt.

Sie erfüllen Aufgaben im sanitätsdienstlichen Aufgabenbereich einschließlich ausgesuchter fachspezifischer Verwendungen im Bereich Labor, Zahnmedizin oder auch bei der Bewirtschaftung von Sanitätsmaterial. Ihr Einsatz ist darüber hinaus in den Bereichen Versorgung, Nachschub, Instandsetzung, Fernmeldewesen, Datenverarbeitung und Stabsdienst vorgesehen. Die freiwillig zusätzlichen Wehrdienst Leistenden werden grundsätzlich in den gleichen Funktionen wie die Grundwehrdienstleistenden eingesetzt. Sie sollen zusätzlich als Militärkraftfahrer verwendet werden und sind über den Bereich der Unterstützungskräfte hinaus auch für die Eingreif- und Stabilisierungskräfte vorgesehen.

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VI. Einsatz von Wehrpflichtigen in der SKB

Die Grundwehrdienstleistenden in der Streitkräftebasis sind ausschließlich für den Bereich der Unterstützungskräfte vorgesehen.

Sie leisten Dienst in Stabsdienstfunktionen und in querschnittlichen, unterstützenden Aufgabenbereichen. So z.B. in der Versorgung, beim Transport, als Feldkoch und in der Instandsetzung.

Auch in Spezialverwendungen mit besonderen Qualifikationserfordernissen wird auf Grundwehrdienstleistende zurückgegriffen. So werden sie im Bereich Kommando Strategische Aufklärung eingesetzt, wenn sie über spezifische Fremdsprachenkenntnisse verfügen.

uch freiwillig zusätzlichen Wehrdienst Leistende kommen überwiegend im Bereich der Unterstützungskräfte zum Einsatz. Geringe Umfänge werden ebenso in den Eingreif- und den Stabilisierungskräften eingeplant. Sie leisten auch hier überwiegend Einsatz auf Funktionsdienstposten.

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VII. Schlusswort

Meine Damen und Herren,
wie Sie sehen, Wehrpflichtige werden für ein breites Spektrum von Aufgaben gebraucht.

Mit der runderneuerten Ausbildung unserer Mannschaften seien es GWDL, FWDL oder SaZ verbessern wir unsere grundlegende Professionalität. Wir reduzieren Zusatzausbildung, wir legen ein solides Fundament für diejenigen, die in die Unteroffizier- oder Offizierausbildung wechseln wollen. Wir schaffen uns hoch qualifizierte Reservisten mit einem breit angelegten soldatischen Leistungsprofil.

Schließlich werden wir damit auch den Auflagen aus den VPR gerecht: Sicherstellung der Fähigkeit zur Rekonstitution über zwei Elemente: aufwuchsfähige aktive Kräfte und gut ausgebildete Reservisten.

Gelingen wird dieser Transformationsbereich aber nur, wenn unsere wehrpflichtigen Mannschaften zum Dienst motiviert sind. Das werden sie sein, wenn sie erkennen können, dass das System Streitkräfte nur funktioniert und zwar im Alltag und im Einsatz, bei Stabilisierungskräften, Eingreif- und Unterstützungskräften, wenn jeder Einzelne seine Funktion, seine Teilaufgabe erfüllt.

Diese Motivation können wir Vorgesetzte aber nicht glaubhaft gegen Gegenwind vermitteln. Unser Modell ist kein Auslaufmodell, denn mit Auslaufmodellen ist man nicht so erfolgreich auf dem Weltmarkt wie wir es Tag für Tag sind.

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Stand vom: 10.06.2008

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