Verlässlicher Partner im Hohen Norden
Deutschland engagiert sich im Nordatlantik und in der Arktis und baut die Sicherheitspartnerschaften mit Verbündeten aus.
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Deutschland ist zwar kein arktischer Anrainerstaat, aber direkt von der veränderten Sicherheitslage betroffen. Die Abhängigkeit von maritimen Handelswegen macht die Arktisregion und den Nordatlantik zu einem sicherheitspolitischen Kerninteresse. Deshalb setzt sich Deutschland für Sicherheit und Stabilität im Hohen Norden ein.
Die Arktis gehört zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Weltregionen. Der absehbare Verlust des Eisschilds macht die Region nach Schätzungen bereits in den 2030er-Jahren in den Sommermonaten zu einem frei zugänglichen Meer. Die jahrzehntelang konfliktfreie Region – geprägt von internationaler Kooperation und Forschung – entwickelt sich zunehmend zu einem Gebiet geopolitischer Rivalitäten mit wachsender Militarisierung.
Die Arktis kann geopolitisch nicht mehr als geschlossene Region betrachtet werden. Sicherheit und Stabilität in der Arktis sind eng verbunden mit der Sicherheitslage in der Nord- und Ostsee sowie dem Nordatlantik. Die Bedeutung der Arktis beim Schutz der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Nordflanke, die jetzt auch Finnland und Schweden umfasst, nimmt zu.
Aus militärischer Perspektive sind Deutschland und seine europäischen Partner auf verlässliche Bündnisstrukturen in dieser Region angewiesen: Im Bündnis- oder Krisenfall ist die transatlantische Verbindung für Verstärkungen und Nachschub essenziell. Damit ist auch die sogenannte GIUKGreenland Iceland United Kingdom Gap-Lücke – der See- und Luftraum zwischen Grönland, Island und Großbritannien – wieder ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt geworden.
Schon im Kalten Krieg hatte die GIUKGreenland Iceland United Kingdom Gap-Lücke eine zentrale Funktion zur Überwachung militärischer Aktivitäten im Nordatlantik. Während des Ost-West-Konflikts dienten hier Sonarsysteme, Luftpatrouillen und die alliierten Seestreitkräfte der Aufklärung und Abschreckung. Mit der Invasion in der Ukraine hat Russland Frieden und Sicherheit in Europa infrage gestellt. Mit seinem aggressiven Verhalten ist Russland erneut zu einer Bedrohung für die internationale Ordnung geworden. Die russische Nordmeerflotte wurde modernisiert und die militärischen Aktivitäten entlang der nördlichen Seerouten haben zugenommen. Die GIUKGreenland Iceland United Kingdom Gap-Lücke ist somit wieder ein kritischer Engpass, durch den zum Beispiel russische U-Boote vom Eismeer in den Atlantik gelangen und umgekehrt.
Nach jahrzehntelanger Kooperation in der Arktisregion wachsen die geopolitischen Spannungen
Die Nordmeerflotte ist der stärkste russische maritime Verbund und operiert von der Region Murmansk aus, was sie direkt an die Nordflanke der NATONorth Atlantic Treaty Organization bringt. Sie beheimatet den Großteil der russischen nuklearen U-Boote. Eine weitere Bedrohung ist der Einsatz von Spionageschiffen der Nordmeerflotte, die zur Kartierung von Unterwasserkabeln und Pipelines eingesetzt werden und damit für die kritische Infrastruktur eine Gefahr darstellen können.
Auch aus wirtschaftlicher Perspektive hat Deutschland ein hohes Interesse an freien Schifffahrtsrouten: Rund 90 Prozent des deutschen Außenhandelsvolumens werden über See abgewickelt. Jede Störung der Nordatlantikroute hätte durch die Belastung der Lieferketten oder die Gefährdung von Energieimporten unmittelbare Folgen für die wirtschaftliche Stabilität.
Militärisch trägt Deutschland vor allem über die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Strukturen zur Sicherung des Hohen Nordens bei. Die Deutsche Marine beteiligt sich regelmäßig an Übungen im Nordatlantik, stellt Fähigkeiten zur U-Boot-Jagd bereit und unterstützt die maritime Lagebilderstellung. Zudem gewinnt die Kooperation mit Norwegen, Dänemark und Island an Bedeutung – also den Ländern, die geografisch näher an der GIUKGreenland Iceland United Kingdom Gap-Lücke liegen und deren Infrastruktur für Aufklärung und Abschreckung essenziell ist.
Darüber hinaus hat die strategische Relevanz der Arktis in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Deutschland und die Verbündeten reagieren auf die wachsenden sicherheitspolitischen Risiken, die aus den verstärkten russischen Aktivitäten in der Arktis entstehen und die auch deutsche Interessen betreffen. Gemeinsam mit den Partnerländern wird aufmerksam die zunehmende Präsenz Chinas sowie die engere Zusammenarbeit zwischen Russland und China in der arktischen Region beobachtet. Chinas Interesse an der Sicherung des globalen Zugangs zu Rohstoffen ist einer der Treiber des Großmachtwettstreits. Und da das russische Wirtschaftsmodell auf fossilen Ressourcen basiert, von denen die Arktis reichlich Vorkommen hat, bestätigt die Arktis die russische Rolle als Energiemacht.
So hat auch in der Arktis das russische Großmachtstreben das sicherheitspolitische Umfeld für deutsches Engagement grundlegend verändert. Die Bundesregierung setzt weiterhin auf eine friedliche, kooperative Nutzung der Arktis im Rahmen einer regelbasierten internationalen Ordnung. Allerdings erschweren die Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auch hier die notwendige internationale Zusammenarbeit – sowohl beim Umgang mit den Folgen der Klimakrise als auch beim Schutz des ökologisch besonders sensiblen arktischen Raums.
2024 hat die Bundesregierung die Leitlinien deutscher Arktispolitik überarbeitet. Die Wahrung von Sicherheit und Stabilität in der Arktis sowie ein verstärktes sicherheitspolitisches Engagement innerhalb der NATONorth Atlantic Treaty Organization ist einer der Schwerpunkte der neuen Arktisstrategie. Beschrieben wird hier, dass Russland in den vergangenen Jahren eine Remilitarisierung der Arktis vorangetrieben hat. Durch das Abschmelzen des Eises würden sich neue wirtschaftliche, politische und militärische Handlungsspielräume für arktische und nicht-arktische Staaten ergeben. „Die Region entwickelt sich daher zunehmend zu einer Arena geopolitischer Spannungen“, heißt es in den Leitlinien.
Für Sicherheit und Stabilität in der Region wird Deutschland die Kooperation – vor allem mit den geografisch betroffenen Verbündeten – ausbauen. Das Ziel ist die Intensivierung gemeinsamer Übungen und Ausbildungen unter den herausfordernden klimatischen Bedingungen sowie die Verbesserung der eigenen Fähigkeiten. Die Bundeswehr investiert zum Beispiel in neue U-Boote, Fregatten sowie Seefernaufklärer und stärkt so die maritimen Sicherheitspartnerschaften für den Nordatlantik.