10.06.2003 Rede anlässlich der trauerfeier der getöteten Soldaten der Bundewehr
Köln-Wahn, 10.06.2003.
Rede des Bundesministers der Verteidigung, Dr. Peter Struck, anlässlich der Trauerfeier für die am 7. Juni 2003 in Kabul getöteten Soldaten der Bundeswehr. Es gilt das gesprochene Wort.
Es gilt das gesprochene Wort!
Liebe Angehörige,
liebe Trauergäste,
heute nehmen wir gemeinsam Abschied von den vier Soldaten, die vor drei Tagen, am 7. Juni bei einem heimtückischen Terroranschlag ihr Leben verloren haben.
Wir alle sind zutiefst erschüttert und bestürzt über dieses Unglück. Uns erfüllt eine große Trauer.
Wir trauern mit Ihnen, den Eltern, den Ehefrauen, den Kindern, den Lebensgefährtinnen, und mit den Kameraden, Freunden und Bekannten.
Wir fühlen uns tief verbunden mit dem unermesslichen Leid, das Ihnen widerfahren ist.
Ihr Leid ist auch unser Leid. Ihr Schmerz ist auch unser Schmerz.
Unsere Gedanken gelten auch den 29, zum Teil schwer verletzten, Soldaten und ihren Angehörigen.
Wir wünschen den Verletzten baldige Genesung.
Die Reaktionen auf diese Tragödie nicht nur bei den Angehörigen des ISAF-Kontingents selbst, sondern auch an den Standorten der Soldaten in Daun, in Frankenberg und in Rotenburg - zeigen das Ausmaß der Betrof-fenheit und des Mitgefühls der Bürgerinnen und Bürger mit den Familien der Opfer.
In Kabul sind vier Männer ums Leben gekommen, die, wie Bundeskanzler Gerhard Schröder es ausgedrückt hat, ihre Gesundheit und ihr Leben für eine bessere und friedliche Zukunft des Landes eingesetzt haben.
Sie haben dort für Menschenrechte und Freiheit, gegen den Krieg und für mehr Sicherheit weit über die Region hinaus gewirkt und sich in die Pflicht nehmen lassen.
Die vier getöteten Soldaten
- Truppführer Oberfähnrich Andreas Beljo aus Eldorf
- Truppführer Oberfeldwebel Carsten Kühlmorgen aus Chemnitz
- Übersetzer Feldwebel Helmi Jimenez-Paradis aus Wunstorf
- Schirrmeister Stabsunteroffizier Jörg Baasch aus Densborn
gehörten alle der Aufklärungskompanie der ISAF bzw. den Aufklärungskräften der Streitkräftebasis an.
Sie befanden sich zum Kontingent-Ende auf der Fahrt zum Kabul International Airport zur Rückverlegung nach Deutschland.
Die Untersuchungen des Terroranschlages sind noch nicht abgeschlossen.
Aber viele Gründe sprechen dafür, dass es sich um einen Selbstmordanschlag gehandelt hat.
Einmal mehr wurde unsere Einschätzung auf schreckliche Weise bestätigt, dass die Lage in Afghanistan weder sicher noch stabil ist.
Doch unsere Soldaten sind genau aus diesem Grunde dort, um zu verhindern, dass das Land in die Anarchie zurückgebombt wird.
Wir bilden unsere Soldaten umfassend aus, bereiten sie intensiv auf den Einsatz vor und treffen alle erdenklichen Maßnahmen zum Schutz unserer Soldaten im Einsatz.
Dies war auch an diesem Tage der Fall.
Auf einen bevorstehenden Anschlag gab es keine Hinweise.
Wir werden natürlich über die Sicherheitsmaßnahmen gemeinsam mit den anderen 28 ISAF-Staaten nachdenken.
Aber neben dem Gebot, die Sicherheit unserer Soldaten zu gewährleisten, gilt es, das Vertrauen in der Bevölkerung zu wecken und das Vertrauen in unsere Soldaten zu erhalten.
Dies geht nicht, wenn die ISAF-Truppe sich einbunkert.
Gegen feige und hinterhältige Selbstmordanschläge gibt es unter keinen Umständen einen umfassenden Schutz.
Auch beste Ausbildung und beste Ausrüstung können dies nicht.
Uns alle trifft dieser Schicksalsschlag schwer.
Die Angehörigen der Streitkräfte trauern um ihre Kameraden.
Ihr Tod reißt tiefe Lücken. Wir trauern mit ihnen um jeden Einzelnen.
Die vier Männer, deren Tod uns heute mit großem Schmerz erfüllt, sind im Dienst gestorben. Aber was heißt das?
Sie sind im Dienst für uns alle gestorben. Sie sind für den Frieden gestorben, für unsere Sicherheit und damit für unser Land.
Sie sind auch für die Menschen gestorben, denen sie vor Ort, unter gefährlichen Bedingungen, Tag für Tag den Weg zurück zu einem Leben in Normalität ebnen wollten.
Die herausragende Rolle Deutschlands und der Bundeswehr für die Zukunft Afghanistans wird vom Vertrauen der afghanischen Regierung und der afghanischen Bevölkerung getragen.
Niemand erfährt dies stärker als unsere Soldatinnen und Soldaten in Kabul. Jeder spürt das, der sich in Kabul ein Bild von der Situation macht.
Am 20. Dezember hat der Deutsche Bundestag mit 98 Prozent der Stimmen die Fortsetzung der Beteiligung der Bundeswehr am ISAF-Einsatz gebilligt.
Damit wurde ein deutliches Signal gegeben: Die deutschen Soldatinnen und Soldaten als Teil des Einsatzkontingents ISAF können sich der breiten politischen Unterstützung des Parlaments und der Menschen in Deutschland gewiss sein.
Denn wir alle wissen: Nur wenn wir dort, zusammen mit anderen, für ein sicheres Umfeld sorgen, verhindern wir den Rückfall in Zeiten der Unterdrückung und des Bürgerkriegs.
Nur so entziehen wir den Terroristen in Afghanistan ein sicheres Rückzugsgebiet und einen Ausbildungsraum und tragen dazu bei, dass die ganze Region nicht weiter destabilisiert wird.
Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus ist noch lange nicht gewonnen.
Dies hat auch der amerikanische Präsident Bush betont, als er am Samstagnachmittag in einem Telefonat mit Bundeskanzler Schröder den Familien der Opfer sein Mitgefühl und seine Anteilnahme ausgedrückt hat.
Um in der heutigen Welt unsere Sicherheit zu gewährleisten, müssen wir dort handeln, wo sie gefährdet wird.
Denn die Risiken und Bedrohungen in der heutigen Welt kennen keine Entfernungen und keine Grenzen.
Liebe Angehörige,
Sie sind mit Ihrer Trauer nicht allein. Viele Menschen im In- und Ausland empfinden mit Ihnen. Zahlreiche befreundete Regierungen haben ihr Beileid ausgedrückt.
Wir verneigen uns in Trauer vor den Toten. Wir werden Ihnen ein ehrendes Andenken bewahren.
Wer wie Sie von einem unerbittlichen Schicksalsschlag wie diesem getroffen wurde, den kann nichts wirklich trösten.
Worte des Trosts und der Hilfe mögen in diesen Minuten vor der Größe Ihres Schmerzes schier versagen.
Sie sollten aber wissen, dass Sie sich in der Stunde der Not auf das Band der Kameradschaft und der Treue verlassen können, das Ihre Männer, Väter und Söhne in ihrem soldatischen Leben verbunden hat.
Ich wünsche Ihnen in dieser schweren Zeit Menschen, die Ihnen nahe stehen und auf die Sie sich stützen können.
Ich wünsche Ihnen allen, den Familien und ihren Freunden und Ihnen, den Angehörigen der Streitkräftebasis, Kraft und Gottes Segen.
