Rede des Bundesministers der Verteidigung, Dr. Franz Josef Jung, anlässlich der Kommandoübergabe über die deutsche Marine von Vizeadmiral Feldt an Vizeadmiral Nolting
Flensburg, 25.04.2006.
Rede des Bundesministers der Verteidigung, Dr. Franz Josef Jung, anlässlich der Kommandoübergabe über die deutsche Marine von Vizeadmiral Feldt an Vizeadmiral Nolting am 25. April 2006 an der Marineschule Mürwik
Es gilt das gesprochene Wort!
In wenigen Minuten übergebe ich das Kommando über die deutsche Marine von Vizeadmiral Feldt an Vizeadmiral Nolting.
Ich freue mich, zu diesem besonderen Ereignis zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland zu begrüßen.
Ihr Kommen ist ein deutliches Zeichen der Wertschätzung für den scheidenden sowie für den neuen Inspekteur der Marine.
In der 50-jährigen Erfolgsgeschichte unserer Marine ist dies bereits die 12. Kommandoübergabe. Ich freue mich, dass Sie, Herr Admiral Feldt, die beeindruckende Kulisse der Marineschule für diesen Anlass ausgewählt haben.
Die Marineschule wurde vor knapp 100 Jahren eröffnet. Seit 50 Jahren werden hier junge Menschen zu Marineoffizieren der Bundeswehr ausgebildet. Teil dieser Ausbildung ist die intensive Auseinandersetzung mit Geschichte und Tradition. Dafür ist Mürwik ein bestens geeigneter Ort; denn hier können die Offiziere und Offizieranwärter die Geschichte der Marine tagtäglich erleben.
Dies erleichtert ihnen die Entwicklung ihrer historischen Urteilskraft vor allem im Hinblick auf die Frage, wo Geschichte zur Traditionsbildung taugt und welche Traditionen Eingang in ihr Selbstverständnis als Marineoffiziere finden.
Bei Traditionen geht es immer - und das möchte ich hier besonders betonen - um unsere Zukunft. Traditionspflege ist Zukunftsvorsorge - für jeden Einzelnen sowie für die Bundeswehr als Ganzes.
Wir pflegen Traditionen, weil die darin verankerten Werte den Soldatinnen und Soldaten wie auch den zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern helfen, ihre schwierigen Aufgaben auch in Zukunft zu erfüllen.
Diese Zukunftsorientierung kommt in dem Leitmotiv der Marineschule "Junger Geist in alten Mauern!" anschaulich zum Ausdruck.
Wer hier ausgebildet wird, dem geht es um Menschenwürde, Freiheit und Verantwortung sowie um Kreativität und Innovation. In der Kaiserzeit erbaut, ist die Marineschule heute ein Gebäude, das die Bindung der deutschen Marine an Demokratie und multinationale Zusammenarbeit in jeder Fuge zum Ausdruck bringt.
Sie, Herr Admiral Feldt, haben bereits als Befehlshaber der Flotte großen Wert auf die historische Bildung Ihrer Marineoffiziere gelegt. Die bereits 46 mal durchgeführten Historisch-Taktischen Tagungen bilden eine eigene Tradition, auf die die Marine stolz sein kann.
Meine Damen und Herren!
Am 27. Februar 2003 wurde Admiral Feldt Inspekteur der Marine. Er übernahm damit die Verantwortung für die Einsatzbereitschaft der deutschen Marine, d.h. für rund 18.000 Frauen und Männer.
Heute, an seinem 61. Geburtstag, endet diese Amtszeit. In den letzten drei Jahren stand Ihr Name, Herr Admiral, für die konzeptionelle Neuausrichtung der Marine.
Heute liegt der Schwerpunkt maritimer Einsätze nicht mehr auf großräumig angelegten Operationen auf Hoher See. Vielmehr geht es vor allem darum, in entfernten Randmeeren und Küstenregionen die See als Basis zu nutzen, um in einem Einsatzland die erforderliche Wirkung zu erzielen.
Dazu haben Sie die fünf Typflottillen zu zwei Einsatzflottillen und zwei Marinefliegergeschwadern zusammengefasst und Marineschutzkräfte aufgebaut. Mit den neuen Schiffen und Booten sowie Flugzeugen und Hubschraubern wird die Marine über die Mittel für dieses neue Einsatzspektrum verfügen. Ich nenne hier nur die Korvetten der Klasse 130, die Uboote der Klasse 212A sowie die Seefernaufklärungsflugzeuge vom Typ P-3C ORION.
In diesem Zusammenhang möchte ich die Aufgaben der Marine im Rahmen der NATO Response Force sowie der EU Battle Groups herausstellen. Diese Fähigkeiten sind bisher in der Öffentlichkeit wenig bekannt, obwohl sie für die Zukunft von NATO und EU höchste Bedeutung besitzen und die Bundeswehr sich mit aller Kraft bei ihrer Umsetzung engagiert.
So stellt die Marine eine ständige Beteiligung an der NATO Response Force sicher und beteiligt sich zusammen mit Frankreich und anderen Nationen an einer maritimen Komponente für die EU Battle Group im Jahre 2007.
Meine Damen und Herren!
Admiral Feldts Name steht auch für die konsequente Weiterentwicklung der Marine für streitkräftegemeinsame Operationen. Gemeinsame Übungen mit Heer und Luftwaffe, Zusammenarbeit bei der Erstellung von operativ-taktischen Konzepten sowie die Abstimmung von Rüstungsvorhaben - das ist der Kurs, der unter Admiral Feldt anlag.
Ein gutes Beispiel für diesen Kurs ist der Beitrag der Marine zum Bundeswehreinsatz Anfang 2005 in Banda Aceh auf Sumatra, das durch die Tsunami-Katastrophe heimgesucht wurde. Der Einsatzgruppenversorger BERLIN bildete hier eine Basis auf See, von der aus Rettungsteams des Sanitätsdienstes, aber auch von internationalen Partnern und zivilen Hilfsorganisationen operieren konnten.
Sie, Herr Admiral Feldt, übergeben eine Marine, die auch im internationalen Vergleich beispielhaft für "truly joint and combined" ist. Das ist der überzeugendste Beweis für die Relevanz der Marine!
Meine Damen und Herren!
Den umfassenden und kontinuierlichen Veränderungsprozess in der Bundeswehr bezeichnen wir als Transformation. Wie unsere Alliierten und Partner, mit denen wir auf diesem Gebiet eng zusammenarbeiten, stellen wir damit klar, dass der Begriff "Reform" die neuen Herausforderungen nicht mehr adäquat beschreibt.
Die 90er Jahre haben gezeigt, dass die Bundeswehr Reformen nie wie geplant abschließen konnte, weil sie bereits mit der nächsten Reform beginnen musste. Reformen wären heute angesichts der raschen Änderungen im sicherheitspolitischen immer zu spät. So könnten wir unsere Streitkräfte nur für Probleme von gestern, nicht aber von morgen vorbereiten!
Sie, Herr Admiral Feldt, haben in der Marine die notwendigen Impulse für diese permanente Weiterentwicklung gegeben. Ihr Motto "Wandel im Handeln setzt Wandel in den Köpfen voraus" hat deutlich gemacht, dass auch der Einzelne sich in seinen Fähigkeiten und Einstellungen weiterentwickeln muss. Damit rückt die Innere Führung in den Mittelpunkt.
Unsere Soldatinnen und Soldaten müssen die neuen Anforderungen positiv erleben, um statt der unausweichlichen Belastungen vor allem die damit verbundenen Chancen zu sehen.
Führung muss auch immer Fürsorge einschließen. Die sozialen Rahmenbedingungen des militärischen Dienstes müssen an die neuen Anforderungen angepasst werden!
Sie, Herr Admiral, hatten für die Sorgen und Nöte Ihrer Frauen und Männer, die durch die immer wiederkehrenden, teilweise langen Abwesenheiten verursacht wurden, stets ein offenes Ohr. Ich möchte an dieser Stelle den Dienst der Soldatinnen und Soldaten ausdrücklich würdigen und darin insbesondere auch die Familien einschließen, die jahraus, jahrein viele Monate auf sich allein gestellt sind.
Wir müssen alles dafür tun, die Abwesenheiten auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Daher begrüße ich die innovativen Konzepte, die unter Ihrer Führung, Herr Admiral Feldt, entwickelt wurden, um die personelle Durchhaltefähigkeit der Flotte zu verbessern. Ich selbst werde mich nach Kräften dafür einsetzen, dass die Familien von Soldatinnen und Soldaten im Einsatz die bestmögliche Unterstützung erhalten.
Meine Damen und Herren!
Deutschland mit seiner enorm im- und exportabhängigen Wirtschaft ist auf einen freien Warenverkehr über See angewiesen. Einschränkungen des Seeverkehrs und damit der Rohstoff- und Warenströme werden unsere Bürgerinnen und Bürger sofort an den Preisen für Waren aller Art ablesen können. Der freie Handel über See ist daher der größte Schatz des Meeres!
Sie, Herr Admiral, haben diese Wahrheiten mit entwaffnender Klarheit herausgearbeitet und das maritime Bewusstsein vor allem im kontinental geprägten Berlin gestärkt. Dank Ihres Engagements ist auch die Einsicht gewachsen, dass Deutschland eine rechtliche Regelung zur Sicherheit im Seeverkehr benötigt. Mein Ziel ist es, dass die Marine ihre Mittel auf gesicherter Rechtsgrundlage dort einsetzen kann, wo andere Stellen nicht aktiv werden können.
Herr Admiral Feldt!
Sie haben die Transformation der Marine mit viel Durchsetzungs- und Überzeugungskraft vorangebracht. Sie haben deutlich gemacht, wozu wir eine leistungsfähige Marine haben und in Zukunft weiterhin brauchen.
Sie haben die Relevanz der Marine unter Beweis gestellt - für die Einsätze der Bundeswehr, für unseren Beitrag in NATO und EU, für die Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger. Die Marine ist auf Kurs; Sie können beruhigt die Brücke verlassen.
Herr Admiral Feldt!
Ich danke Ihnen für Ihren Dienst als Inspekteur der Marine und entbinde Sie hiermit vom Kommando über die Marine.
Herr Admiral Nolting!
Als ehemaliger Amtschef des Marineamtes und ehemaliger Befehlshaber der Flotte bringen Sie die besten Voraussetzungen für dieses anspruchsvolle Amt mit.
Sie genießen hohes Vertrauen in der Marine und besitzen umfangreiche Erfahrung in der ministeriellen Arbeit. Und als ehemaliger Kampfschwimmer verfügen Sie über die erforderliche Ausdauer in Belastungssituationen und einen ausgeprägten Mut zum Handeln.
Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen und wünsche Ihnen für die neue Aufgabe eine glückliche Hand.
Herr Admiral Nolting!
Hiermit übertrage ich Ihnen das Amt des Inspekteurs der Marine.
Ich danke Ihnen.








