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Von Kleist: Rede beim Feierlichen Gelöbnis vor dem Reichstag in Berlin

Berlin, 20.07.2010.
Rede von Ewald-Heinrich von Kleist beim Feierlichen Gelöbnis vor dem Reichstag in Berlin am 20. Juli 2010.

Am 20. Juli 1944 versuchten wenige Männer nicht weit von hier, die Untaten eines verbrecherischen Regimes zu beenden. Es ist oft gesagt worden, dieser Versuch sei zu spät gewesen oder spät. Das ist richtig. Aber es gab vorher leider niemand, der zur Tat bereit war. Die Frage ist: Hätte es eine Möglichkeit gegeben? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Es ist der berühmte 30. Juni 1934, der sog. Röhm-Putsch, wo etwas ganz Unerhörtes passierte: Der deutsche Staat wurde zu ersten Mal als Staat zum Mörder.

Man kann oft darüber reden, was man weiß, was man wusste, oder was man nicht wusste. Dieses war für alle klar erkenntlich: Es wurden nicht nur einige SA-Führer ermordet, sondern auch ein großer Teil Missliebiger. Es ist erstaunlich, dass die Reichswehr, die damals durchaus leicht die Möglichkeit gehabt hätte, dies zu verhindern, nichts tat. Die Reichswehrführung versagte sich, obwohl zwei Generale der Reichswehr ermordet wurden, der eine gleich mit seiner Frau. Das ist ein – wenn man sich sehr zurückhaltend ausdrückt – äußerst befremdlicher Umstand gewesen. Auch ist es merkwürdig, dass in unseren heutigen Diskussionen diese Tat keine besondere Rolle spielt. Dabei ist es eigentlich ein Schlüsselerlebnis gewesen. Von da an wusste man, was auf uns zukommen würde.

Es war ein Regime, das sein Mordziel sofort und offen ausübte und die Repräsentanten des Regimes rühmten sich dessen sogar. Von da an wusste Hitler, dass ihm aus dieser Ecke keine großen Gefahren entstehen würden, und das war eine sehr unheilvolle Erkenntnis für die Zukunft. In den folgenden Jahren verfestigte sich das Regime zu einem sehr gut funktionierenden Machtapparat. Leider funktionierte er „sehr gut,“ und es war schwer, dagegen etwas zu unternehmen. Was sollte der Einzelne, was sollte der Wissenschaftler, der Landwirt, der Gewerkschafter - was konnte er tun? Er konnte nichts tun gegen diesen Machtapparat! Die Einzigen, die in Frage gekommen wären, war das Militär. Und hier natürlich die militärischen Spitzen in der Hierarchie. Sie wurden bedrängt und man hat versucht, sie zu beeinflussen, aber sie versagten sich. Eine große und tiefe Depression war die Folge dieser schrecklichen tatenlosen Zeit bei denen, die etwas verändern wollten. Im Jahre 1943 kamen durch unglaublich glückliche Umstände exorbitante Persönlichkeiten, charakterlich wie fachlich, in militärische Schlüsselpositionen.

Sie begannen sofort zielstrebig an Themen zu arbeiten, um dieses Regime zu beseitigen. Diejenigen, die nie in einer Diktatur gelebt haben, immer in Freiheit waren, können nicht ermessen, wie kompliziert und schwierig es war. Was waren das für Leute, was waren das für Männer? Wir lebten damals nicht in einer globalisierten Welt, sondern diese Männer waren ihrem Land und ihrem Volk verbunden, nein, verpflichtet. Das Wort „dienen“ in einer Gemeinschaft war nichts Ungewöhnliches, sondern etwas Selbstverständliches, eigentlich ein Muss. Und sie hatten begriffen, dass es Wichtigeres gibt als das eigene Dasein.

Die Umstände waren äußerst schwierig und man muss sich einmal fragen, was waren eigentlich die wesentlichen Gründe, die sie bewegten? Sie mögen unterschiedlich für den Einzelnen gewesen sein, aber in einem waren sie sich wohl alle einig. Die tiefe Scham und das Entsetzen, dass diese Verbrechen im deutschen Namen von einer deutschen Regierung begangen wurden. Ihre absolute Ungeduld, den Rechtsstaat wieder herzustellen, das trat immer wieder hervor. Die Hoffnung spielte wohl auch eine Rolle, dass man der Welt zeigen wollte, dass nicht alles hingenommen worden war. Der entscheidende und wichtigste Grund war aber, dass man das entsetzliche Töten beenden wollte.

Diese Männer hatten in der Praxis erlebt, die meisten zumindest von ihnen, was es bedeutet, wenn gutgläubige, verführte Menschen geopfert werden. Sie hatten begriffen, dass der Tod eines jeden, der unnötig geopfert wird, eine ungeheure Tragödie ist. Sie dachten aber nicht nur an die Soldaten an der Front, sondern auch die Menschen in der Heimat erlitten Schreckliches, wenn nach den Bombenteppichen Straßen zusammenstürzten und die Menschen in den Kellern verschüttet waren, nicht wissend, ob sie verbrennen, ersticken oder befreit würden. Das Eis war dünn. Es war ungewöhnlich schwer, gegen den gigantischen Apparat etwas zu unternehmen. Aber es musste gewagt werden.

Derjenige, der nie einen Krieg erlebt hat, weiß nicht, wie es wirklich ist. Man kann es zwar theoretisch zur Kenntnis nehmen, dass es schrecklich ist, aber die Praxis ist so unterschiedlich zur der theoretischen Erkenntnis, dass selbst der Wortgewaltigste es nicht ausreichend erklären könnte. Wir kennen das Ergebnis. Sie hatten keinen Erfolg und wir mussten den bitteren Weg bis zum Ende weitergehen. Der bittere Weg vom 20. Juli 1944 bis zum 8. Mai 1945 sind wesentlich mehr Menschen umgekommen als in sämtlichen Jahren des Krieges davor. Das ist ein Satz, den man leicht aussprechen kann, aber was er beinhaltet und was er bedeutet, kann man nicht ermessen. Allein deswegen musste es gewagt werden. Es ist hinterher, oder auch gelegentlich jetzt noch, den Männern vorgehalten worden, sie hätten aus Opportunismus gehandelt. Das ist eine extrem absurde Behauptung.

Man kann zwar aus Opportunismus sehr viel tun, aber eins tut man ganz bestimmt nicht: Man stirbt nicht aus Opportunismus. Seit dem 8. Mai 1945 haben wir hier Frieden gehabt, wobei der Leidensweg für Viele noch nicht zu Ende war. Vor kurzer Zeit stellte sich die euphorische Vorstellung heraus, man würde keine bewaffneten Konflikte mehr haben. Etwas, was durch die Praxis sehr schnell verändert wurde und es bauten sich sehr gefährliche Drohkulissen auf. Gefährlich für uns alle und mit schrecklichen Möglichkeiten in der Auswirkung. Wir haben mit Maß und Zähigkeit und Konsequenz reagiert.

Wir haben uns einen Schutzwall geschaffen. Wir haben die NATO gegründet und wir haben unsere Bundeswehr gegründet und unsere Bundeswehr in den Schutzwall integriert. Und obwohl zu gewissen Zeitpunkten eine ungeheure Gefahr von geradezu apokalyptischen Zuständen bestand, ist - Gott sei Dank - das an uns vorüber gegangen. Dank der Festigkeit und der ruhigen Haltung unserer Regierungen, und wir danken dies auch unserer Bundeswehr. Unsere Bundeswehr, die in den Schutzwall integriert war und da war, um uns zu verteidigen. Wir wollen das nicht vergessen.

Wir wollen ihr danken, ausdrücklich, und wir wollen zu ihr stehen. Wir haben eine Epoche von 65 Jahren Frieden hier in Zentraleuropa gehabt. Das hat es vorher nicht gegeben. Es ist eine einmalige Glücksoase gewesen. Allerdings muss sie gepflegt werden. Es ist nicht selbstverständlich, und es ist nicht überall auf der Welt so, dass diese Oase den Menschen Frieden gibt. Frieden und Freiheit, das muss man natürlich im Zusammenhang sehen. Es gehört zusammen! Es gibt Gegenden in dieser Welt, wo es anders aussieht. Wir denken an Afghanistan, wo unsere Soldaten im Einsatz sind und wo wir schmerzliche Verluste haben. Jeder einzelne Verlust ist für uns Seelenschmerz.

Wir wollen uns nicht daran gewöhnen und wir haben Sorgen um unsere Soldaten, die dort im Einsatz sind. Sie, die Sie heute das Gelöbnis hier ablegen, Sie können erwarten, dass die Verantwortlichen niemals vergessen, dass Blut und Leben der Anvertrauten das höchste und teuerste Gut ist, was wir haben. Wir haben nichts Wertvolleres! Aufgabe der Sicherheitspolitik ist es, dies zu schützen. Wir hoffen, dass dies so sein wird. Und Sie können erwarten, dass man das nie vergessen wird. Ich wünsche Ihnen, wenn Sie in das Zivilleben zurückkehren, dass Sie die befriedigende Überzeugung mitnehmen, Ihren Teil für uns geleistet zu haben. Und dass wir Ihnen den Dank entgegenbringen, den wir für Ihre Vorgänger haben!

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Stand vom: 03.12.13


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