General Pfeffer: Die Rolle von ISAF hat sich gewandelt
Berlin, 24.09.2012.
Generalmajor Erich Pfeffer ist ISAF-Kommandeur für Nordafghanistan. Im Interview mit bmvg.de spricht der General über die Lage im Norden vor dem Hintergrund der Rückverlegung der ISAF-Truppen.

Herr General, seit einem halben Jahr sind Sie Kommandeur des RC North. Wenn Sie jetzt auf die Zeit zurückblicken, welche vorläufige Bilanz ziehen Sie? Worin bestehen derzeit die größten Herausforderungen?
Das Jahr 2012 steht hier im Norden im Zeichen der schrittweisen und der zunehmenden Übernahme der Sicherheitsverantwortung durch die afghanischen Sicherheitskräfte. Man kann sagen, dass „Afghan Lead“ – das Schlagwort für diese schrittweise Übernahme – hier im Norden bereits Realität ist. Die Rolle von ISAF hat sich gewandelt zu einer Beratungs- und Unterstützungsfunktion.
Ich sehe hier im Norden über die vergangenen Monate zwei wesentliche positive Trends: Das Eine ist die Entwicklung der Sicherheitslage in eine positive Richtung. Zum Zweiten die zunehmende Verbesserung der Qualität bei den afghanischen Sicherheitskräften – trotz aller Schwächen, die es bei den afghanischen Sicherheitskräften noch gibt. Die Kernherausforderung besteht darin, die Qualität der afghanischen Sicherheitskräfte mit den richtigen Schwerpunkten zu steigern.
Auf welchem Stand sind wir jetzt, was die Qualität der afghanischen Sicherheitskräfte angeht?
Die afghanischen Sicherheitskräfte haben einen Leistungsstand mit dem sie im Wesentlichen schon eigenständig ihre Sicherheitsaufgaben wahrnehmen. Sie planen die Sicherheitsoperationen mit unserer Unterstützung, aber sie planen sie hauptsächlich eigenständig und führen sie im Kern eigenständig und unter afghanischer Führung durch. Wir unterstützen beratend in der Durchführung von Operationen, aber auch, wo notwendig, mit eigenen unterstützenden Fähigkeiten.
Worauf konzentriert sich jetzt die Arbeit mit der afghanischen Armee, was die Qualität angeht?
Die Schwerpunkte sind ganz klar Führung und Logistik. Vor allem im Bereich Logistik müssen wir einen klaren Schwerpunkt setzen. Also in allen Fragen des Nachschubs, der Instandsetzung von Material, aber auch von Infrastruktur. Also das, was wir militärisch als Durchhaltefähigkeit bezeichnen. Das ist der Bereich, wo wir den größten Schwerpunkt legen.
Führung ist praktisch eine Daueraufgabe und deshalb liegt dort ebenfalls ein Schwerpunkt. Die Afghanen haben ein sehr zentralisiertes, ein sehr „Top-down“-geprägtes Verständnis von Führung. Deshalb streben wir bei der Qualität der Führung nach weiteren Verbesserungen. Das ist ein ganz bestimmender Faktor für die gesamte Qualität der Truppe.
Wie weit ist die afghanische Armee in der Lage, ihre Soldaten eigenständig auszubilden?
Die Ausbildung an Schulen und in der Truppe erfolgt durch Afghanen. Aber sie werden dabei durch Berater von ISAF unterstützt. In Einzelfällen gibt es auch noch Ausbildung durch ISAF-Ausbilder. Das heißt Fachleute bilden Ausbilder der afghanischen Sicherheitskräfte aus. Das tun wir beispielsweise im Bereich Counter-IED. Hier ist aufgrund der Bedrohungslage ein deutlicher Schwerpunkt gesetzt. In der Regel werden jedoch die afghanischen Ausbilder nur noch beraten.
Die deutschen Kräfte wurden in den vergangenen Wochen umstrukturiert: Es wurden die sogenannten „Partnering Advisory Task-Force“ (PATF) in Kundus und Masar-i Scharif aufgestellt. Warum war dieser Schritt notwendig und was hat sich am Auftrag der deutschen Soldaten geändert?
Diese Umstrukturierung ist die Folge des Rollenwechsels von ISAF und der ANSF: Die Fähigkeiten und damit auch die Strukturen von ISAF konzentrieren sich jetzt auf unterstützende Aufgaben, wie zum Beispiel Kampfmittelbeseitigung, Aufklärung und Unterstützung aus der Luft sowie Beratungsteams. Da liegt jetzt der Schwerpunkt und nicht mehr bei Kampftruppen.
Die wesentliche Rolle der Kampftruppe ist der Schutz eigener Kräfte oder als Reserve. Der Auftrag an sich, die afghanischen Sicherheitskräfte aufzubauen und gemeinsam ein sicheres Umfeld zu schaffen, hat sich aber nicht geändert. Vielmehr hat sich die Rolle in diesem gemeinsamen Auftrag mit den afghanischen Sicherheitskräften verändert.
In den vergangenen Wochen wurde häufig über Angriffe von afghanischen Soldaten oder Polizisten auf ISAF-Soldaten berichtet. Was können Sie zu den Hintergründen sagen? Kann dabei von Unterwanderung gesprochen werden?
Im Norden gab es 2012 bislang einen Vorfall, bei dem zwei ISAF-Soldaten verwundet wurden. Wenn man diesen Vorfall betrachtet und ihn in den Kontext von etwa 36.000 afghanischen Sicherheitskräften stellt, dann relativiert sich die Gefahr. Trotzdem ist das grundsätzliche Risiko vorhanden. Bei den meisten Vorfällen lässt sich die Ursache nicht mehr mit Sicherheit feststellen.
Es gibt sehr wohl einzelne Fälle, wo man im Nachhinein feststellen kann, dass sich der Betroffene in einem problematischen Umfeld bewegt hat. Aber von einer Infiltration im größeren Stil kann nicht gesprochen werden. Wenn Sie die Fälle insgesamt sehen, jetzt bezogen auf den Norden beispielsweise, dann relativiert sich das deutlich. Die meisten Fälle sind ganz deutlich auf Stress, persönlich empfundene Verletzung, insbesondere durch kulturelle Missverständnisse oder ähnliche Umstände zurückzuführen.
Welche Maßnahmen wurden im deutschen Verantwortungsbereich ergriffen, um solchen Vorfällen vorzubeugen?
Wir haben zunächst alle unsere Schutzmaßnahmen überprüft. Wo erforderlich, wurden Anpassungen vorgenommen, aber diese Anpassung auch mit unseren afghanischen Partnern besprochen. Transparenz ist ein ganz wesentlicher Punkt, um auch unsere afghanischen Partner von der Notwendigkeit dieser Maßnahmen zu überzeugen.
Auch unsere afghanischen Partner haben gleichzeitig eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, denn Sie sehen sich in der Verantwortung für unseren Schutz. Unsere wichtigste Maßnahme ist kulturelle Sensibilität und zwar auf allen Ebenen. Respekt und Achtung vor den Afghanen und ihrer Kultur ist ein ganz entscheidendes Element und die enge Zusammenarbeit mit unseren afghanischen Partnern der beste Schutz. Haben die Afghanen erst Vertrauen zu mir gefasst, fühlen sie sich auch für meinen Schutz verantwortlich – das ist Teil ihrer Kultur.
Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung, was den Wiederaufbau und die Rückverlegung der ISAF-Soldaten angeht?
Hier kann ich nur meine persönliche Wahrnehmung wiedergeben. Da sehe ich ganz unterschiedliche Strömungen, die reichen durchaus von einer gewissen Aufbruchsstimmung, gewisse Dinge selber in die Hand zu nehmen, bis hin zur großen Sorge über die Zeit nach ISAF.
Ich glaube, dass das völlig natürlich ist. Die afghanischen Sicherheitskräfte setzen alles daran, durch ihr Verhalten und ihre Maßnahmen die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass sie den Schutz der Bevölkerung sicherstellen können. Ich bin auch überzeugt, dass ihnen das, insbesondere bei einer weiteren Verbesserung der Sicherheitslage hier im Norden, auch gelingen wird.
Die Rückverlegung stellt jetzt die Bundeswehr und die Verbündeten logistisch und organisatorisch vor enorme Herausforderungen. Ist das bereits jetzt zu spüren?
Für uns im Norden ist dieses Jahr vor allem das Jahr der Planung. In diesem Jahr werden bei uns nur kleinere Feldlager aufgelöst, aber das vermittelt bereits hilfreiche Erfahrungen für die größeren Anstrengungen in den beiden folgenden Jahren. Der Kern ist derzeit die Planung und die Sammlung von Erfahrungen bei der Reduzierung in einzelnen Feldlagern.
Wann sind die Planungen abgeschlossen und was wird nach 2014 in Afghanistan noch gebraucht?
Im Grunde ist das Ganze ein kontinuierlicher Prozess der Bewertung. Je besser uns die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen gelingt, das heißt, auch die Qualität der afghanischen Sicherheitskräfte zu verbessern, umso mehr können wir uns auch mit Kräften zurücknehmen. Dadurch gewinnen wir Spielraum. Davon abhängig kann man entsprechende Schritte vornehmen, was die Veränderung eigener Strukturen und Fähigkeiten angeht.
Wann wird mit dem Rückbau der Feldlager begonnen? Welche Infrastruktur und welches Material soll den Afghanen überlassen werden?
Der Rückbau der beiden kleineren Feldlager in Faisabad und Hasrat-e Sultan läuft bereits und wird im Herbst abgeschlossen sein. In Faisabad ist es das Ziel, die Infrastruktur in Abstimmung mit den Afghanen so zu übergeben, dass sie im Anschluss durch die Afghanen weiter genutzt werden kann.
Das bedeutet, dass wir zwar eine ganze Menge von Material, insbesondere sicherheitsempfindliches Material, nach Deutschland zurückbringen, aber die grundlegende Funktionsfähigkeit des Feldlagers in Faisabad für die Afghanen erhalten bleibt. In Hasrat-e Sultan werden wir das Lager, welches deutlich kleiner ist, nahezu komplett zurückbauen, weil es da keine Folgenutzung gibt.
Stehen nach Faisabad und Hasrat-e Sultan noch weitere Übergaben an?
Nicht in diesem Jahr. Und die Entscheidungen über die weiteren Lager werden dann im nächsten Jahr zu treffen sein – abhängig von der Entwicklung der Sicherheitslage.
Inwieweit sind NATO-Verbündete bei der Rückverlegung auf die Deutschen angewiesen?
Unsere Verbündeten hier im Norden nutzen insbesondere das Camp Marmal als einen Umschlagpunkt für die Rückverlegung ihrer eigenen Kräfte und ihres Materials. Sie erfahren dabei direkte Unterstützung, indem wir ihnen im Camp Marmal beispielsweise Stellflächen zur Verfügung stellen für Container und Fahrzeuge. Wir unterstützen sie aber auch mit dem deutschen Luftumschlagzug, das heißt beim Transport, Beladen und Verstauen des Materials für den Lufttransport.
Pakistan hat angekündigt, die Versorgungsrouten nach Afghanistan wieder zu öffnen. Wie stark wird Deutschland diese südlichen Routen nutzen? Wird man jetzt mehr auf den Landweg zurückgreifen, da der Lufttransport erheblich teurer ist?
Der Transportweg hängt unter anderem davon ab, welches Gerät zu transportieren ist. Bestimmte Geräte gehen grundsätzlich in den Lufttransport, weil sie auf dem Land mit sehr hohen Sicherheitsmaßnahmen abgesichert werden müssten.
Alles andere geht in den Landtransport, den die zivilen Speditionen durchführen, egal ob mit Fahrzeug oder Eisenbahn. Im Rahmen von sogenannten „door-to-door“ Verträgen bekommen sie den Auftrag, hier logistische Güter abzuholen und nach Deutschland zu liefern. Welche Route gewählt wird, entscheidet die Spedition.

