Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung
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Deutschland gestaltet seine sicherheitspolitische Rolle neu. Was bedeutet das für die Bundeswehr? Ihre erste Militärstrategie überhaupt und der „Plan für die Streitkräfte“ geben die Antwort: Die Bundeswehr wird die stärkste konventionelle Armee Europas. Die Dokumente sind geheim, doch ein Teil wird in einem öffentlichen Gesamtdokument vorgestellt und als Diskussionsbeitrag für die Öffentlichkeit freigegeben.
Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, hat im April 2026 die erste Militärstrategie der Bundeswehr gezeichnet. In dem Dokument ist beschrieben, wie die Bundeswehr im Bündnis auf Bedrohungen reagiert – also auch, wie sie kämpfen wird, wenn sie kämpfen muss. Auf der Militärstrategie baut das neue Fähigkeitsprofil der Bundeswehr auf. Es macht Vorgaben für die Weiterentwicklung der Streitkräfte. Da das Fähigkeitsprofil nun erstmals militärstrategische Ziele umsetzen wird, ist es zum „Plan für die Streitkräfte“ geworden. Beide Dokumente ermöglichen eine zielgerichtete Steuerung des langfristigen Aufwuchses der Streitkräfte – angepasst an die Bedrohungslage und zukunftsoffen – und bilden zusammen die Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung.
Potenzielle Gegner sollen natürlich vorher nicht wissen, wie die Bundeswehr auf konkrete Bedrohungssituationen oder Angriffe reagiert und wie sie dafür aufgestellt wird. Deshalb sind die beiden Dokumente insgesamt geheim, ein Teil jedoch wird hiermit veröffentlicht. Der Ernst der Lage erfordert eine informierte Debatte in der Gesellschaft. Das gilt besonders für das Bedrohungsumfeld, auf das Deutschland und seine Verbündeten reagieren müssen.
Die wachsende Verflechtung von Akteuren und Krisenlagen führe dazu, dass regionale Konflikte globale Bedeutung gewinnen können, heißt es im Dokument. Das bedeutet, dass Deutschland und seine Verbündeten vor multidimensionalen Herausforderungen stehen können, wenn gleichzeitige Krisen und Konflikte herbeigeführt werden, um Aufmerksamkeit und Ressourcen zu binden. Für Deutschland liegt der Fokus hierbei auf der Bedrohung durch Russland. Denn der Kernauftrag der Bundeswehr ist die Landes- und Bündnisverteidigung.
Die Militärstrategie folgt dem Gedanken, dass Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas in einer komplexer und schärfer werdenden Bedrohungslage eine Führungsrolle in der NATO übernehmen muss und wird – auch militärisch. Sie ist Zeichen eines Paradigmenwechsels und untermauert unseren Gestaltungsanspruch.
Bereits in Deutschlands erste Nationaler Sicherheitsstrategie und im Strategischen Konzept der NATO wird Russland unmissverständlich als die bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung für Frieden und Sicherheit im euroatlantischen Raum identifiziert. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die europäische Friedensordnung zerstört und zwingt die NATO zu einer massiven Stärkung ihrer Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit. Hier geht es zu Deutschlands Nationaler Sicherheitsstrategie und zu den Verteidigungspolitischen Richtlinien von 2023.
Die Militärstrategie bekräftigt deshalb nicht nur die Landes- und Bündnisverteidigung als Kernauftrag. Sie stellt klar, dass die Abschreckung eines Gegners von einem Angriff oberste militärstrategische Priorität hat. Russland sei sowohl gesamtstaatlich als auch militärstrategisch eine umfassende Bedrohung: „Gesamtstaatlich, weil Russland bereits heute unterhalb der Schwelle des Krieges vorgeht und alle Elemente des Staates gefordert sind. Militärstrategisch, weil Russland Konflikte an seiner Peripherie nutzt und zudem mit weitreichenden Wirkmitteln Europa aus allen Richtungen bedroht.“
Insgesamt ergibt sich mit Blick auf die Ausweitung militärischer Aktivitäten und das damit verbundene Eskalationspotenzial ein verändertes Kriegsbild, auf das die Bundeswehr reagieren muss. Aber auch die gesamte Gesellschaft müsse sich auf die Bedrohungssituation einstellen, denn Staat, Wirtschaft und Bevölkerung seien ebenfalls Ziele: „Der Gegner wird die Trennung von Heimat und Gefechtsfeld, zivil und militärisch, innerer und äußerer Sicherheit, Krieg und Frieden sowie Kombattant und Nicht-Kombattant gezielt unterlaufen“, wird in der Strategie festgestellt. In dieser Entgrenzung des Krieges sei auf die Einhaltung anerkannter ethischer und rechtlicher Grundsätze kein Verlass mehr.
Deutschland denkt und plant Verteidigung im Bündnis. Eine glaubhafte Bündnisverteidigung erfordert jedoch eine neue strategische Rolle der Bundeswehr. Im engen Austausch mit Deutschlands Partnern und Verbündeten wird sich diese Rolle entwickeln.
Zusammen mit anderen Faktoren und dem sich wandelnden Kriegsbild ergeben sich weitreichende Folgerungen für die Bundeswehr. Sie muss laut Strategie beispielsweise in die Gesamtverteidigung Deutschlands eingebunden sein. Und sie muss zukunfts- und adaptionsfähig sein, also bei der Nutzung von Innovationen schneller als die Gegner und ihnen deshalb überlegen sein. Diese Folgerungen spiegeln sich auch im neuen Fähigkeitsprofil der Bundeswehr wider, um die Weiterentwicklung der Streitkräfte voranzutreiben.
Aus den militärstrategischen Vorgaben und den Folgerungen aus dem erwartbaren Kriegsbild wurde der „Plan für die Streitkräfte“ entwickelt. Er beschreibt, wie die Bundeswehr in drei Phasen bis zum Jahr 2039 zur konventionell stärksten Armee Europas wird:
Als größte Volkswirtschaft Europas und größter Alliierter ohne eigene Nuklearkräfte trage Deutschland besondere Verantwortung. Es gehe um die Rückversicherung der Verbündeten, eine glaubwürdige Abschreckung gegenüber Russland und die Verteidigung der NATO. Die neue strategische Lage fordere von der Bundeswehr als künftig stärkster konventioneller Armee Europas die Übernahme zusätzlicher Lasten für die Verteidigung Europas. Ein sichtbares Zeichen dafür sei zum Beispiel die dauerhafte Stationierung einer Kampfbrigade bei den Verbündeten in Litauen.
| Ein Militärstrategie-Dokument oder militärstrategisches Konzept ist ein offizielles Papier einer Regierung oder Verteidigungsorganisation, das festlegt, wie die Streitkräfte eines Staates eingesetzt werden, um nationale Sicherheitsinteressen und verteidigungspolitische Ziele zu erreichen. Eine Militärstrategie schlägt die Brücke zwischen der übergeordneten, politisch definierten Sicherheitspolitik (Sicherheitsstrategie) und der konkreten militärischen Einsatzplanung. |
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von Florian Manthey