Hannover Messe: Pistorius setzt auf Industrie und Innovation
Der Verteidigungsminister betont auf der Hannover Messe, wie wichtig die Wirtschaft für Sicherheit, Innovation und schnellere Beschaffung ist.
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Verteidigungsminister Boris Pistorius hat am 23. Juni 2026 am „Tag der Industrie“ des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) in Berlin teilgenommen. In seiner Rede sprach der Minister über das Zusammenspiel der Bundeswehr mit der Wirtschaft sowie der Forschung, den Kapazitätsausbau in der Rüstungsproduktion und das nötige Mindset in sicherheitspolitisch herausfordernden Zeiten.
Der „Tag der Industrie“ des BDI ist eine der zentralen wirtschaftspolitischen Konferenzen in Deutschland. Jährlich bringt die Veranstaltung über tausend geladene Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zusammen. In seiner Rede forderte Verteidigungsminister Pistorius eine noch engere Zusammenarbeit der Bereiche Verteidigung und Wirtschaft. Sicherheit sei die Voraussetzung für Freiheit und wirtschaftlichen Wohlstand. Denn ein friedliches und stabiles Europa, verlässliche Bündnisse und freie Handelswege seien die Grundlage industrieller Stärke.
Zukunft gelingt dort, wo Politik und Wirtschaft gemeinsam handeln und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Das gilt auch mit Blick auf den Schutz unseres Landes.
Ein verteidigungsfähiges Deutschland, führte der Minister aus, schütze auch Wirtschaft und Unternehmen. Gleichzeitig gebe es ohne eine leistungsfähige Wirtschaft, ohne starke industrielle Wertschöpfung keine Verteidigungsfähigkeit und keine glaubwürdige Abschreckung. In turbulenten Zeiten rief Pistorius dazu auf, gemeinsam für Sicherheit und Handlungsfähigkeit zu sorgen.
Der Minister verdeutlichte mit Blick auf die geopolitische Situation einmal mehr: Die internationale Ordnung, auf der Europas Sicherheit und Wohlstand beruhe, stehe im wahrsten Sinne des Wortes unter Beschuss. Russlands Krieg gegen die Ukraine, Chinas Versuche, die internationale Ordnung im eigenen Sinne umzugestalten und der starke Indo-Pazifik-Fokus der USA: All diese Entwicklungen erforderten, dass Deutschland und Europa sicherheitspolitisch eigenständiger würden, erklärte Pistorius.
„Aktuelle Kriege und Krisen fordern uns massiv heraus. Ihre Folgen sind längst in unseren Alltag eingezogen, reduzieren Wachstum und Wohlstand und erhöhen die Unsicherheit auch für Unternehmen“, so der Minister weiter. Hinzu komme, dass wirtschaftliche Abhängigkeiten instrumentalisiert würden, die Kontrolle über Lieferketten, Finanzsysteme und Schlüsseltechnologien seien zum Mittel rigoroser Machtpolitik geworden. Instabilität und Spannungen wirkten immer stärker nach Deutschland hinein. Das zeige auch die steigende Zahl hybrider Angriffe in vielen europäischen Ländern. Die Störung kritischer Infrastrukturen, gekappte Datenkabel in der Ostsee, drohnengestützte Spionage oder mediale Desinformationskampagnen – gerade diese hybriden Bedrohungen zielten bewusst auch auf Unternehmen und Lieferketten, warnte Pistorius.
Von der Beschaffung und Ausstattung über die Infrastruktur bis hin zum Geld, das der Bundeswehr nun zur Verfügung stehe: Die Bundesregierung habe den Schalter umgelegt und entscheidende Schritte nach vorne gemacht, zeigte der Minister auf. „Wir schaffen die Voraussetzungen für starke und durchhaltefähige Streitkräfte.“ Wesentlich sei jedoch, wie Politik, Militär, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam auf Krisen und strategische Herausforderungen reagierten.
Eine der wichtigsten strategischen Ressourcen sei eine resiliente, leistungsfähige und innovative wirtschaftliche Basis. „Sie ist keine Ergänzung unserer Sicherheit, sie ist vielmehr ihr Fundament und im Grunde so etwas wie eine erste Verteidigungslinie“, unterstrich Pistorius. Deshalb müsse es gelingen, einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren. Belastbare Lieferketten und der Zugang zu kritischen Rohstoffen seien die Lebensadern einer Volkswirtschaft – und ihrer Verteidigungsfähigkeit.
Um Deutschland und das Bündnisgebiet verteidigen und wirksam schützen zu können, brauche die Bundeswehr modernste Ausrüstung, Material und entsprechende Infrastruktur. Dafür, so der Verteidigungsminister weiter, investiere die Bundesregierung viele Milliarden. Vor allem von den Rekordinvestitionen in der Beschaffung gehe ein klares Zeichen an Wirtschaft und Industrie aus: „Wir unternehmen nicht nur die notwendigen Schritte für die Modernisierung der Bundeswehr. Wir schaffen auch langfristige und strategische Planungssicherheit für Sie als Unternehmen, für die Diversifizierung von Lieferketten und für die Ausweitung sowie den Aufbau von Produktionskapazitäten.“
Wir sind dabei, das Beschaffungswesen umzukrempeln. Wir beschleunigen unsere Prozesse und gehen neue Wege: Durch vergaberechtliche Erleichterungen wie den Verzicht auf Losvergaben und die Bevorzugung marktverfügbarer Produkte. Durch drastische Verkürzungen bei Planungs- und Einkaufsprozessen. Durch neue Formen der Vertragsgestaltung, die Unternehmen mehr Planungssicherheit bieten und gleichzeitig die frühestmögliche Beschaffung bei innovativen Produkten garantiert.
Auch das Beschaffungsamt, seine Strukturen und Prozesse sollen an die gestiegenen Anforderungen angepasst werden. Dabei stehen stärkere multinationale Kooperationen, schnell verfügbare militärische Fähigkeiten und die Integration neuer Technologien im Fokus. Mit einer zentralen Anlaufstelle für Industrie und Start-ups wird der Zugang zu innovativen Lösungen erleichtert – und auch für die Sicherstellung stabiler Lieferketten soll eine eigene Arbeitseinheit etabliert werden, beides noch in diesem Jahr. Die künftige Struktur, erklärte der Minister, solle den hohen Auftragszahlen nachhaltig gewachsen sein, Innovationen in der Truppe fördern und noch enger mit der Industrie kooperieren. Auch mit dem neuen Planungsprozess, an dem derzeit gearbeitet wird, dem zentralen Steuerungsinstrument zur Ausstattung der Streitkräfte, werde man agiler, schneller und flexibler.
Der Ball zur Modernisierung und Vollausstattung der Bundeswehr, so Pistorius, liege nun im Feld der Industrie: „Es müssen Kapazitäten auf- und ausgebaut werden, unsere Aufträge müssen abgearbeitet und termingerecht geliefert werden“, unterstrich der Minister. „Wir müssen uns auf Zusagen verlassen können.“ Um aus den Investitionen das Beste für eine starke Bundeswehr zu machen, brauche es mehr Effizienz und eine noch stärkere Zusammenarbeit in der Rüstungsproduktion. Dabei komme es nicht allein auf die Industrieriesen oder die klassischen wehrtechnischen Unternehmen an – sondern auch auf die vielen kleineren Unternehmen und Zulieferer in den Lieferketten. Durch umfassende Vorauszahlungen würden gezielte Impulse für den Aufbau resilienter und leistungsstarker Zuliefer- und Wertschöpfungsketten in Deutschland gesetzt. Es solle zudem noch genauer darauf geachtet werden, dass auch Zulieferer sowie kleine und mittelständische Unternehmen stärker als bisher von den Investitionen in die Sicherheit des Landes profitierten.
Das wirtschaftliche Umfeld, das wisse Pistorius, sei gerade alles andere als leicht: „Störungen in den Lieferketten, Kriege und wirtschaftliche Konflikte führen zu Verzögerungen, Kostensteigerungen und anderen Herausforderungen.“ Deshalb unterstütze man, wo man könne: zum Beispiel mit Entbürokratisierungs- oder Infrastrukturmaßnahmen, um beispielsweise Produktionskapazitäten schnell zu erhöhen. Gerade in der EU habe sich in den letzten Jahren eine enorme Dynamik bei der Förderung gemeinsamer Fähigkeitsentwicklung, kooperativer Beschaffung sowie Förderung des Ausbaus von Produktionskapazitäten entwickelt. Für den Bereich Sicherheit und Verteidigung sei mit deutlich steigenden Mitteln zu rechnen. Gleichzeitig werde daran gearbeitet, Prozesse und Verfahren in der EU zu verschlanken und zu beschleunigen.
Die notwendige Stärkung der Verteidigungsfähigkeit und die Beschleunigung der Beschaffung sei ein Kraftakt, den die Bundeswehr nur gemeinsam mit starken Partnern stemmen könne, hob Pistorius zum Ende seiner Rede hervor. Mit einer zuverlässigen, schnellen und dauerhaft lieferfähigen Rüstungsindustrie: mit großen und kleinen Unternehmen, Systemhäusern, Start-ups und weiteren Akteuren. Vor diesem Hintergrund sei auch ein Förderprogramm für verteidigungsrelevante Forschung geplant, um stärker in die Innovationskraft zu investieren. Und um neue Unternehmen für den Verteidigungsbereich zu gewinnen, wolle man Hürden aktiv abbauen.
„Wir sind dabei, in allen Bereichen zivile und militärische Industrie, Technologieunternehmen und Politik noch weiter zusammenzubringen“, fasste Pistorius die Bemühungen seines Hauses zusammen. Viele Unternehmen hätten die Herausforderungen bereits angenommen und gingen eindrucksvoll voran, darunter auch kleinere Firmen und Start-ups. Der Minister appellierte an die Anwesenden, der Bundeswehr als verlässliche Partner zur Seite zu stehen: „Wir alle müssen und wollen unseren Beitrag leisten, um Frieden und Sicherheit zu verteidigen. Weil dieses Deutschland, dieses Europa, unsere Freiheit und Demokratie es wert sind.“
| Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) |
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| Der BDI besteht bis heute aus 38 Branchenverbänden – von A wie Automobil bis Z wie Zuckerindustrie. Der BDI vertritt die wirtschaftlichen Interessen der deutschen Industrie im In- und Ausland und spricht aktuell für über 100.000 Unternehmen mit mehr als acht Millionen Beschäftigten. |
von Lara Finke