Boris Pistorius steht hinter einem Rednerpult mit dem Logo der Hannover Messer und spricht.
© Bundeswehr/Tom Twardy
KategorieSicherheits- und Verteidigungsindustrie

Beschaffung beschleunigen, bürokratische Hürden beseitigen

„Wertschöpfung und Wohlstand hängen auch von Sicherheit und Wehrhaftigkeit ab“, sagte Verteidigungsminister Pistorius auf der Hannover Messe. Sicherheit sei kein Randthema mehr. Die Hannover Messe habe dieses Jahr erstmalig einen Schwerpunkt auf den Bereich Rüstung gesetzt.

Der Minister hat am 20. April 2026 auf der Hannover Messe die Bedeutung einer leistungsfähigen industriellen Basis für die Sicherheit Deutschlands hervorgehoben. Industrielle Stärke sei eine zwingende Voraussetzung für die Verteidigung von Demokratie und Sicherheit, betonte Pistorius. Deshalb müssten sicherheits- und verteidigungspolitische Aspekte bei jeder betriebswirtschaftlichen Wertschöpfung immer mitgedacht werden. Dazu zählten aus Sicht des Ministers sechs Kernkomponenten:

Resilienz als Rückgrat der Wertschöpfung

Resiliente Wertschöpfung bedeute, einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren. „Ob bei Energie oder Technologie: Wir brauchen eine sichere Versorgung und eine robuste Produktion. Deswegen ist es auch genau richtig, dass in diesem Jahr Brasilien Partnerland der Hannover Messe ist. In diesem Kontext haben wir uns gerade auch intensiv im Rahmen der deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen hier in Hannover zu möglichen Lieferungen dringend benötigter Rohstoffe beschäftigt“, hob der Minister hervor. Für die Stärke und Resilienz der industriellen Basis Deutschlands sei es entscheidend, eine breite, leistungsfähige Zulieferstruktur zu erhalten und weiterzuentwickeln. „Ich formuliere es einmal bewusst etwas zugespitzt: Verteidigungsfähigkeit beginnt im Betrieb“, sagte Pistorius, und fügte hinzu: „Resilienz ist keine Zusatzaufgabe, kein Nice-to-have. Sie ist Teil moderner Unternehmensführung und entscheidend für die Widerstandsfähigkeit unseres Landes.“

Mehr Tempo und schnellere Skalierung

Pistorius verdeutlichte, Deutschland sei stark in der Entwicklung von Technologien und industriellen Lösungen, doch oft zu langsam, wenn es darum gehe, Innovationen zu realisieren und vor allem zu skalieren. Skalierung bedeutet Wachstum, ohne dass dafür überproportional hohe Investitionen oder Fixkosten notwendig sind. Gerade im Verteidigungsbereich könne es sich die Bundesrepublik nicht leisten, dass von funktionierenden Prototypen bis zur Serienproduktion Jahre vergingen. „In einer Welt, in der sich Bedrohungen in Tagen entwickeln und verändern, statt in Jahren, wie wir das früher gewohnt waren, ist Geschwindigkeit eben auch kein Nice-to-have – sie ist zwingende Voraussetzung für unsere Sicherheit. Deshalb beschleunigen wir nationale Entwicklungs- und Beschaffungsprozesse deutlich, bauen industrielle Kapazitäten gezielt aus und sichern sie“, unterstrich Pistorius. Gleichzeitig sei klar: In vielen Bereichen könne Deutschland die notwendige Tiefe und Breite nur gemeinsam mit seinen europäischen Partnern erreichen: „Wir müssen dort, wo es sinnvoll ist und wo es funktioniert, europäische Kooperationen nutzen und vertiefen – das gilt sowohl für die staatliche als auch unternehmerische Seite.“ Es gehe also um ein kluges Zusammenspiel von nationaler Handlungsfähigkeit und europäischer Arbeitsteilung.

Dual-Use-Technologien als Chance

Gemeint sind damit gleichermaßen zivil und militärisch nutzbare Technologien. Deren konsequenter Ausbau als Brücke zwischen ziviler Stärke und militärischer Sicherheit berge enorme Möglichkeiten, weil Deutschland hier eine besonders starke Ausgangslage habe, wie der Minister betonte: „Denken Sie nur an die Themen, die auch die Hannover Messe in diesem Jahr erneut in großen Teilen bestimmen: Künstliche Intelligenz und industrielle Datenanwendungen, Cyber- und Informationssicherheit, Robotik und Automatisierung, Halbleiter und Mikroelektronik, Drohnen oder Energie- und Speichertechnologien. In all diesen Feldern verfügen wir bereits über starke Unternehmen, über exzellente Forschung und eine beeindruckend wachsende Start-up-Szene.“ Der entscheidende Punkt sei, diese Kompetenzen gezielt weiterzuentwickeln und sie systematisch auch für militärische und sicherheitsrelevante Anwendungen zu erschließen.

Barrieren abbauen, Markteintritte für neue Akteure erleichtern

Ein starker Mittelstand sei das Rückgrat der industriellen Leistungsfähigkeit Deutschlands. Gleichzeitig gäbe es eine dynamische Gründerszene im Hightech-Bereich. Beide spielten eine Schlüsselrolle für die resiliente Wertschöpfung. Es gebe Unternehmen, die noch ein Engagement im Verteidigungsbereich scheuten. „Wenn wir wollen, dass mehr Unternehmen Teil sicherheitsrelevanter Wertschöpfungsketten werden, müssen wir diese Hürden aktiv, schnell und effektiv abbauen“, hob Pistorius hervor. „Konkret heißt das: Wir reduzieren regulatorische Hürden, vereinfachen und beschleunigen Vergabeverfahren, gestalten Anforderungen klarer und planbarer und erleichtern Finanzierung und Vorleistungen. Hier ist der Staat in der Verantwortung: Verlässliche Nachfrage, klare Prioritäten und gute Rahmenbedingungen für Investitionen sind gefragt. Die Bundesregierung schafft deshalb die Voraussetzungen dafür, dass Unternehmen ihrer Verantwortung für unsere Sicherheit nachkommen können“, so der Minister.

Zusammenarbeit auf vielen Ebenen

Deutschlands industrielles Ökosystem entscheide auch darüber, wie glaubwürdig und abschreckungsfähig das Land sich verteidigen könne. Dafür komme es nicht allein auf Industrie-Riesen an, sondern ebenfalls auf die vielen kleineren Unternehmen in den Lieferketten. Sie seien für viele oft unsichtbar, aber für alle unverzichtbar. Die sicherheitspolitische Lage erfordere, dieses Potenzial viel stärker und vor allem branchenübergreifend auszuschöpfen. Das Bundesministerium der Verteidigung arbeite daher eng mit dem Bundeswirtschaftsministerium zusammen.  Ziel sei es, dass sich die Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, die Zulieferer und die Unternehmen anderer Branchen noch besser vernetzten und ihr gemeinsames Potential nutzten.

Benötigt werde ein noch engerer Schulterschluss von ziviler und militärischer Industrie, Technologieunternehmen und Politik. Es gäbe hier bereits gute Beispiele: Die SVI Connect Plattform bringe beispielsweise Zulieferer und Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zusammen. Ein anderes Beispiel sei das Innovationszentrum der Bundeswehr in Erding, eine wichtige Schnittstelle zwischen Bundeswehr und Innovationsökosystem. Pistorius: „Wir brauchen eine Kultur des Vertrauens und der Kooperation, auch über Branchengrenzen hinweg. Wir brauchen alle Akteure im Schulterschluss, sei es durch stärkere Vernetzung, bessere Kooperation entlang der gesamten Wertschöpfungskette oder durch die gezielte Öffnung für europäische Partnerschaften.“

Vertiefte Partnerschaft mit der Ukraine

Die Stärke der Ukraine zeigt sich laut Pistorius nicht nur auf dem Gefechtsfeld und in der Professionalität der ukrainischen Truppen. Sie liege auch in der hohen Innovationskraft des Landes, das bei der Entwicklung neuer Technologien im Verteidigungsbereich beeindruckende Erfolge erziele und rasante Fortschritte mache. Unter extremem Druck entstünden dort Lösungen, die Geschwindigkeit, Kreativität und Pragmatismus miteinander vereinten.
„Ukrainische Technologien werden mittlerweile weltweit als innovative Lösungen nachgefragt. Auch diese Entwicklungen müssen wir im Blick haben“, so der Minister. Gleichzeitig trage die Partnerschaft und Kooperation zum Aufbau von industriellen Kapazitäten und technologischer Innovation in Deutschland bei.

Fazit und Ausblick

Die deutsche Industrie zählt laut Pistorius zu den stärksten der Welt. Diese Stärke sei ein strategischer Vorteil, aber sie müsse noch resilienter gemacht werden. „Das stand in den letzten drei Jahrzehnte leider auf keiner To-do-Liste. Es ist in der Welt, in der wir leben, aber wichtiger denn je. Ich bin überzeugt: Die deutsche Wirtschaft ist bereit, sich den sicherheitspolitischen Realitäten unserer Zeit zu stellen – für den Standort Deutschland und für Europa“, schloss der Minister.

Die Hannover Messe gilt als weltweit wichtigste Industriemesse und zentrale Plattform für Innovationen in Bereichen wie Digitalisierung, Automatisierung und Energie. In diesem Jahr rücken sicherheits- und verteidigungspolitische Fragestellungen stärker in den Fokus. Erstmals sind auch Rüstungsunternehmen auf der Messe vertreten. Im neuen Ausstellungsbereich „Defense Production Parc“, einem Areal für Verteidigungsproduktion, präsentieren Unternehmen Lösungen für den schnellen Aufbau und die Skalierung von Produktionskapazitäten im Verteidigungsbereich – ein Spiegel der veränderten sicherheitspolitischen Lage. Die Messe bietet dem Verteidigungsministerium eine wichtige Plattform, um den Dialog mit Industrie und Innovationstreibern weiter zu vertiefen und neue Impulse für die sicherheitsrelevante Zusammenarbeit zu setzen.

von Egbert Sass

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