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Bundeswehr/Martin GlinkerWas ist Abschreckung? – Die Strategie der militärischen Stärke
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Deutschland und seine Verbündeten verstärken die Einsatzbereitschaft ihrer Streitkräfte zum Schutz des NATONorth Atlantic Treaty Organization-Territoriums – und zur Abschreckung. Ein Angriff auf die Allianz soll unkalkulierbare Konsequenzen für potenzielle Gegner haben. Deshalb investieren Deutschland und seine alliierten Partnerländer mehr in militärisches Personal und Material.
Abschreckung ist ein zentrales Konzept der internationalen Sicherheitspolitik. Sie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft eines Staates oder Bündnisses, potenzielle Gegner durch die glaubhafte Androhung von Konsequenzen – insbesondere militärischer Art – von Angriffen oder unerwünschten Handlungen abzuhalten. In der Sicherheitspolitik wird zwischen konventioneller und nuklearer Abschreckung unterschieden.
Kriegsverhinderung durch Abschreckung
Konventionelle Abschreckung basiert auf der Androhung von Vergeltung durch konventionelle Streitkräfte – also Bodentruppen, Luftwaffen und Marinen, die mit klassischen Waffen wie Panzern, Flugzeugen oder Schiffen ausgestattet sind. Ziel ist es, einem potenziellen Aggressor glaubhaft zu machen, dass ein Angriff auf das eigene Land oder Verbündete mit so hohen Kosten verbunden wäre, dass er sich nicht lohnt. Die Wirksamkeit konventioneller Abschreckung hängt von der tatsächlichen militärischen Stärke, der Einsatzbereitschaft und der Fähigkeit zur schnellen Reaktion ab.
Nukleare Abschreckung hingegen beruht auf der Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen. Sie ist einzigartig, weil bereits der begrenzte Einsatz nuklearer Waffen katastrophale Folgen hätte. Die Glaubwürdigkeit der nuklearen Abschreckung hängt nicht nur von der Existenz der Waffen, sondern auch von der politischen Bereitschaft ab, sie im Ernstfall als Antwort auf einen entsprechenden Angriff mit Atomwaffen einzusetzen.
Zu einer wirksamen Verteidigung gehört eine glaubhafte Abschreckung mit dem Ziel, zu verhindern, dass es überhaupt zu einer bewaffneten Auseinandersetzung kommt. Wir müssen im transatlantischen Bündnis in der Lage und entschlossen sein, allen militärischen Bedrohungen entgegentreten zu können – nuklear, konventionell, aber auch in der Cyberverteidigung und hinsichtlich der Bedrohungen, die sich gegen unsere Weltraumsysteme richten.
Abschreckung ist somit eine Strategie der Kriegsverhinderung: Sie soll einen Gegner davon abhalten, überhaupt einen Angriff zu wagen. Im Zentrum steht die Glaubwürdigkeit – sowohl hinsichtlich der tatsächlichen Einsatzfähigkeiten als auch des politischen Willens zur militärischen Reaktion. In der heutigen sicherheitspolitischen Lage, geprägt durch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, dem Bedeutungsverlust von Rüstungskontrollvereinbarungen und neuen Bedrohungen wie zum Beispiel Cyberangriffen und hybriden Attacken, erlebt das Konzept der Abschreckung eine Renaissance.
Strategische Grundlagen
Die Nationale Sicherheitsstrategie Deutschlands versteht Abschreckung als integralen Bestandteil einer umfassenden Sicherheitsarchitektur. Dazu gehört auch, dass Deutschlands Sicherheit untrennbar mit der seiner europäischen Partner und Verbündeten verbunden ist. Das Bekenntnis zur NATONorth Atlantic Treaty Organization und zur EUEuropäische Union ist dabei unverrückbar. Landes- und Bündnisverteidigung – und damit auch die Abschreckungsfähigkeit – ist Kernauftrag der Bundeswehr.
Laut der Sicherheitsstrategie gehört zu einer wirksamen Verteidigung auch eine glaubhafte Abschreckung, um zu verhindern, dass es überhaupt zu einer bewaffneten Auseinandersetzung kommt. Dies umfasst die Fähigkeit, allen militärischen Bedrohungen – nuklear, konventionell, im Cyberraum und im Weltraum – entgegentreten zu können. Solange es Atomwaffen gibt, bleibt zudem der Erhalt einer glaubwürdigen nuklearen Abschreckung für die NATONorth Atlantic Treaty Organization und für die Sicherheit Europas unerlässlich. Deutschland leistet hierzu im Rahmen der nuklearen Teilhabe seinen Beitrag, indem es die notwendigen Trägerflugzeuge bereitstellt.
Mit dem Strategischen Konzept der NATONorth Atlantic Treaty Organization von 2022 wurde die kollektive Verteidigung wieder als zentrale Aufgabe des Bündnisses definiert. Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und der Verschiebungen in der globalen Sicherheitslage wird Russland als die bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung für die euro-atlantische Sicherheit eingestuft. Die Allianz hat sich dabei auf eine „Vorneverteidigung“ eingestellt, also die verstärkte Präsenz von Truppen an der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Ostflanke, insbesondere in den baltischen Staaten und Polen. Für die Verteidigungspläne der NATONorth Atlantic Treaty Organization ist darüber hinaus eine massive Erhöhung der schnell einsatzbereiten Kräfte vorgesehen, um künftig in der Lage zu sein, innerhalb weniger Tage hunderttausende Soldaten zu mobilisieren.
Die NATONorth Atlantic Treaty Organization ist zwar ein Verteidigungsbündnis, es sollte jedoch niemand an unserer Stärke und Entschlossenheit zweifeln, jeden Zentimeter des Bündnisgebiets zu verteidigen, die Souveränität und territoriale Unversehrtheit aller Verbündeten aufrechtzuerhalten und uns gegen jeden Angreifer durchzusetzen.
Neben dieser klassischen militärischen Abschreckung erwähnt das Strategische Konzept auch hybride Bedrohungen wie Cyberangriffe, Desinformation und Angriffe auf kritische Infrastrukturen. Die NATONorth Atlantic Treaty Organization betont, dass auch solche Angriffe, wenn sie ein bestimmtes Schadensniveau erreichen, eine kollektive Reaktion nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrags auslösen können. Die Stärkung der Resilienz der Gesellschaften und der Schutz kritischer Infrastrukturen sind daher ebenfalls Teil der Abschreckungsstrategie.
Deutschlands Beitrag zur Stärkung der Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeit
Deutschland hat in den letzten Jahren eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen und geplant, um die Abschreckungsfähigkeit der Bundeswehr im Bündnis zu stärken. Sie betreffen sowohl die konventionelle als auch die nukleare Dimension – vor allem die Modernisierung der Streitkräfte:
- Dauerhafte Stationierung einer deutschen Kampfbrigade in Litauen zur Stärkung der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Ostflanke und als sichtbares Zeichen der Bündnissolidarität
- Einführung des Neuen Wehrdienstes für den Aufwuchs der Reserve
- Beschaffung von neuen Kampfflugzeugen (F-35-Kampfjet) für die nukleare Teilhabe im Rahmen der NATONorth Atlantic Treaty Organization
- Aufstellung des Operationsplan Deutschland (OPLANOperationsplan Deutschland), der den schnellen Aufmarsch kampfbereiter Kräfte ermöglicht
- Ausbau der logistischen Unterstützung und Host Nation Support für verbündete Truppen, insbesondere als Transitland für NATONorth Atlantic Treaty Organization-Operationen
- Investitionen in die Luftverteidigung: Beschaffung von Systemen wie PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target, IRIS-T, Skyranger und Arrow zur Abwehr von Flugkörpern und Drohnen
- Zeitweise Stationierung von weitreichenden US-Waffensystemen in Deutschland ab 2026
- Aufbau der European Sky Shield Initiative (ESSIEuropean Sky Shield Initiative) zur gemeinsamen Beschaffung und Integration von Luftverteidigungssystemen mit europäischen Partnern
- Beteiligung an Air-Policing-Missionen zum Schutz des NATONorth Atlantic Treaty Organization-Luftraums
- Stärkung der Fähigkeiten im Cyber- und Informationsraum: Ausbau der Cyberabwehr, Modernisierung der ITInformationstechnik-Infrastruktur und Teilnahme an multinationalen Cyberprojekten
- Befüllung und Erhöhung der Munitionsvorräte und Beschaffung weitreichender Präzisionswaffen zur Verbesserung der Durchhaltefähigkeit und Schlagkraft
- Reform des Beschaffungswesens zur Beschleunigung und Effizienzsteigerung bei der Ausrüstung der Bundeswehr
- Aufwuchs des Personals: Schaffung von zusätzlichen militärischen und zivilen Planstellen
- Stärkung der Weltraumfähigkeiten und Ausbau der Luftraumüberwachung
- Stärkung der gesamtgesellschaftlichen Resilienz: Ausbau des Zivil- und Bevölkerungsschutzes, Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Behörden und Wirtschaft
Glaubwürdigkeit durch Investitionen
Der Verteidigungshaushalt steigt kontinuierlich an: Für das Jahr 2026 stehen der Bundeswehr insgesamt mehr als 108 Milliarden Euro zur Verfügung und in den Folgejahren sollen die Verteidigungsausgaben auf bis 152 Milliarden Euro ansteigen. Das entspricht einer Verdreifachung gegenüber 2023. Die Investitionen sind mit Blick auf die Bedrohungslage notwendig, um die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zu erhöhen, die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Fähigkeitsziele zu erfüllen und damit die Abschreckungsfähigkeit glaubhaft zu machen.
Auch auf NATONorth Atlantic Treaty Organization-Ebene sind die Verteidigungsausgaben in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die Beschlüsse der letzten NATONorth Atlantic Treaty Organization-Gipfeltreffen haben die Bedeutung der Abschreckung weiter unterstrichen: Die Mitgliedstaaten verpflichteten sich, ihre Verteidigungsausgaben bis 2035 auf insgesamt fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIPBruttoinlandsprodukt) zu erhöhen und bringen damit den politischen Willen zum Ausdruck, die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses nachhaltig zu stärken.
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Die Brigade Litauen ist Teil der „Vorneverteidigung“ der NATONorth Atlantic Treaty Organization und stärkt die Glaubwürdigkeit der kollektiven Verteidigung im Bündnis
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Bundeswehr/Marco Dorow -
Die nukleare Teilhabe bleibt ein zentrales Element der deutschen Sicherheitsstrategie. Die Beschaffung neuer F-35-Kampfjets ist ein wichtiges Signal für die Glaubwürdigkeit der nuklearen Abschreckung.
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Bundeswehr/Marvin Hofmann -
Mit der Einführung des Neuen Wehrdienstes wird die Reserve bei Bedarf schnell aufwachsen können
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Bundeswehr/Christoph Kassette -
Um Raketen- und Drohnenangriffe abwehren zu können, wird die Luftverteidigung gestärkt
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Bundeswehr/Kevin Schrief -
Die Erhöhung der Munitionsvorräte ist notwendig, um die Durchhaltefähigkeit der Bundeswehr in einem möglichen Konflikt zu sichern. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie schnell Reserven aufgebraucht sein können.
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Bundeswehr/Carl Schulze -
Drehscheibe Deutschland: Um als Transitland für NATONorth Atlantic Treaty Organization-Operationen schnell auf Bedrohungslagen reagieren zu können, wird die logistische Unterstützung und der Host Nation Support für verbündete Truppen verbessert und ausgebaut
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Bundeswehr/Alyssa Bier -
Die Luftwaffe engagiert sich regelmäßig in Air-Policing-Missionen, zum Beispiel in Estland, um den NATONorth Atlantic Treaty Organization-Luftraum zu schützen
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Bundeswehr/Marvin Hofmann -
Mit der Reform des Beschaffungswesens steht modernes Material – wie zum Beispiel der neue Seefernaufklärer P-8A Poseidon – schneller zur Verfügung
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Bundeswehr/Julia Kelm
Ausblick
Die sicherheitspolitische Lage bleibt unbeständig. Neue Bedrohungen wie Cyberangriffe, hybride Operationen, die Militarisierung des Weltraums und die Aufkündigung von Rüstungskontrollvereinbarungen stellen die Abschreckungspolitik vor neue Herausforderungen. Deutschland und seine Verbündeten werden ihre Fähigkeiten modernisieren und die gesellschaftliche Resilienz stärken, um auch in Zukunft glaubwürdig abschrecken und Bedrohungen in allen Dimensionen abwehren zu können.
von Florian Manthey