Pistorius steht am Rednerpult, links daneben sitzen eine Frau und ein Mann, dahinter Weltraumbilder
© Bundeswehr/Tom Twardy
KategorieWeltraum

Weltraumgipfel: „Europa benötigt das gesamte Spektrum an Fähigkeiten“

Auf dem deutsch-französischen Weltraumgipfel in Paris hat Verteidigungsminister Boris Pistorius einen dringenden Appell an die europäische Gemeinschaft gerichtet: Angesichts einer veränderten Bedrohungslage im All forderte er eine beschleunigte Entwicklung militärischer Raumfahrtkapazitäten und eine engere Zusammenarbeit zwischen den Europäischen Partnern.

Die Nutzung des Weltraumes wird für die Sicherheit und Verteidigung immer wichtiger. Vor diesem Hintergrund bot der gemeinsam von Deutschland und Frankreich ausgerichtete International Space Summit am 9. und 10. September 2026 die Gelegenheit, nationale Fortschritte, laufende Projekte und geplante Investitionen im Bereich militärischer Weltraumfähigkeiten im europäischen Kontext zu präsentieren und mit Partnern abzustimmen. Vor einem Fachpublikum aus Politik, Streitkräften und Industrie betonte der Minister gleich zu Beginn seiner Rede die tiefe Verbundenheit Deutschlands und Frankreichs. Er unterstrich, dass europäische Stärke nicht durch Alleingänge, sondern durch das Bündeln von Kräften entstehe – auch wenn man nicht in allen Fragen einer Meinung sei.

Bei den deutschen Bestrebungen im Verteidigungsbereich steht der Aufbau eigener Fähigkeiten zur Nutzung, zum Schutz und zur Verteidigung weltraumgestützter Dienste im Vordergrund. „Wir müssen unsere Interessen verteidigen und uns als Europäer treu bleiben“, sagte Minister Pistorius in Paris mit Blick auf die militärische und zivile Bedeutung des Weltraums. „Europa beheimatet eine herausragende Raumfahrtindustrie, innovative Start-ups, Forschungseinrichtungen und Ingenieure mit erstklassiger Expertise“, so Pistorius. Er verwies auf den jüngsten Erfolg des deutschen Unternehmens Isar Aerospace, dessen Spectrum-Rakete erfolgreich den Orbit erreichte – ein Meilenstein als erster erfolgreicher Start vom europäischen Kontinent aus. Für die Zukunft forderte Pistorius mehr Wettbewerb, kürzere Innovationszyklen und den Aufbau europäischer eigener Schwerlast-Trägerkapazitäten, um die europäische Unabhängigkeit zu gewährleisten.

Investitionen in Weltraumsicherheit

Die Bundeswehr hat in den vergangenen Jahren ihre Aktivitäten im Weltraumbereich systematisch ausgeweitet: Der Ausbau von Kommunikationskapazitäten, Aufklärungsfähigkeiten, die Integration satellitengestützter Daten in Führungs- und Lagebilder sowie die Verbesserung der Weltraumlageerfassung (Space Situational Awareness) sind Beispiele dafür. Die geplanten Vorhaben Deutschlands umfassen nationale Beschaffungsprojekte und Beiträge zu europäischen Programmen.

Boris Pistorius im Porträt
Unsere Aktivitäten im Weltraum konzentrieren sich auf mehr als nur den Schutz von Satelliten. Wir wollen unsere Gesellschaften, unsere Sicherheit und unsere Handlungsfähigkeit schützen.
Verteidigungsminister Boris Pistorius Bundeswehr/Norman Jankowski

Im Zentrum stehen Investitionen in gesicherte militärische Kommunikationssatelliten, in Systeme zur verbesserten Weltraumlageerfassung sowie in bodengestützte Steuerungs- und Nutzungsinfrastrukturen. Darüber sehen die Planungen vor, die Resilienz gegenüber Störungen und Angriffen zu steigern. Die Investitionen sind Teil eines Fähigkeitsaufwuchses, der nationale Handlungsfähigkeit mit europäischer Kooperation verknüpft. Insgesamt 35 Milliarden Euro will Deutschland in den kommenden vier Jahren in die Weltraumsicherheit investieren.

Strategisch entscheidende Dimension

Während der Orbit lange Zeit vorrangig als Ort für wissenschaftliche Grundlagenforschung und kommerzielle Anwendungen galt, ist er heute eine eigenständige, strategisch entscheidende operative Dimension. Aus sicherheits- und verteidigungspolitischer Sicht ist diese für Deutschland aus mehreren Gründen zentral: Satellitengestützte Dienste sind integraler Bestandteil moderner militärischer Operationen. Kommunikation, Navigation und Aufklärung basieren in hohem Maße auf Weltraumkapazitäten. Störungen können deshalb unmittelbare Auswirkungen auf die Einsatzfähigkeit haben. Weltraumgestützte Frühwarnung, Aufklärung und Signalerfassung liefern außerdem strategische Informationen für Lagebilder und Entscheidungsprozesse.

Angesichts zunehmender Bedrohungen, darunter elektronische Störungen, Cyberangriffe und potenziell auch physische Angriffe auf Weltrauminfrastruktur, gewinnen der Schutz und die Verteidigung dieser Systeme an Bedeutung. Schließlich stärkt die Fähigkeit, im Weltraum zu operieren, die Abschreckung und die Interoperabilität mit NATO- und EU-Partnern. „Europa benötigt das gesamte Spektrum an Fähigkeiten, um handeln zu können, wenn unsere Sicherheit auf dem Spiel steht“, so der Minister. Obwohl Deutschland und Europa für eine friedliche Nutzung des Alls sowie für internationales Recht und Transparenz stünden, warnte der Minister davor, sich allein auf Normen zu verlassen. „Regeln können gebrochen werden. Regeln allein werden Freiheit und Frieden nicht schützen. Das tun Fähigkeiten“, so der Minister.

Kooperationen vorantreiben für Handlungsfähigkeit

Die im vergangenen Jahr beschlossene Weltraumsicherheitsstrategie der Bundesregierung formuliert einen Ansatz, der technologische Souveränität, industrielle Basis und internationale Kooperation verbindet. Im Verteidigungssektor betont sie die Notwendigkeit, nationale Fähigkeiten aufzubauen und zugleich in europäische und transatlantische Strukturen einzubringen, um Effizienzgewinne zu erzielen und Abhängigkeiten zu reduzieren. Die Strategie nennt als Prioritäten den Ausbau von Kommunikations-, Aufklärungs- und Lageerfassungsfähigkeiten sowie Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz gegen Störungen. Deutschland will dabei eigenständige Projekte vorantreiben und gezielt in gemeinsame europäische Initiativen investieren. Kooperationen mit der zivilen Raumfahrtindustrie und Forschungsinstitutionen sollen die technologischen Kompetenzen stärken und die industrielle Basis sichern. Insgesamt geht es darum, kurzfristige militärische Bedürfnisse mit langfristigen strategischen Zielen zu verknüpfen. Die Weltraumsicherheitsstrategie der Bundesregierung können sie hier herunterladen

Der Minister kündigte in Paris an, dass Deutschland die Einrichtung eines europäischen Weltraumkommandos (European Space Component Command) anstrebt. Es könnte dazu beitragen, gemeinsame Weltraumoperationen für die NATO, die EU und andere interessierte Akteure zu koordinieren. Offen stehe auch eine geplante Schulungseinrichtung zur Ausbildung von Personal, das im Bereich Weltraumsicherheit tätig sein wird: eine Space Safety and Security Academy. Zudem sei die Entwicklung von Standards und Schnittstellen geplant, um die Interoperabilität zwischen verschiedenen nationalen Systemen herzustellen. „Wo immer möglich, wollen wir unsere Fähigkeiten gemeinsam mit unseren europäischen und internationalen Partnern weiterentwickeln“, erklärte Pistorius. „Wir sind bereit, unseren Teil beizutragen“, so der Minister.

von Florian Manthey

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