Neuer Wehrdienst für Deutschland
Das neue Wehrdienstmodell soll die Aufwuchs- und Durchhaltefähigkeit der Bundeswehr verbessern und für eine starke Reserve sorgen.
Vom 2. bis 4. Oktober 2026 ist die Bundesregierung beim Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit in Bremen. Besucherinnen und Besucher können hier mit den Ministerinnen und Ministern ins Gespräch kommen. Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius stellte sich den Fragen der Bürgerinnen und Bürger. Das Thema: „Deutschlands Sicherheit in unsicheren Zeiten“.
Ein direktes Gespräch mit der Bundesregierung – diese Möglichkeit gibt es rund um den Tag der Deutschen Einheit 2026 in Bremen. Denn dort präsentieren sich die Bundesministerien nicht nur mit eigenen Ständen, im Dialogforum stehen auch Ministerinnen und Minister den Bürgerinnen und Bürgern Rede und Antwort. Thematisch im Fokus stehen die Deutsche Einheit, die Politik der Bundesregierung und die gemeinsame Gestaltung der Zukunft des Landes.
„Ich kann mich an den 9. November 1989 sehr gut erinnern, weil es einer der emotionalsten Momente meines Lebens war“, antwortete Verteidigungsminister Pistorius als er nach seinen Erinnerungen an den Tag gefragt wurde, an dem vor 37 Jahren die Mauer fiel. Es sei ein Moment gewesen, den man nicht vergesse – ein einziges Jubeln und Heulen abwechselnd. Auf die Frage danach, wie weit Deutschland bei der Deutschen Einheit sei, appellierte Pistorius, sich von der typisch deutschen Eigenschaft zu verabschieden, immer nur das zu sehen, was nicht gelinge, sondern auch einmal zu feiern, was gelungen sei. Er für seinen Teil sehe die Deutsche Einheit als gelungen an – wobei gelungen nicht heiße, dass sie beendet sei.
Wie sicher ist Deutschland? Welche Bedrohungen sind real? Was muss die Bundeswehr leisten und was bedeutet das für die Bürgerinnen und Bürger? Vor dem Bremer Weserstadion tauschte sich Verteidigungsminister Boris Pistorius mit Jung und Alt vor allem zu den zentralen Themen seines Ressorts aus: Bedrohung. Aufwuchs. Sicherheit. Mit rund 150 Personen war das Forum voll besetzt – und das Interesse groß.
Eine Frage an den Minister lautete, wie ernst die aktuelle Sicherheitslage wirklich sei. Putin, so Pistorius, produziere inzwischen Rüstungsmaterial, das nur noch zu rund 30 Prozent an die Front in der Ukraine gehe. Der Rest gehe in die Depots. „Da frag ich mich und Sie: Wofür?“ Für ihn als Verteidigungsminister sei die logische Konsequenz: „Wir müssen uns vorbereiten. Wir müssen die Bundeswehr wieder stärken. Wir haben 35 Jahre praktisch nichts in Verteidigung investiert.“ Jetzt müsse das nachgeholt und die Streitkräfte gleichzeitig modernisiert werden. In den vergangenen dreieinhalb Jahren sei Deutschland hierbei einen Riesenschritt vorangekommen, unterstrich Pistorius. „Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen, aber wir sind auf einem richtig guten Weg“ – so gut, dass selbst er als verantwortlicher Verteidigungsminister gut schlafen könne.
Auf eine andere Frage zur Sichtbarkeit der aktuellen Bedrohungslage in Deutschland antwortete der Minister: Auch wenn man es auf dem Weg in die KiTa vielleicht nicht direkt sehe, die mit Sprengstoff bestückten Drohnen in Leipzig, die Luftraumverletzungen durch russische Kampfjets in Polen und Estland, der Angriff auf einen Zug in der Ukraine – all das sei nicht nichts: „Das ist eine Bedrohung“, so der Minister.
Der Unterschied zur Zeit des Kalten Krieges sei vor allem der: „Es war klar, Krieg erkennt man sofort, wenn er da ist. Es fällt ein Schuss, es wird eine Rakete abgefeuert, es rollt ein Panzer.“ So klar sei das heute nicht mehr, denn die Form der Kriegsführung die Putin betreibe sei anders: Er wolle auseinandertreiben, um zu schwächen.
„Morgen kann ein hybrider Anschlag dafür sorgen, dass wir drei Tage nicht mehr tanken können, weder an Bargeld kommen noch elektronisch bezahlen können“, so der Minister weiter. Sich darauf vorzubereiten sei keine Angst- oder Panikmache, sondern Vorsicht. Wer auf eine Gefahr vorbereitet sei, komme mit ihr besser zurecht. Und nur darum ginge es. Die Aufgabe von Politikerinnen und Politikern als diejenigen, die die Verantwortung trügen, sei es, damit umzugehen. „Wir wollen keine Eskalation, wir wollen keinen Krieg, aber wir wollen auch jedem klar machen, dass wir uns wehren können, wenn nötig.“
Auf eine Frage zum neuen Wehrdienstgesetz betonte der Minister, weiterhin auf Freiwilligkeit setzen zu wollen. Die aktuellen Zahlen zeigten, dass das funktioniere. Die Bundeswehr werde bald – nur durch Freiwillige – so groß sein, wie seit der Aussetzung der Wehrpflicht nicht mehr. Er habe aber auch von Anfang an ehrlich gesagt, sollte es nicht allein durch Freiwilligkeit klappen, müsse man irgendwann über weitere Schritte nachdenken. Doch das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern sei im Grundgesetz verankert: „Niemand muss – aber jeder kann“, so der Minister. Auf die Frage, was er jungen Menschen sage, von denen jetzt erwartet werde, zur Bundeswehr zu gehen und kriegstüchtig zu werden, antwortete er: „Alle, die das für sich entscheiden, sollten sich die Frage stellen: Wer ist denn dieses Land?“
Von alleine kann sich kein Land der Welt verteidigen. Ein Land, ein Staat besteht aus Menschen.
„Dieses Land ist die Art und Weise, wie wir leben“, stellte Pistorius heraus. Dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Religion am Tag der Deutschen Einheit zusammenkommen und feiern könnten – friedlich und geeint, mit unterschiedlichen Auffassungen zu unterschiedlichen Themen. „Wenn wir das bewahren wollen, dann muss es am Ende auch einer verteidigen wollen.“ Gleiches gelte für die Demokratie. Auch die könne sich nicht selbst verteidigen. „Das müssen wir tun – Sie und ich.“
Auf die Frage eines 16-Jährigen, ob er es denn fair fände, von jungen Menschen nun einen Teil ihrer Lebenszeit und Freiheit einzufordern, reagierte der Minister mit Verständnis. Niemand habe sich diese Situation ausgesucht. Man habe ohne Erfolg versucht, den Krieg in der Ukraine zu verhindern – nun müsse man jedoch mit der Situation umgehen. Der Minister fragte: „Was haben Sie von Ihrer Lebensfreiheit, wenn wir angegriffen werden und im Krieg landen, weil wir nicht abschrecken können?“ Am Ende gehe es darum, Verantwortung zu übernehmen. „Je stärker wir sind und je mehr sich freiwillig verpflichten, desto besser ist es für unsere Abschreckungsfähigkeit, desto geringer die Gefahr, dass wir angegriffen werden und damit umso sicherer, dass wir auch in 10 Jahren noch in Sicherheit und Frieden und Demokratie leben können.“
von Lara Finke