OPLAN DEU: Deutschland gemeinsam verteidigen
Der Operationsplan Deutschland ist ein wesentlicher militärischer Anteil der Gesamtverteidigung Deutschlands. Was er regelt und was nicht.
Verteidigungsminister Boris Pistorius hat am 19. Juni 2026 einen Impulsvortrag auf der Innenministerkonferenz in Hamburg gehalten. Seine klare Botschaft: Verteidigung und Sicherheit seien eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Nur gemeinsam könne den aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen erfolgreich begegnet werden.
Pistorius rief einmal mehr zum gesellschaftlichen Zusammenhalt auf – und dazu, Verteidigung ganzheitlich zu denken. Die Innenministerkonferenz, so der Minister, stelle seit jeher auf Länderebene die Weichen für die innere Sicherheit und die zivile Verteidigung Deutschlands. Gerade jetzt sei gemeinsames Handeln und die enge Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern wichtiger denn je. Nur gemeinsam könne man die vorausliegenden Herausforderungen anpacken und meistern.
Die entscheidende Ressource der Gesamtverteidigung sind nicht allein Panzer, Flugzeuge oder Schiffe. Mindestens genauso entscheidend ist die Überzeugung der Menschen in einer Gesellschaft, dass ihre Freiheit schützenswert ist und dass ihr Schutz eine gemeinsame Aufgabe ist.
Zu Beginn seines Vortrags stellte der Verteidigungsminister die internationale sicherheitspolitische Lage dar. Geopolitische Spannungen, die militärische Bedrohung durch Russland, hybride Angriffe – von Desinformationskampagnen bis hin zur Sabotage ziviler Infrastruktur, all das zeige deutlich: „Deutschland und das Bündnisgebiet sind so bedroht wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.“
Systematische Luftraumverletzungen, Spionage und Sabotage, gezielte Cyberattacken auf Behörden und kritische Infrastruktur: „Unsere Gegner suchen gezielt nach Schwachstellen – auch an den Schnittstellen unseres föderalen Systems. Sie wollen verunsichern und unsere Handlungsfähigkeit untergraben“, machte Pistorius deutlich. Diese Bedrohungen zeigten, dass die traditionelle Trennlinie zwischen äußerer und innerer Sicherheit zunehmend verschwimme. Die gemeinsame Antwort hierauf heiße Gesamtverteidigung.
Gesamtverteidigung, führte der Minister aus, sei eine Aufgabe, die Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gleichermaßen und vor allem gemeinsam angehen müssten. Denn: „Jede Armee ist nur so stark wie der Staat und die Gesellschaft, die hinter ihr stehen.“ Die Truppe könne ihren Auftrag nur erfüllen, wenn alle Akteure der zivilen Verteidigung ihren Teil dazu beitrügen. „Ohne eine leistungsfähige zivile Basis bleibt militärische Stärke wirkungslos“, so Pistorius.
Deutschland sei das logistische Herz der NATO in Europa: „Durch unser Land verlaufen im Ernstfall die Lebensadern der Bündnisverteidigung – auf Straßen, Schienen, durch Häfen und Flughäfen.“ Die Bundesländer, betonte Pistorius, seien nicht nur Standorte von Bundeswehrdienststellen, sondern in einigen Fällen auch wichtige Transitländer, beispielsweise für Deutschlands NATO-Verbündete im Kriegsfall – und damit auch potenzielle Ziele für Feinde. Der Großteil der Bundeswehr werde im Falle eines Angriffs seinen Beitrag bei der Bündnisverteidigung leisten – beispielsweise an der Ostflanke oder im Nordatlantik. Für den Schutz ziviler kritischer Infrastrukturen stünden die Soldatinnen und Soldaten dann nicht mehr zur Verfügung. Kernauftrag der Truppe sei die Landes- und Bündnisverteidigung, unterstrich der Minister.
Deshalb müsse die zivile Verteidigung mit der militärischen Verteidigung Schritt halten. Die zivil-militärische Zusammenarbeit sei für Deutschlands Sicherheit elementar: horizontal zwischen den Ressorts, aber auch vertikal zwischen Bund, Ländern und Kommunen, so Pistorius. Sie müsse abgestimmt, eingespielt und erprobt sein. „Warn- und Kommunikationssysteme müssen funktionieren, Notfallpläne dürfen nicht nur erstellt, sondern müssen auch beübt werden“, betonte der Minister. Jeder und jede müsse wissen, welche Rolle er oder sie im Ernstfall einzunehmen habe – in Politik und Staat, Wirtschaft und Industrie sowie in der Gesellschaft als Ganzes. Gesamtverteidigung als Summe ziviler und militärischer Verteidigung bedeute, alle Fäden der Sicherheitsvorsorge zu einem belastbaren Netz zu verknüpfen.
Pistorius appellierte außerdem, sich schon jetzt gesamtstaatlich verteidigungsfähig und resilient aufzustellen: „Wir dürfen nicht erst im Spannungs- und Verteidigungsfall herausfinden, wie Gesamtverteidigung funktioniert.“ Die Verzahnung aller Ebenen der Gesamtverteidigung müsse bereits in Friedenszeiten, im Hier und Jetzt erfolgen – durch regelmäßige Übungen, gemeinsame Ausbildungsformate und abgestimmte Kommunikationskanäle.
An dieser Stelle betonte der Minister, mit dem im Kabinett beschlossenen Pakt für den Bevölkerungsschutz schlage das Bundesinnenministerium (BMI) den richtigen Weg ein: „Wir modernisieren damit die zivile Verteidigung und schaffen funktionsfähige Rahmenbedingungen – mit klaren Leitlinien für die Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen.“ Pistorius begrüßte insbesondere die stärkere Verzahnung zwischen ziviler und militärischer Verteidigungsplanung durch die Einrichtung eines „Steuerungsstabs Kommando Zivile Verteidigung“ im BMI, den Ausbau der zivilen Alarmplanung sowie die Berücksichtigung der Bedarfe des Operationsplans Deutschland.
Mit dem Operationsplan Deutschland, erläuterte Pistorius, leiste die Bundeswehr ihren militärischen Beitrag zur Gesamtverteidigung. Er beschreibe den Beitrag Heimatschutz und Nationale Territoriale Verteidigung, die Unterstützung des Aufmarsches deutscher und verbündeter Streitkräfte – die so genannte Drehscheibe Deutschland. Und er lege außerdem die Unterstützungsforderungen an die zivile Seite fest und definiere die jeweiligen Aufgaben der zivil-militärischen Zusammenarbeit. „Wir werden uns weiter gemeinsam vorbereiten müssen. Die weitere Umsetzung der Anforderungen des Operationsplan Deutschland muss daher höchste Priorität haben“, forderte der Minister.
… sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung für ihr Gemeinwesen übernehmen. Sie lebt von Resilienz, Verantwortungsbereitschaft und dem Bewusstsein, dass Freiheit, Sicherheit und Wohlstand niemals selbstverständlich sind“, untermauerte Pistorius zum Ende seines Vortrags. Gesamtverteidigung sei weit mehr als ein sicherheitspolitisches Konzept. Sie sei Ausdruck einer Haltung: der gemeinsamen Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Land, die eigene Freiheit und Demokratie zu übernehmen. Eine solche Haltung entstehe nicht von selbst. Sie brauche Berührungspunkte zwischen Staat, Streitkräften und Gesellschaft, schlug Pistorius den Bogen zum Neuen Wehrdienst und zur geplanten Stärkung der Reserve.
Diese seien weit mehr als militärische Vorhaben. Sie leisteten einen wichtigen Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit und zur Gesamtverteidigung Deutschlands. „Der Neue Wehrdienst eröffnet jungen Menschen die Möglichkeit, Verantwortung für unser Gemeinwesen zu übernehmen und die Bundeswehr kennenzulernen. Er schafft Verständnis für die sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit und stärkt die Verbindung zwischen Streitkräften und Gesellschaft“, so der Minister. Die Reserve bilde ihrerseits eine Brücke zwischen militärischer und ziviler Welt. Sie verbinde die Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung mit den Fähigkeiten und Erfahrungen der Gesellschaft.
Der Minister zeigte sich überzeugt, dass der Neue Wehrdienst und eine starke Reserve dazu beitragen können, ein neues Gemeinschaftsbewusstsein zu verankern: „Sie schaffen Begegnung, Verantwortung und Identifikation. Sie helfen dabei, die Überzeugung zu stärken, dass die Verteidigung von Freiheit, Sicherheit und Wohlstand eine gemeinsame Aufgabe unseres ganzen Landes ist.“
von Lara Finke