Die NATO: Stärke und Dialog
Die NATO-Gipfel haben gezeigt: Die NATO hat erfolgreich auf die neuen sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen reagiert.
Seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und der stärkeren Ausrichtung der NATO auf Landes- und Bündnisverteidigung hat die militärstrategische Beratung innerhalb der Allianz zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Auch die neue Militärstrategie der Bundeswehr betont die enge Einbindung Deutschlands in das Bündnis bei Abschreckung und Verteidigung.
Ende der 1940er-Jahre standen die westlichen Staaten vor einer ähnlichen Herausforderung wie heute: Kein Land wäre allein fähig gewesen, einem möglichen sowjetischen Angriff mit Aussicht auf Erfolg entgegenzutreten. Der Zusammenschluss der NATO-Staaten war deshalb wichtig, um die Sowjetunion gemeinsam von einem Angriff abzuschrecken. Heute steht die Allianz vereint gegen Russlands Aggression. Doch wie trifft die NATO ihre Entscheidungen? Hier kommt der Militärausschuss ins Spiel – das wichtigste militärische Entscheidungsgremium des Bündnisses.
Schon kurz nach der Gründung der NATO im Jahr 1949 stand fest: Politische Entscheidungen und ihre militärische Umsetzung müssen Hand in Hand gehen. Deshalb wurde der Militärausschuss als erstes Gremium überhaupt eingerichtet. Er ist bis heute das zentrale Bindeglied zwischen den politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger im Nordatlantikrat und den militärischen Kommandeuren.
Jeder der 32 Mitgliedstaaten entsendet den oder die Chief of Defense (CHOD) in den Militärausschuss. In der Regel ist das der Generalstabschef beziehungsweise die Generalstabschefin oder deren jeweiligen Stellvertreterinnen und Stellvertreter. Weil die Bundeswehr keinen Generalstab hat, wird sie von ihrem Generalinspekteur vertreten. Dreimal im Jahr tagt das Spitzengremium auf der Ebene der nationalen Chiefs of Defense. Die wöchentlichen Sitzungen des Ausschusses werden im Normalfall von eigens benannten militärischen Repräsentantinnen und Repräsentanten am Sitz der Allianz im zivilen NATO-Hauptquartier in Brüssel wahrgenommen. Für Deutschland ist das der Deutsche Militärische Vertreter NATO und EU. Einzige Ausnahme ist Island, das keine eigenen Streitkräfte besitzt und deshalb eine zivile Vertretung entsendet. Diese Expertinnen und Experten bringen ihr Wissen ein und diskutieren gemeinsam, um zu einem Konsens zu gelangen. So stellt der Militärausschuss sicher, dass alle Entscheidungen auf breiter Zustimmung beruhen und die Interessen aller Bündnispartner berücksichtigt werden.
Der NATO-Militärausschuss berät nicht nur den Nordatlantikrat, sondern auch die Nukleare Planungsgruppe (Nuclear Planning Group, NPG) in allen militärischen Fragen. Regelmäßig gibt der Ausschuss gegenüber beiden Gremien fachliche Empfehlungen und bewertet Entwicklungen mit Sicherheits- und Verteidigungsbezug. Die 1966 gegründete Nukleare Planungsgruppe behandelt alle Angelegenheiten, die die Nuklearwaffenpolitik der Allianz betreffen. Allerdings ist Frankreich kein Mitglied der NPG und verfolgt eine unabhängige Nuklearstrategie. Dennoch findet ein Austausch zwischen Frankreich und anderen NATO-Staaten zu Nuklearfragen statt.
Eine weitere Kernaufgabe ist die Strategieberatung. Die Bewertung von Bedrohungen, die Ableitung militärischer Handlungsoptionen und auch die Einschätzung von Risiken und Fähigkeiten der NATO zählen dazu. Der Militärausschuss liefert „unfettered military advice“ – ehrliche, unverblümte militärische Ratschläge, unabhängig davon, was politisch vielleicht gewünscht wird. Er sagt, was aus militärischer Sicht notwendig ist, und liefert damit eine bedeutsame Perspektive für die politische Willensbildung. Wichtig zu wissen: Der Militärausschuss gibt keine politischen Bewertungen ab, sondern ist für die Umsetzung bereits getroffener politischer Entscheidungen zuständig. Auch im Bündnis gilt also das Primat der Politik.
Die militärischen Empfehlungen des Ausschusses gehen an die beiden strategischen NATO-Kommandos: an das Allied Command Operations (ACO) im belgischen Mons sowie an das Allied Command Transformation (ACT) im US-amerikanischen Norfolk. Diese Kommandos setzen die Pläne dann in die Tat um. Der Militärausschuss fungiert dabei als zentrales Bindeglied zwischen politischer Führung und militärischer Realisierung.
Der Militärausschuss ist ein wesentlicher Pfeiler der NATO. Er stellt sicher, dass politische Entscheidungen militärisch realistisch und umsetzbar sind. In Krisenzeiten ermöglicht er schnelle und strategische Lagebeurteilungen und liefert fundierte Empfehlungen. So kann die NATO entschlossen und effektiv auf Bedrohungen reagieren und die Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten gewährleisten.
von Janet Watson und Egbert Sass