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Bundeswehr/Andrea Nimpsch„Schwarz-Rot-Gold und die Regenbogenflagge sind kein Gegensatz“
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Der Historiker Oberstleutnant Dr. phil. Klaus Storkmann hat sich intensiv mit der jahrzehntelangen, systematischen Diskriminierung von homosexuellen Soldaten in der Bundeswehr auseinandergesetzt. Im Interview erklärt er die Rolle und Bedeutung der Regenbogenflagge – und warum sie viele stört.
Er leitet den Projektbereich Militärgeschichte der DDR im Forschungsbereich Militärgeschichte nach 1945 am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Für sein 2021 veröffentlichtes Buch „Tabu und Toleranz. Der Umgang der Bundeswehr mit Homosexualität von 1955 bis zur Jahrtausendwende“ hat Storkmann mehr als 60 Zeitzeugen, nicht nur Betroffene, auch Entscheidungsträger aus Politik und BMVg, Kommandeure und Mitarbeiter des Militärischen Abschirmdienstes interviewt, interne Papiere aus dem Ministerium sowie Urteile von Truppendienst-, Straf- und Verwaltungsgerichten ausgewertet.
Es gibt eine zunehmende Skepsis gegenüber dem Hissen der Regenbogenflagge an öffentlichen Gebäuden. Wie bewerten Sie das?
Diese Skepsis, ja auch klare Ablehnung nimmt von Jahr zu Jahr zu. Es reiche nun mal doch endlich mit dem Thema, sagen Kameradinnen und Kameraden. Nur die Bundesdienstflagge sollte vor den zwei Dienstsitzen des BMVg und generell vor Dienststellen des Bundes zu sehen sein. Sie repräsentiere nicht nur unseren Staat, sondern auch die Werte des Grundgesetzes und schließe damit alles, was mit dem Hissen der Regenbogenflagge ausgedrückt werden soll, schon mit ein.
Ist dieser Gedanke für Sie nachvollziehbar?
Das ist völlig legitim und plausibel. Schwarz-Rot-Gold steht für alles, was unser Grundgesetz an Werten für unser Zusammenleben als Gesellschaft und an Freiheitsrechten für jeden Einzelnen schützt. Unter dem Schirm der Verfassung und damit unter Schwarz-Rot-Gold haben Menschen heute bei uns alle Rechte, ihre sexuelle und geschlechtliche Identität frei von Diskriminierung zu leben. Als der Deutsche Bundestag 2017 entschied, frühere Schuldsprüche wegen homosexueller Handlungen unter erwachsenen Männern – nach dem berühmt-berüchtigten Paragrafen 175 Strafgesetzbuch – waren Unrecht und müssen aufgehoben werden, stand vorn im Plenarsaal die schwarz-rot-goldene Flagge. Als im gleichen Jahr die Ehe für alle ermöglicht wurde, ebenfalls.
Und auf die Bundeswehr bezogen: Als der Bundestag im Mai 2021 die Aufhebung von Truppendienstgerichtsurteilen wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen von Soldaten und anderer früherer diskriminierender Entscheidungen des Dienstherrn gegen Soldaten wegen deren Homosexualität beschloss – übrigens einstimmig und ohne Enthaltung – blickten die Abgeordneten auf die schwarz-rot-goldene Flagge vor ihnen. Schwarz-Rot-Gold und die Regenbogenflagge stehen aber nicht im Gegensatz zu einander, sondern ergänzen sich.
Wieso?
Alles was erreicht worden ist, wurde im Zeichen von Schwarz-Rot-Gold erreicht. Und dieser Kampf wurde unter der Regenbogenflagge geführt. Sie steht auch als Erinnerung für den schweren Weg zum heutigen Leben frei von Diskriminierung für alle Menschen, egal welche geschlechtliche oder sexuelle Identität sie haben. Dass das Verteidigungsministerium die Regenbogenflagge am 3. Juli hisst, ist ja kein Zufallsdatum. Am 3. Juli 2000 hob das BMVg die in Erlassform festgelegten Einschränkungen für homosexuelle Soldaten bei Laufbahnen und Verwendungen auf.
Die Regenbogenflaggen vor dem BMVg, anderen Ministerien und auf dem Bundestag wurden übrigens erst vor vier Jahren, 2022, erstmals gehisst.
Das Hissen der Regenbogenflagge führt immer wieder zu Diskussionen. Was sind die Ursachen dafür?
In den Jahren 2025 und 2026 gab es einen politischen und medialen Streit um die Regenbogenbeflaggung auf dem Bundestag. Genau betrachtet ging es nicht um das Ob des Zeigens dieser Flagge, sondern um das Wann und Wie oft. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hatte entschieden, diese nicht mehr zum CSD im Juli wehen zu lassen, sondern nur einmal im Jahr – zum Internationalen Tag gegen Homophobie am 17. Mai. An dem Tag im Jahr 1990 hat die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten gestrichen. Seitdem sind viele Fortschritte erreicht worden.
Der Tag, an dem die Flagge auf dem Reichstagsgebäude weht, hat – wie beim Verteidigungsministerium – einen klaren historischen Bezug. Und doch ist es mehr als nur der Blick zurück.
Warum ist die Flagge heute noch wichtig?
Global betrachtet nehmen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit wieder zu. In vielen Ländern der Welt werden Menschen verfolgt, nur weil sie so leben, wie sie sind – weil sie lieben, wen sie lieben. Daher ist die Regenbogenflagge auch eine Erinnerung an diese Menschen und ein Zeichen unserer Solidarität.
Würde jetzt auf das Hissen der Flagge ab jetzt verzichtet werden, wäre das ein Zeichen des Aufgebens, des Nachgebens gegenüber der steigenden Ablehnung von Homo- und leider besonders stark auch von Transsexuellen. Ich finde, die bunte Flagge an dem einen Tag im Jahr mit besonderen historischen Bezug zu hissen, ist richtig. Schwarz-Rot-Gold und die Regenbogenflagge stehen nicht im Gegensatz zu einander.
*Die Fragen stellte Josephine Klingner, Leiterin der Redaktion Interne Kommunikation BMVg.