Verteidigungsminister Pistorius: „Sicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe“
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Verteidigungsminister Boris Pistorius hat bei der Konferenz der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Berlin eine programmatische Rede gehalten. Der Minister richtete den Fokus auf die Kooperation zwischen Staat, Bundeswehr, Industrie und Gesellschaft. Danach stellte er sich der Diskussion.
Der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHKDeutsche Industrie- und Handelskammer), Peter Adrian, erklärte zum Auftakt der Konferenz mit dem Titel „Sicherheits- und Verteidigungspolitik als Standortfaktor – Herausforderungen und Chancen für Wirtschaft und Staat“: Die Kooperation zwischen Bundeswehr und Industrie habe sich seit dem Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine bereits intensiviert. Es sei mehr als je zuvor notwendig, dass sich Bundeswehr und Wirtschaft abstimmten. „Deshalb sind wir heute hier zusammengekommen“, sagte Adrian.
Strategische Notwendigkeit
Verteidigungsminister Boris Pistorius zeigte sich in seiner Rede sicher, dass die deutsche Wirtschaft bereit sei, sich den sicherheitspolitischen Realitäten dieser Zeit zu stellen – für den Standort Deutschland und für Europa sowie die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Partner.
„Gemeinsam wollen wir erreichen, dass sich die Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, Zulieferer und die Unternehmen anderer Branchen noch besser vernetzen und ihr gemeinsames Potential nutzen“, so der Minister. Die Vernetzung von ziviler Industrie und Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sei eine strategische Notwendigkeit. Ohne eine leistungsfähige Wirtschaft, ohne starke industrielle Wertschöpfung, ohne Innovation gebe es keine glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit, stellt er klar.
Erweiterten Industriedialog in Gang gesetzt
Deutschland sei die drittgrößte Industrienation der Welt. „Wir können stolz darauf sein“, erklärte Boris Pistorius vor Unternehmerinnen und Unternehmern sowie Vertreterinnen und Vertretern der Politik, der Bundeswehr, der Wissenschaft und der Gesellschaft.
Das industrielle Rückgrat des Landes entscheide darüber, wie glaubwürdig sich Deutschland verteidigen könne, fuhr Boris Pistorius fort. Es komme dabei nicht allein auf die Industrie-Riesen an, sondern auch auf die vielen kleineren Unternehmen in den Lieferketten. Die sicherheitspolitische Lage erfordere es, dieses Potential viel stärker – und vor allem branchenübergreifend – auszuschöpfen. Deshalb hatte der Minister im Dezember 2025 gemeinsam mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche einen erweiterten Industriedialog gestartet, der schon bald fortgesetzt werden soll.
Aufgaben gemeinsam lösen
Boris Pistorius unterstrich, dass Sicherheitspolitik kein Randthema mehr sei. Deutschland stehe 2026 sicherheitspolitisch in einem Umfeld, das komplexer, schneller und fordernder kaum sein könne. Die regelbasierte internationale Ordnung stehe vor einer Zerreißprobe. Als Brennpunkte nannte der Minister Venezuela, Iran, Grönland, den Nahen Osten und die Ukraine. Sie bleibe für Deutschland ein zentrales Thema. Deutschland stehe fest an der Seite der Ukraine.
Neben dem weltweit herausragenden Engagement für die Ukraine müsse Deutschland deutlich mehr als bisher für sich, die Sicherheit Europas und der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Partner tun. Als zentrale Drehscheibe in NATONorth Atlantic Treaty Organization und EUEuropäische Union erwarteten die Partner angesichts dieser Weltlage nicht mehr nur Mitwirkung, sondern Führung von Deutschland. Die vergangenen Wochen hätten noch einmal vor Augen geführt, dass es jetzt vor allem auf die eigene Handlungsfähigkeit ankomme, so Boris Pistorius. Konkret bedeute das: „Wir holen nach, was wir über Jahre versäumt haben.“ Von der Ausstattung über die Infrastruktur bis hin zum Geld, welches der Bundeswehr nun zur Verfügung stehe, laufe der Umbau und der Aufwuchs der Truppe mit Hochdruck.
Neuer Wehrdienst bietet Chancen für die Wirtschaft
Ohne die Unterstützung der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber werde das nicht gelingen. Der Aufwuchs der Bundeswehr biete Chancen auch für die Arbeitgeber. Die Bundeswehr werde zum Lernort, der einen Mehrwert für Gesellschaft und Arbeitswelt entfalte. Davon könnten Industrie und Wirtschaft langfristig profitieren, so Boris Pistorius.
2025 haben wir rund 25.000 neue Soldatinnen und Soldaten eingestellt.
Verteidigungsminister Boris Pistorius
Bundeswehr/Norman Jankowski
Das sei ein Plus von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr und das beste Einstellungsergebnis seit zwölf Jahren, hob Pistorius hervor.
Die Bundeswehr sei ein attraktiver Arbeitgeber, welcher die jungen Menschen erreiche. Für den Aufwuchs der Streitkräfte werde künftig der Neue Wehrdienst ein wichtiger Baustein sein. Hierfür seien die ersten Aktivitäten, so etwa das Verschicken der Fragebögen, gut angelaufen.
Nach ihrer Zeit bei der Bundeswehr verließen jährlich viele Tausend sehr gut ausgebildete Soldatinnen und Soldaten die Truppe. Sie könnten der Wirtschaft in vergleichsweise jungen Jahren zu Gute kommen, auch im Bereich der Fachkräfte, erklärte der Minister.
Reserve ist Scharnier zwischen ziviler Wirtschaft und Einsatzfähigkeit
Der Neue Wehrdienst diene dem Aufbau einer robusten Reserve für den Spannungs- und Verteidigungsfall. Boris Pistorius unterstrich, Ziel der Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Arbeitgebern sei auch das Schaffen eines reservistenfreundlichen Umfelds. Es gehe um eine breite gesellschaftliche Akzeptanz für diesen Dienst.
Eine starke Reserve sei das Bindeglied zwischen Bundeswehr und Gesellschaft. Sie sei ein Scharnier zwischen ziviler Wirtschaft und Einsatzfähigkeit, hob der Minister hervor.
Zusammenarbeit bei Gesamtverteidigung und OPLANOperationsplan Deutschland Deutschland
Der Minister betonte, Sicherheit sei längst keine rein staatliche Aufgabe mehr, sondern eine gesamtgesellschaftliche. In diesem Kontext wies er auf den Operationsplan (OPLANOperationsplan Deutschland) Deutschland hin, in dem Gesamtverteidigung neu strukturiert werde. Im Krisen- und Verteidigungsfall seien Wirtschaft, kritische Infrastrukturen, Logistik, Versorgung und industrielle Leistungsfähigkeit entscheidend. Der Minister unterstrich, die Industrie sei eben nicht nur verteidigungsrelevant, sondern auch verteidigungsverantwortlich.
Kernbestandteil nationaler Sicherheit
Spätestens seit dem völkerrechtswidrigen Überfall Russlands auf die Ukraine sei klar, dass Kriege und Konflikte nicht mehr ausschließlich das Militär beträfen. Hybride Bedrohungen – Cyberangriffe, Sabotage, Desinformation – zielten bewusst auch auf Unternehmen und Lieferketten. Russland stelle in diesem Kontext die größte Bedrohung für Deutschland dar. Resilienz der Wirtschaft sei deshalb ein Kernbestandteil nationaler Sicherheit. „Verteidigungsfähigkeit beginnt im Betrieb“, brachte es der Minister auf den Punkt.
Verteidigungsminister Boris Pistorius diskutierte mit dem Präsidenten der Deutschen Industrie- und Handelskammer, Peter Adrian. Moderiert wurde das Gespräch von Table.Media-Chefredakteurin Helene Bubrowski.
In der Diskussion mit dem Präsidenten der Deutschen Industrie- und Handelskammer, Peter Adrian, machte der Minister deutlich, wie der Geschäftsbereich BMVgBundesministerium der Verteidigung und die Wirtschaft besser kooperieren könnten. Moderiert wurde das Gespräch von der Chefredakteurin von Table.Media, Helene Bubrowski. Sie stellte die Frage, ob es in der deutschen Wirtschaft so etwas wie einen neuen Patriotismus brauche. Adrian sagte, natürlich müssten sich die Unternehmerinnen und Unternehmer auf die neue Lage einstellen. Wichtig sei, dass dies als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werde.
„Worauf kommt es jetzt an?“, war eine weitere Frage, die an Boris Pistorius gerichtet wurde. Er machte deutlich, dass es wichtig sei, den Menschen im Lande zu sagen, was Sache sei. Er werde der Realität der aktuellen Bedrohungslage nicht gerecht, wenn er diese weicher zeichne, als sie sei.
Auf die Frage, ob das Geld aus dem Sondervermögen Bundeswehr und dem stetig wachsenden Verteidigungsetat eine Stimulation für die Wirtschaft darstelle, antwortete Peter Adrian: Zweifellos seien dadurch positive Effekte zu erwarten, aber es komme darauf an, dass die Finanzmittel effektiv eingesetzt würden. Dieses Statement griff Minister Pistorius auf und machte deutlich: Was Effektivität betreffe, habe das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBwBundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr) den Turn Around längst geschafft. In diesem Kontext erinnerte Boris Pistorius an die hohe Zahl der Beschaffungsvorlagen, die nun umgesetzt würden.
Die Auftaktveranstaltung „Industrie im Dialog für Sicherheit“ im BMVgBundesministerium der Verteidigung dient der Stärkung der gesamtstaatlichen Resilienz der Lieferketten.