Erstmals digital: Bundeswehr bildet UN-Stabspersonal aus
Trotz Corona konnte die Bundeswehr auch im Jahr 2020 die Ausbildung von UN-Stabspersonal fortsetzen - dank eines innovativen Online-Kurses.
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Übungslage: In der Demokratischen Republik Kongo bricht ein Vulkan aus. Das Gebiet muss evakuiert und Menschen gerettet werden. Das schnelle Handeln der Angehörigen der UN-Mission MONUSCO ist gefragt. Wie die Hilfe und Unterstützung aussehen könnte, wurde mit einem In-Mission-Training (IMT) trainiert – erstmals wieder vor Ort.
Mit In-Mission-Trainings wird seit 2018 Stabspersonal der Vereinten Nationen ausgebildet, um in Krisensituationen bestmöglich reagieren zu können. Sie sollen helfen, Planungsabläufe und Entscheidungsprozesse in den UN-Hauptquartieren zu verbessern. Die Teams für diese besondere Weiterbildung setzen sich aus Experten aus der gesamten Bundeswehr zusammen. Das IMT-Team schult das Stabspersonal für das Verhalten in Krisensituationen. Es hat Personal der Missionen UNMISS im Südsudan, MINUSCA in Zentral Afrika und MINUSMA in Mali trainiert.
Seit Beginn der Corona-Pandemie gab es ausschließlich Online-Weiterbildungen. Jetzt reisen die Teams wieder in die Einsatzländer. Ein Team war in der Demokratischen Republik Kongo, um dort Stabsangehörige der UN-Friedensmission MONUSCO fortzubilden.
Mitglied des Teams ist von Anfang an Oberstleutnant André Leipold aus dem Zentrum Simulations- und Navigationsunterstützung Fliegende Waffensysteme der Bundeswehr. Voraussetzungen, um als Trainer fungieren zu können, sind Einsatzausbildungen, umfangreiche Einsatzerfahrung als UN-Militärbeobachter oder als Stabsoffizier in UN-Hauptquartieren.
Als Übungsszenario im Kongo wurde auf Wunsch der Missionsführung ein möglicher Ausbruch des Vulkans Nyiragongo gewählt. Der war zuletzt im Mai 2021 ausgebrochen. „Tausende Bewohner mussten fliehen. Der Ausbruch hat zudem große Schäden verursacht, auch kritische Infrastruktur der Mission war betroffen“, sagte Leipold. Durch die Stabsübung sollen die Verantwortlichen der Mission besser auf solch ein Ereignis vorbereitet sein. Der aktive Vulkan liegt vor den Toren Gomas, wo MONUSCO das Force-Hauptquartier hat. Goma befindet sich in der Region Nord-Kivu, die zum östlichen Teil der Demokratischen Republik gehört.
Die Lage dort sei sehr instabil. Daher habe die Regierung einen Belagerungszustand für Nordkivu ausgerufen, berichtet Leipold. Dadurch würden dem Militär weitere Befugnisse und Rechte zugestanden. An MONUSCO beteiligen sich derzeit rund 13.000 Soldatinnen und Soldaten aus über 50 Ländern, so Leipold. Damit alle Akteure im Ernstfall grundlegende Abläufe kennen und Hand in Hand arbeiten, unterstützt das IMT-Team bei den Übungen. Im Fokus steht beim Vulkanausbruch das Retten von Menschenleben.
Zwei Tage dauerte die Übung. Zur Vorbereitung wurden die Vorschriften und Anweisungen der Mission zusammengetragen und ausgewertet. Danach wurde das Skript für ein realistisches Szenario geschrieben. Um die Geschichte greifbarer zu machen, erhielten die Übungsteilnehmer Informationen über die fiktiven Ereignisse per E-Mail, Telefon, Funk, Radio oder Twitter-Nachrichten. „Das wurde im Übungsverlauf stetig intensiviert, um die Teilnehmer unter Stress zu setzen“, berichtet Leipold. So hätten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter Hochdruck priorisieren und koordinieren müssen. Eine weitere Herausforderung: Die Übung lief parallel zu den normalen Aktivitäten und Operationen der regulären Stabsarbeit im Force-Hauptquartier.
Das siebenköpfige Team des IMT unter Leitung von Oberst Michael Brockmann bestand aus Offizieren, die als Mentoren, Ausbilder und Beobachter dienten sowie zwei Ausbildern zur administrativen Unterstützung. Das Team wertete im Anschluss an die Übung die Reaktionen und Handlungen der Akteure gemeinsam mit der UN-Mission aus. So werden Abläufe optimiert, Kommunikation präziser gestaltet und bei Bedarf gemeinsame Gremien geschaffen. Das gemeinsame Ziel: schneller und koordinierter handeln zu können.
„In einem Umfeld mit verschiedenen Kulturen und Armeen – wie in der UN – ist das Zusammenspiel eine Herausforderung. Das deutsche IMT-Team konnte Brücken zwischen den Kulturen schlagen“, lobte der Schweizer Teilnehmer Hauptmann Thuruban Tuchchathanan.
Oberst Brockmann betonte: „Mit dem von MONUSCO gewählten Übungsinhalt eines Vulkanausbruchs konnte das deutsche IMT-Team ein für die gesamte Mission bedeutsames Krisenszenario realitätsnah unterstützen. Dies wurde von der Mission mit der Einbeziehung aller relevanten Missionselemente in die Übung verdeutlicht.“
Deutschland führt als einziger UN-Mitgliedstaat derartige Stabsübungen in laufenden Missionen durch. Die IMTs sind eine von mehreren Maßnahmen, mit denen die Bundesregierung die UN-Reforminitiative Action for Peacekeeping (A4P) unterstützt. Initiiert wurde die Initiative von UN-Generalsekretär António Guterres, mit dem Ziel, das System der UN durchsetzungsfähiger und die Vereinten Nationen effizienter in der Erfüllung ihrer Aufgaben zu machen.
Die Trainings sind in zwei Phasen unterteilt. Die erste Phase ist das Training-of-Trainers (ToT). Hier lernen die teilnehmenden Offizierinnen und Offiziere, Übungen zu konzipieren und dabei auch kritische Lageentwicklungen zu simulieren, angepasst an die spezifischen Bedingungen im Einsatzland.
In der zweiten Phase unterstützt das deutsche In-Mission-Training-Team die UN-Offiziere vor Ort dabei, im Missions-Hauptquartier eine Stabsübung durchzuführen – wie in diesem Fall bei MONUSCO im Kongo. In der Fachsprache heißt das: Command Post Exercise (CPX).
MONUSCO ist eine Friedensmission der Vereinten Nationen. Die Abkürzung steht für Mission de l’Organisation des Nations Unies pour la stabilisation en République démocratique du Congo – UN-Mission zur Stabilisierung der Demokratischen Republik Kongo. Seit 2010 sind die Blauhelm-Soldatinnen und -Soldaten dort für die Friedenssicherung im Einsatz (Vorgängermission MONUC war seit 1999 im Einsatz).
Ziele sind insbesondere der Schutz der Zivilbevölkerung sowie die Stabilisierung und Unterstützung bei Reformen. Wegen der Konzentration unzähliger Rebellengruppen im Osten wurde 2013 zusätzlich eine Force Intervention Brigade (FIB) durch die Vereinten Nationen eingerichtet. Sie kann zusammen mit den kongolesischen Streitkräften FARDC (Forces Armées de la République Démocratique du Congo) offensive Militäroperationen gegen die Rebellen durchführen. Ein solch offensives Mandat gibt es ausschließlich bei dieser UN-Mission und auch die FIB ist ein Novum bei UN-Friedensmissionen.
von Redaktion der Bundeswehr