70 Jahre Bundesministerium der Verteidigung
Wiederbewaffnung und Kalter Krieg, Armee der Einheit und Auslandseinsätze. 70 Jahre Verteidigungsministerium markieren 70 Jahre Sicherheitspolitik.
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1955 wurde aus dem damaligen Amt Blank das Bundesministerium für Verteidigung. Die Unterzeichnung der Pariser Verträge am 23. Oktober 1954, mit denen das Besatzungsstatut für die Bundesrepublik Deutschland endete, und ihr NATONorth Atlantic Treaty Organization-Beitritt im Mai 1955 hatten den Grundstein für die Wiederbewaffnung Deutschlands gelegt – und damit auch für Verteidigungsministerium und Bundeswehr.
Ministerium und Truppe – zwei Seiten derselben Medaille. Aber tatsächlich ist das Ministerium um einige Monate älter als die im November 1955 gegründete Truppe. Denn schon am 7. Juni 1955 nahm das Bundesministerium für Verteidigung mit rund 1.300 Mitarbeitenden seine Arbeit auf – der erste Minister war Theodor Blank. Das Ministerium übernahm zunächst den Sitz seines Vorläufers, des Amts Blank, in der Ermekeilkaserne in Bonn. Fünf Jahre später, 1960, begann der Umzug auf die Bonner Hardthöhe – den ersten Dienstsitz des deutschen Verteidigungsministeriums. Am 30. Dezember 1961 wurde das Ministerium als eines der klassischen politischen Ressorts wie Inneres, Auswärtiges, Finanzen und Justiz in Bundesministerium „der“ Verteidigung umbenannt. Zweiter Dienstsitz ist seit 1993 der Berliner Bendlerblock.
Die Geschichte des Verteidigungsministeriums und seiner bisher 20 Ministerinnen und Minister beschreibt 70 Jahre deutsche Sicherheitspolitik bei beständiger Veränderung der weltpolitischen Lage. Und sie steht für den erfolgreichen Aufbau deutscher Streitkräfte. Verteidigungsministerium und Bundeswehr sind mit ihren Aufgaben gewachsen. Deutschland ist inzwischen ein Staat im Herzen Europas, der Führungsverantwortung in der NATONorth Atlantic Treaty Organization und EUEuropäische Union übernimmt, sicherheitspolitische Initiative ergreift und auf den sich seine Partner jederzeit verlassen können.
Die Anfänge ließen dieses jedoch noch nicht erahnen: Nach den Grauen des Zweiten Weltkriegs schien eine neue deutsche Armee zunächst illusorisch, für ein Verteidigungsministerium gab es keinen Bedarf. Dann entbrannte der Ost-West-Konflikt. Mehr als 40 Jahre lang zog sich ein Eiserner Vorhang durch Europa und von 1949 bis 1990 existierten mit der DDR und der Bundesrepublik Deutschland zwei deutsche Staaten. Als Gegengewicht zur Sowjetunion schlossen sich 1949 zwölf Staaten zur NATONorth Atlantic Treaty Organization zusammen. Bald darauf entbrannte die Debatte über einen deutschen Wehrbeitrag zur Verteidigung Westeuropas, die im Jahr 1955 schließlich zum Beitritt Westdeutschlands zur NATONorth Atlantic Treaty Organization, zur Gründung des Verteidigungsministeriums und der Bundeswehr führte. Mit einer Personalstärke von bis zu einer halben Million aktiver Soldaten und Soldatinnen wurde die Bundeswehr bis in die 80er-Jahre zu einer der stärksten Armeen der Allianz.
Mit dem Ende der Ost-West-Konfrontation wandelte sich die Rolle der Bundeswehr und damit auch der Anspruch an ihre Führung durch das Verteidigungsministerium. Nach der Wiedervereinigung mussten zunächst Teile des Personals und Materials der NVA in die Bundeswehr übernommen werden: Die Armee der Einheit wuchs zusammen. Außerdem wurde das internationale Krisenmanagement zum Fokus der Bundeswehr. 2001 folgte mit den Anschlägen vom 11. September ein weiterer sicherheitspolitischer Wendepunkt. Nachdem sich die Terrororganisation Al-Qaida zu dem Attentat bekannt hatte, riefen die USA den NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnisfall aus. Kurz darauf entsandte der Deutsche Bundestag die ersten deutschen Soldatinnen und Soldaten nach Afghanistan. Die Bundeswehr war zur Armee im Einsatz geworden.
Mit der Annexion der Krim 2014, spätestens aber mit der russischen Vollinvasion in der Ukraine 2022, erlebten Deutschland und Europa erneut eine sicherheitspolitische Zäsur. Die durch Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene Zeitenwende bedeutet für das BMVgBundesministerium der Verteidigung und die Bundeswehr endgültig die Refokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung. Deutschland erhöht seine Verteidigungsausgaben, stationiert erstmals dauerhaft eine komplette Brigade im Ausland und diskutiert aktiv über neue Formen des Wehrdienstes.
Bekannte Persönlichkeiten und ikonische Gebäude stehen für die 70-jährige Geschichte des Verteidigungsministeriums.
Auch das BMVgBundesministerium der Verteidigung hat mal klein angefangen: Die Geschichte des aus dem „Amt Blank“ hervorgegangenen Ministeriums beginnt 1955 in der Bonner Ermekeilkaserne. Damit kann die Liegenschaft als Geburtsstätte der Bundeswehr gesehen werden.
Der erste Verteidigungsminister Theodor Blank bei der Übernahme von Kontingenten des Bundesgrenzschutzes in die Bundeswehr 1956: links neben ihm Gerhard Schröder, der später von 1966 bis 1969 selbst das Ministerium führen sollte
Prägende Persönlichkeiten der frühen Jahre: Bundespräsident Heinrich Lübke im Gespräch mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß und General Adolf Heusinger (von links nach rechts), der von 1957 bis 1961 Generalinspekteur der Bundeswehr war
Das neue Ministerium hatte 1955 schon über 1.000 Mitarbeitende und die brauchten Platz. Der fand sich auf einer Anhöhe im Bonner Stadtteil Hardtberg. Im Juni 1956 war Richtfest. „Die Hardthöhe“ war lange Synonym für „das Verteidigungsministerium“.
An der Hardthöhe wurde bis in die 90er-Jahre immer weitergebaut. Mehr als hundert Gebäude entstanden dort über die Jahrzehnte. Inzwischen ist die Liegenschaft einer von zwei Sitzen des Bundesministeriums der Verteidigung. Ein weiterer ist in Berlin.
Zum Schutz hochrangiger Gäste des BMVgBundesministerium der Verteidigung und als Teil des Protokolls fuhren Feldjäger der Bundeswehr schon vor Jahrzehnten Eskorte – hier eine Trainingseinheit 1962. Die Größe der Eskorte orientiert sich bis heute am protokollarischen Rang des Gastes.
Presseanalyse der besonderen Art: Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel bei der Lektüre der BILD-Zeitung am 2. Juni 1966. Den kolportierten Nervenzusammenbruch scheint der Minister ganz gut weggesteckt zu haben.
Ressortchef auf dem Weg der Genesung: Bundeskanzler Willy Brandt (r.) stattet seinem Verteidigungsminister Helmut Schmidt am 11. Juni 1972 einen Besuch im Bundeswehrkrankenhaus Koblenz ab
Manfred Wörner war von 1982 bis 1988 Verteidigungsminister, hier bei einem Truppenbesuch bei Fallschirmjägern. Nach seiner Dienstzeit auf der Hardthöhe wurde Wörner als bislang einziger Deutscher Generalsekretär der NATONorth Atlantic Treaty Organization (1988 bis 1994).
Traditionsreiche Adresse im Herzen Berlins: Der Bendlerblock blickt auf eine mehr als hundertjährige, wechselhafte Geschichte zurück und wurde sowohl militärisch als auch zivil genutzt. Seit 1993 ist das Gebäude Dienstsitz des BMVgBundesministerium der Verteidigung in Berlin.
Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Ehrenhof des Bendlerblocks erinnert an den gescheiterten Umsturzversuch gegen Hitler am 20. Juli 1944. Jährlich wird hier der hingerichteten Widerstandskämpfer um Graf Stauffenberg gedacht.
Nach fast sechs Jahrzehnten erhielt das Verteidigungsressort Ende 2013 erstmals eine Chefin: Ursula von der Leyen. Hier besucht die Ministerin im Dezember 2016 das deutsche Einsatzkontingent MINUSMAMission Multidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali im westafrikanischen Mali.
Raum der Stille: Das Ehrenmal der Bundeswehr ist ein Ort des Gedenkens für die rund 3.400 zivilen und militärischen Bundeswehrangehörigen, die in sieben Jahrzehnten in Ausübung ihres Dienstes ums Leben gekommen sind
Außenansicht des Bendlerblocks: Hier in Berlin sind die Wege zu den politischen Entscheidungsgremien der Hauptstadt kurz – wesentlich für die Bundeswehr als Parlamentsarmee