Boris Pistorius hört, an einem Tisch sitzend aufmerksam einer Sitzung zu.
© Bundeswehr/Tom Twardy
KategorieNATO

NATO-Treffen: Gipfel und Rüstungskooperationen im Fokus

Boris Pistorius hat am 18. Juni 2026 in Brüssel seine Amtskolleginnen und -kollegen aus der NATO getroffen, um die verteidigungspolitischen Positionen mit Blick auf den anstehenden NATO-Gipfel zu beraten. Bei der Zusammenkunft ging es vor allem um die Verbesserung der konventionellen Fähigkeiten der europäischen Verbündeten.

Vor dem Treffen der Ministerinnen und Minister informierte Boris Pistorius darüber, dass das Minenjagdboot „Fulda“ und der Tender „Mosel“ in den frühen Morgenstunden den Suezkanal passiert hätten. Die Einheiten würden in der Region für eine mögliche Mission in der Straße von Hormus vorausstationiert. Ein Mandat des Bundestags für einen Einsatz in der Straße von Hormus gibt es noch nicht. Mit der Vorausstationierung sind die Einheiten schnell einsatzbereit, wenn das Mandat vorliegt. Aktuell seien die beiden deutschen Marineschiffe auf dem Weg durch das Rote Meer mit dem Ziel Dschibuti, berichtete Pistorius. „Vieles hängt jetzt davon ab, wie die Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA in den nächsten 60 Tagen verlaufen“, so der Minister.

Burden Shifting: Neuausrichtung der Lastenteilung

Die Zusammenkunft diente vor allem der finalen Abstimmung vor dem NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli 2026 in der türkischen Hauptstadt Ankara. Ein Schwerpunkt wird dort die Neuausrichtung der Lastenteilung innerhalb der Allianz, das sogenannte Burden Shifting, sein. Angesichts geopolitischer Dynamiken und einer zunehmenden strategischen Konzentration der USA auf den indopazifischen Raum gewinnt die europäische Eigenverantwortung immer weiter an Bedeutung. Die europäischen Verbündeten intensivieren ihre Anstrengungen, wesentlich mehr Verantwortung für ihre Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeiten zu übernehmen.

Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius schaut lächelnd für eine Portraitaufnahme in die Kamera.
Europa muss mehr Verantwortung übernehmen für die eigene konventionelle Abschreckung und Verteidigung – und das ist auch völlig richtig.
Verteidigungsminister Boris Pistorius Bundeswehr/Norman Jankowski

Als Beispiel für das verstärkte deutsche Engagement in der NATO führte Pistorius den Aufbau einer deutschen Panzerbrigade in Litauen an. „Bis Ende 2027 – und der Zeitplan steht – werden wir rund 5.000 Männer und Frauen, also eine Full Combat Ready-Brigade, in Litauen stehen haben“, so der Minister. Zudem werde das Deutsch-Niederländische Korps ab Juli das taktische Hauptquartier der NATO für Lettland und Estland übernehmen. Damit habe das Korps eine zentrale Rolle innerhalb der NATO-Planung. Außerdem wird sich die Luftwaffe im Air Policing weiterhin maßgeblich am Schutz des NATO-Luftraums beteiligen.

Koordinierte Fähigkeitsentwicklung für Europa

Hinsichtlich der Verbesserung der europäischen Fähigkeiten innerhalb der NATO sei nun „die Synchronisierung der einzelnen Schritte“ entscheidend, so Pistorius, damit keine „gefährlichen Fähigkeitslücken“ im konventionellen Bereich entstehen. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung von Deep-Precision-Strike-Fähigkeiten. Zur effektiven Schließung bestehender Fähigkeitslücken bei konventionellen Abstandswaffen mit großer Reichweite wurde die Initiative European Long-Range Strike Approach (ELSA) in Brüssel beraten. Die Verteidigungsminister der beteiligten Nationen haben in Brüssel weitere Verbündete eingeladen, sich an dem Projekt zu beteiligen.

Getragen von den NATO-Staaten Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien, dient ELSA der strukturierten Koordinierung der Eigenentwicklungen von Deep-Precision-Strike-Fähigkeiten. Mit ELSA reagieren die NATO-Partner auf das militärische Bedrohungspotenzial durch russische Abstandswaffen im europäischen Raum. Das rüstungspolitische Ziel sind die Entwicklung und Beschaffung von Waffensystemen, die Reichweiten von über 500 Kilometern bis zu mehr als 2.000 Kilometern abdecken.

Joint Communiqué der ELSA-Nationen

Vor zwei Jahren gaben die Verteidigungsminister von Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Schweden und des Vereinigten Königreichs den Startschuss für den European Long Range Strike Approach (ELSA). 

Mit dieser Initiative erkannten die Minister an, dass die Fähigkeit zur Durchführung weit reichender Angriffe mit konventionellen Mitteln zu einer kritischen und unverzichtbaren Fähigkeit moderner Kriegsführung geworden ist. Unsere gemeinsame Zielsetzung war es, den Weg für kurz- und langfristige Zusammenarbeit zu ebnen, damit die industrielle und technologische Verteidigungsbasis Europas in angemessenem Zeitplan und angemessener Anzahl angemessenes Gerät entwickeln, produzieren und liefern kann. 

Im Verlauf der vergangenen zwei Jahre wurden die relevantesten Fähigkeiten identifiziert und verschiedenen Clustern zugewiesen, die das gesamte Spektrum weit reichender Angriffe von Sensoren über Wirkmittel unterschiedlicher Reichweite bis hin zu Startvorrichtungen abdecken. In den jeweiligen Clustern stimmten die Nationen gemeinsame Anforderungen ab und erarbeiteten potenzielle, interoperable Lösungen und Ansätze, um eine zeitnahe Fähigkeitsentwicklung zu ermöglichen. 

Mehrere Cluster haben inzwischen einen Reifegrad erreicht, der es ihnen erlaubt, als eigenständige „ELSA Implementation Groups“ (EIG) weiterzuarbeiten. In diesen Gruppen wird die Arbeit unter Leitung der jeweiligen federführenden Nation(en) fortgeführt, mit Hauptaugenmerk auf Entwicklungs- und Beschaffungsprojekten. Sie bauen dabei auf ein etabliertes Netz nationaler Experten, um Möglichkeiten einer fortgesetzten Zusammenarbeit im Bereich weit reichende Angriffe auszuloten, auch mit neuen Partnern. 

Die Fähigkeitscluster, von denen einige bereits zu Kooperationsprojekten geführt haben, umfassen:

  • luftgestützte Frühwarnung
  • Niederhalten der gegnerischen Flugabwehr auf große Entfernung
  • luftgestützte weit reichende Angriffsfähigkeit
  • Euro Multi Missile Launcher
  • bodengestütztes weit reichendes Angriffssystem 300-500 km
  • bodengestütztes weit reichendes Angriffssystem 500-2000 km
  • bodengestütztes weit reichendes Angriffssystem 2000 km+
  • kostengünstige Angriffsfähigkeiten 500 km+ basierend auf Einweg-Wirkmitteln

ELSA hat seine Wirksamkeit durch konkrete Ergebnisse bewiesen; zunächst unter Beteiligung eines kleineren Nationenkreises, um Anforderungen und realisierbare Lösungen einander schneller anzunähern. Es folgte die Ausweitung und Identifizierung von Kooperationsprojekten – somit diente ELSA als Keimzelle für die Stärkung europäischer Verteidigung in diesem kritischen Bereich der weit reichenden Angriffe. 

Daher sind die Verteidigungsminister Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Polens, Schwedens und des Vereinigten Königreichs heute übereingekommen, den Übergang von ELSA hin zu eigenständigen ELSA Implementation Groups zu vollziehen und damit zu unterstreichen, dass ELSA eine bedeutende Weiterentwicklung europäischer Zusammenarbeit im Bereich weit reichender Angriffsfähigkeiten darstellt. 

Die sechs Nationen bekräftigen erneut ihre Absicht, beträchtliche Anstrengungen zur Weiterentwicklung weit reichender Angriffsfähigkeiten zu unternehmen, sowie ihre Entschlossenheit, deren Beschaffung und Entwicklung zu beschleunigen, um europäische Fähigkeiten rasch zu stärken. 



 

Entwicklung der Verteidigungsinvestitionen

Eng verknüpft mit dem Burden Shifting ist die Steigerung der Investitionen in Abschreckung und Verteidigung. So werden auch in Deutschland die Verteidigungsausgaben in den nächsten Jahren massiv erhöht. Im Haushalt sind für das Jahr 2026 Investitionen von mehr als 108 Milliarden Euro in die äußere Sicherheit vorgesehen. In den Folgejahren soll diese Summe bis auf rund 152 Milliarden Euro für den Verteidigungsetat im Jahr 2029 steigen. Das entspricht einer Verdreifachung gegenüber 2023.

Strategische Marinekooperation und Schutz der Nordflanke

Die bilaterale und multilaterale Zusammenarbeit im maritimen Raum des Hohen Nordens war ein weiteres Schwerpunktthema. Die deutsch-norwegische Marinekooperation gilt innerhalb der Allianz als Musterbeispiel für tiefe militärisch-industrielle Integration. Das bedeutendste Fundament dieser Partnerschaft ist das gemeinsame Großprojekt zum Bau der neuen U-Boot-Klasse 212 CD. Zusätzlich wird die maritime Schlagkraft durch komplementäre Lenkwaffenprojekte und entsprechende Beschaffungen intensiviert wie die Joint Strike Missile (JSM) und die Supersonic Strike Missile (3SM) Tyrfing

Die Interoperabilität beider Marinen wurde erst kürzlich beim Manöver Mjølner 2026 vor Norwegen unter Beweis gestellt. Unter deutscher Führung trainierten rund 2.500 Soldatinnen und Soldaten aus fünf Nationen das taktische Schießen unter realistischen Einsatzbedingungen auf See, was den gemeinsamen Schutzanspruch an der strategisch-kritischen NATO-Nordflanke untermauert.

Minister Pistorius sowie sein norwegischer und sein britischer Amtskollege, Tore O Sandvik und Dan Jarvis, haben in Brüssel die weitere Intensivierung im Bereich der maritimen Sicherheit vereinbart. Neben den bisherigen gemeinsamen Projekten wird nun auch bei der U-Boot-Jagd (Anti Submarine Warfare, ASW) eine verstärkte Kooperation gemeinsam mit Großbritannien stattfinden, um die Vereinigten Staaten im Nordatlantik zu entlasten.

Grundlage für NATO-Gipfeltreffen

Das Treffen in Brüssel war ein weiteres Signal für spürbar mehr europäische Eigenständigkeit innerhalb der NATO. Gemeinsame Rüstungsprojekte wie die ELSA-Initiative, der konsequente Ausbau von Kooperationen wie mit Norwegen und weiteren Verbündeten sowie die Debatte über signifikant angehobene Verteidigungsbudgets haben ein Fundament für den Gipfel in Ankara gelegt. Ziel bleibt es, angesichts der europäischen Sicherheitslage die militärische Handlungsfähigkeit Europas zu steigern. Im Anschluss haben die Ministerinnen und Minister sich zu einer Sitzung der Ukraine-Kontaktgruppe getroffen, um die weitere Unterstützung für das angegriffene Land zu koordinieren.

Pressemitteilung: Deutschland, Norwegen und das Vereinigte Königreich übernehmen stärkere Verantwortung für die U-Bootabwehr (Anti-Submarine Warfare - ASW) im Nordatlantik

Beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister in dieser Woche bekräftigten Deutschland, Norwegen und das Vereinigte Königreich ihr Engagement zur Übernahme eines größeren Anteils der Lasten im kritischen Bereich der U-Bootabwehr, um damit die Belastung für die globalen ASW-Fähigkeiten der Vereinigten Staaten zu verringern sowie mehr Verantwortung für die Bekämpfung russischer U-Bootaktivitäten im Nordatlantik zu übernehmen. Dies sorgt für eine faire Lastenteilung und stärkere Abschreckung und Verteidigung im Nordatlantik, trägt zum Schutz aller Bündnispartner in der Region bei und stärkt gleichzeitig die Einheit und den Zusammenhalt des transatlantischen NATO-Bündnisses.

Die trilaterale Initiative belegt die Bereitschaft und die Fähigkeit der drei Nationen, eine größere und umfassendere Rolle bei der Wahrung euroatlantischer Sicherheit zu übernehmen. Sie stellt einen wichtigen und konkreten Beitrag zur Verlagerung der Lasten und zu einem stärkeren Europa in einer stärkeren NATO dar. Deutschland, Norwegen und das Vereinigte Königreich betreiben gemeinsam mehrere moderne Fregatten zur U-Bootabwehr sowie Seefernaufklärer vom Typ Boeing P-8 Poseidon und eine große Anzahl hochentwickelter U-Boote.

Eine enge Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten bleibt von größter Bedeutung. Gleichzeitig versetzen die kombinierten Fähigkeiten sowie aktuelle Pläne, diese in den nächsten zehn Jahren signifikant auszubauen, unsere drei Länder in die Lage, noch enger zusammenzuarbeiten, indem wir Kräfte und Mittel für eine verstärkte U-Bootabwehr des Bündnisses im Nordatlantik bündeln. Dieses Engagement stellt sicher, dass das Bündnis auch in Zukunft in der Lage ist, die Freiheit der Schifffahrt zu gewährleisten, Abschreckung zu projizieren und wesentliche Verbindungswege zu schützen.

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