Eine deutsche Soldatin mit Notizbuch steht zwischen afrikanischen UN-Sicherheitsvertretern
© UN/James Okello
KategorieHintergrund

UN-Mission im Südsudan: „Veränderungen brauchen Zeit“

Frau Oberstleutant Nancy W.* ist derzeit als Militärbeobachterin bei der UN-Friedensmission im Südsudan eingesetzt. Im Interview erzählt die Bundeswehr-Offizierin, wie die aktuelle Situation im Land ist, was die UN-Truppe zum Friedensprozess beitragen kann und warum es wichtig ist, Frauen in UN-Missionen stärker zu beteiligen.

Was war Ihre Motivation, sich als UN-Militärbeobachterin ausbilden zu lassen und in den Einsatz zu gehen?

Im Magazin „Der Spiegel“ hatte ich 2018 einen Bericht gelesen, dass Soldatinnen in UN-Friedensmissionen stärker eingebunden werden sollen, darunter auch Militärbeobachterinnen.  Für mich schien die Beteiligung an einer UN-Mission ein interessantes neues und sinnstiftendes Aufgabenfeld zu sein. Auch wollte ich aktiv einen Beitrag dazu leisten, die Lage in Konfliktgebieten zum Besseren zu verändern. Nach dem Aufruf des Generalinspekteurs 2019 an alle Soldatinnen, sich für UN-Missionen ausbilden zu lassen, habe ich mich sofort für die Ausbildung beworben.

Wo sind Sie im Südsudan eingesetzt?

Nach der Quarantäne in der Hauptstadt Dschuba und den Ausbildungen zu Beginn des Einsatzes wurde ich in Torit im Süden des Landes eingesetzt. In dem relativ kleinen UN-Camp dort wohne ich in einem Einzelcontainer. Im UN-Einsatz muss man sich grundsätzlich selbst versorgen. In meinem Team sind noch 15 weitere Militärbeobachter aus elf verschiedenen Ländern, darunter auch zwei Militärbeobachterinnen aus Ghana und Ruanda.

Welche Aufgaben haben Sie als Militärbeobachter in der Mission?

Wir führen jeden Tag Ortspatrouillen in Torit und regelmäßig auch längere Patrouillen in unserem Einsatzgebiet – der Region Ost-Äquatoria – durch. Als Militärbeobachter haben wir den Auftrag, die Sicherheitslage vor Ort zu beobachten und zu bewerten. Wir fragen die örtliche Bevölkerung nach Sicherheitsvorfällen, aber auch, ob Schulen vorhanden sind und wie die medizinische Versorgung ist. Unsere Informationen fließen dann bei der Erstellung des regionalen Lagebildes mit ein. 

Sind bei den Patrouillen nur militärische UN-Einsatzkräfte beteiligt?

Die längeren Patrouillen führen wir in der Regel gemeinsam mit anderen UN-Organisationen durch: etwa den Abteilungen für Menschenrechte (Human Rights) und für zivile Angelegenheiten (Civil Affairs), der Gender-Unit, der UN-Polizei (UNPOL) und dem Welternährungsprogramm (World Food Programme). Je nach den aktuellen Herausforderungen einer Region – beispielsweise Nahrungsmittelknappheit aufgrund von Überflutungen oder Überfälle auf Hauptversorgungsrouten – werden verschiedene UN-Bereiche an den Patrouillen beteiligt. Während dieser Patrouillen findet immer ein Treffen mit lokalen Amtsinhabern und Vertretern der Zivilbevölkerung, beispielsweise von Jugend- und Frauenorganisationen, statt. Alle UN-Teams haben dabei ihre eigenen Themenschwerpunkte.

Die zivil-militärisch gemischten Patrouillen sind sehr sinnvoll. Einerseits ist dadurch der Frauenanteil deutlich höher, sodass wir einfacher Zugang zur weiblichen Bevölkerung finden. Andererseits gibt es in den zivilen UN-Teams mehr südsudanesische Mitarbeiter, welche die verschiedenen Landessprachen beherrschen. Da viele Einheimische kein Englisch sprechen, kann es ansonsten zu Sprachbarrieren kommen. Bei größeren Patrouillen ist zusätzlich auch ein Sprachmittler dabei.

  • Ein Fluss und grüne Landschaft von oben aufgenommen

    Frau Oberstleutnant W. verlegt von Dschuba, Südsudans Hauptstadt, nach Torit in Ost-Äquatoria, wo sich ihre Teamsite (Feldlager, UN-Außenposten) befindet. Der Blick aus dem Fenster des Hubschraubers zeigt die grüne Landschaft und den Weißen Nil.

    © Bundeswehr/Nancy W.
  • Ein Bett aus Holz mit einem blauen Laken und blau/grün karierter Bettwäsche, daneben ein Nachttisch

    UN-Militärbeobachter müssen sich im Einsatz grundsätzlich selbst versorgen. Frau Oberstleutnant W. wohnt im UN-Camp in Torit im Einzelcontainer für 22 Dollar Miete pro Tag. Auch für die Verpflegung müssen die Einsatzkräfte selbst sorgen.

    © Bundeswehr/Nancy W.
  • Das Bild zeigt 10 Frauen und Männer in Uniform aus unterschiedlichen Ländern. Sie stehen nebeneinander in einer Reihe.

    Das Team von Frau Oberstleutnant W. besteht aus 15 weiteren Militärbeobachtern aus elf Ländern. Hier zu sehen die Kameraden aus (v.l.n.r.) Ruanda, Brasilien, Malawi, Äthiopien, Mongolei, Indonesien, Deutschland, Nepal, Ruanda, Guatemala.

    © UN
  • Ein deutsche Soldatin sitzt mit mehreren afrikanischen Männern, zum Teil Soldaten, in einer Gesprächsrunde zusammen

    Frau Oberstleutnant W. im Gespräch mit Soldaten der örtlichen Militäreinheit der South Sudanese People Defense Forces am Imadongi-Checkpoint in Torit. Die Militärbeobachter führen täglich Patrouillen in Torit durch.

    © UN
  • Ein offener Kofferraum mit zahlreichen Kisten, Lebensmitteln und Wasserflaschen

    Die Ausrüstung der Militärbeobachter für eine Mehrtagespatrouille umfasst Lebensmittel und Wasser, Kochutensilien, Zelte sowie die medizinische und persönliche Ausrüstung

    © Bundeswehr/Nancy W.
  • Eine deutsche Soldatin im Gespräch mit afrikanischen Sicherheitsvertretern, im Hintergrund ein Gebirge

    Frau Oberstleutnant W. im Gespräch mit lokalen Amtsinhabern in Chahari, Ikotos County, über die örtliche Sicherheitslage während einer Mehrtagespatrouille im Juli 2021. Im Hintergrund ist das Imatong-Gebirge zu sehen.

    © UN/James Okello
  • Zwei Fahrzeuge der UN befahren eine überflutete Straße

    Die UN-Einsatzkräfte befahren eine Straße zwischen Keyala und Haforere in Torit County während der Regenzeit. Aufgrund der Straßenverhältnisse brauchen die UN-Kräfte für eine Strecke von 40 Kilometern bis zu sechs Stunden.

    © Bundeswehr/Nancy W.
  • Mehrere UN-Soldaten aus verschiedenen Nationen schauen sich den Motorraum eines Patrouillenfahrzeug an

    Frau Oberstleutnant W. führt mit Kameraden ein Techniktraining an den Patrouillenfahrzeugen durch: Fremdstart und Nutzung der Seilwinde. In ihrem Team ist die Militärbeobachterin auch für Personal und Ausbildungen zuständig.

    © UN

Wie ist die aktuelle Lage im Südsudan?

Die Menschen in den ländlichen Regionen betreiben hauptsächlich Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Handel findet kaum statt. Neben den sesshaften Stämmen gibt es auch Nomadenstämme, die von Viehwirtschaft leben. Insbesondere in den Dürreperioden ziehen sie mit ihren Viehherden dorthin, wo das Land fruchtbar ist, und zerstören dadurch den landwirtschaftlichen Anbau der lokalen Bevölkerung. Das führt oft zu Konflikten. Auch zwischen den Nomadenstämmen kommt es aufgrund von Viehdiebstählen zu Konflikten.

In meiner Einsatzregion leben viele unterschiedliche Ethnien. Teilweise bestehen zwischen ihnen Konflikte, die geschichtlich und kulturell gewachsen sind.  Zudem hat die breite Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auch die Nahrungsmittel sind knapp, da teilweise das Fachwissen zum effizienten Feldanbau fehlt und die Menschen aus Sorge vor Diebstählen nur für den Eigenbedarf anbauen.

Eine weitere Herausforderung ist, dass nach dem Bürgerkrieg bisher auch keine Entwaffnung stattgefunden hat. Vieles wird immer noch mit Waffengewalt geregelt. Wenn in Folge von Dürren oder Fluten die Nahrungsmittel knapp werden, kommt es zu Überfällen auf Hauptversorgungsrouten oder gegenüber bestimmten ethnischen Gruppen. Die Polizei ist nicht flächendeckend im Einsatz oder nur unzureichend ausgerüstet. So werden die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen und es kommt zu Selbstjustiz zwischen den ethnischen Gruppen.

Wie gehen Sie und Ihr Team mit diesen Herausforderungen um?

Grundsätzlich sprechen wir die Probleme bei Treffen mit den lokalen Amtsinhabern offen an. Aber wir können sie nicht immer unmittelbar beheben. Es ist auch nicht hilfreich, mit dem Ziel ranzugehen, die Strukturen und die Menschen innerhalb von kurzer Zeit verändern zu wollen. In erster Linie haben die Menschen im Südsudan die Verantwortung dafür, ihr Land zu gestalten. Werte können nicht nur von außen vorgegeben werden, sondern müssen auch aus der Bevölkerung kommen. Unverhandelbar bleiben in diesem Prozess aber geltende Menschenrechtenkonventionen und das humanitäre Völkerrecht.

Mit welchen Maßnahmen wollen die UN zur Verbesserung der Lage im Südsudan beitragen?

Die UN-Organisationen führen sehr gute Projekte mit der lokalen Bevölkerung durch. Dabei ist auch der kleinste Schritt immer ein Schritt nach vorn. Es gibt unter anderem sogenannte ,,quick-impact projects'', schnell wirksame Projekte mit einem Budget von bis zu 30.000 Dollar. Dadurch wurde beispielsweise der Bau von ,,safe houses'' für bedrohte Frauen und Kinder finanziert. Das ,,civil affairs team'' initiiert und moderiert zudem den Friedensdialog zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel, gewaltfreie Konfliktlösungsansätze zu finden.

Auch bilden die UN und Nichtregierungsorganisationen die Menschen darin aus, Landwirtschaft effizienter zu betreiben. Der Boden ist fruchtbar und man kann das ganze Jahr über ernten. Die Bevölkerung wäre grundsätzlich dazu in der Lage, sich selbst zu versorgen.

Während einer gemeinsamen Patrouille mit UNPOL und dem ,,human rights team'' haben wir Militärbeobachter die örtlichen Sicherheitskräfte darin unterrichtet, wie sie ihren Dienst unter Einhaltung der Menschenrechte ausüben können, beispielsweise bei der Durchsuchung verdächtiger Personen. Dabei haben wir die Beteiligten sensibilisiert, dass alle Personen ein Recht auf faire Behandlung sowie ein ordentliches Gerichtsverfahren haben.

Grafik: Karte vom Einsatzgebiet UNMISS Südsudan

Einsatzgebiet der Mission UNMISS

© Bundeswehr

Konnten Sie auch Kontakt mit der weiblichen Zivilbevölkerung aufnehmen?

Während der Patrouillen sprechen wir auch mit den Frauen über Sicherheitsvorkommnisse. Es kann passieren, dass die Frauen nicht alles erzählen wollen, wenn ein männlicher Übersetzer dabei ist. Bei den offiziellen Meetings während der Patrouillen sind auch immer Vertreterinnen von Frauengruppen dabei. Auch sie können nicht immer offen sprechen, da sie teilweise im Nachhinein mit Bestrafungen in ihren Gemeinden rechnen müssen.

Als Militärbeobachter haben wir eigentlich nicht den Auftrag, speziell mit Frauen in Kontakt zu treten. Vor allem die UN-Organisationen für Menschenrechte und für Kinderschutz sowie die Gender-Unit konzentrieren sich darauf, Gewalt gegen Frauen zu dokumentieren und die Rolle von Frauen in der Gesellschaft zu stärken. In diesen Units arbeiten häufig mehr Frauen als Männer. Sie führen auch Workshops und Weiterbildungen mit den Frauen vor Ort durch.

Die UN fordern, den Frauenanteil in Friedensmissionen zu erhöhen. Kann eine stärkere Beteiligung von Frauen dazu beitragen, UN-Missionen bei der Mandatserfüllung erfolgreicher zu machen?

Ja, ich denke schon. Ein Teil des Mandates von UNMISS ist es, die weibliche Zivilbevölkerung stärker am Friedensprozess zu beteiligen. Wenn nur Männer in den Prozess eingebunden sind, prägen sie die Strukturen nach ihren Interessen und die Bedürfnisse von Frauen finden keine Berücksichtigung. Studien belegen aber, dass Friedensverträge erfolgreicher sind, wenn Frauen im Verhandlungsprozess und bei der Ausgestaltung der Verträge beteiligt waren.

Mit Einsatzteams, die aus Frauen und Männern bestehen, können wir mit der Zivilbevölkerung teilweise einfacher ins Gespräch kommen. Frauen vertrauen sich zu bestimmten Themen eher weiblichen UN-Einsatzkräften an als den männlichen Kollegen. Soldatinnen und Polizistinnen können gleichzeitig als Vorbilder für einheimische Frauen fungieren und mögliche Betätigungsfelder außerhalb der Familienarbeit aufzeigen.

Wichtig ist es meiner Ansicht nach, dass weibliche UN-Einsatzkräfte insbesondere in Führungspositionen daran mitarbeiten, die Strukturen und Prozesse so zu verändern, dass die Bedürfnisse von Frauen stärker berücksichtigt werden. Deshalb ist es sinnvoll, den Frauenanteil genau in diesen Positionen zu erhöhen.

Haben Sie im Einsatz als Soldatin Benachteiligungen erlebt?

Nein, ich hatte insgesamt den Eindruck, dass Geschlechterfragen im täglichen Umgang miteinander keine Rolle spielen. Kürzlich habe ich in meinem Team das Techniktraining an unseren Patrouillenfahrzeugen durchgeführt: Nutzung der Seilwinde, Reifenwechsel oder Fremdstart.  Dabei hatte niemand ein Problem damit, dass ich eine Frau bin. Bei den Patrouillen werden wir abwechselnd als Verantwortlicher und als Stellvertreter eingeteilt. Das klappt sehr gut.

Auch in der Zusammenarbeit mit der Zivilbevölkerung und den anderen UN-Organisationen habe ich als Frau keine Ablehnung erfahren. Das Miteinander ist sehr kooperativ.

*Name zum Schutz der Soldatin abgekürzt.

von Hanna Jarowinsky

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