Ostsee: Sicherheitsrisiko russische Schattenflotte
Marode Tanker verdienen illegales Geld für Russlands Krieg gegen die Ukraine. Wie reagieren EU und NATO?
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Unterseekabel und Pipelines sind für Kommunikation und Energieversorgung unverzichtbar. Im NATO-Netzwerk für kritische Unterwasser-Infrastruktur (CUI) sind am 20. und 21. Oktober 2026 in Rostock Militärs, Angehörige ziviler Behörden und Infrastruktur-Betreiber zu Beratungen zusammengekommen, um den Schutz zu verbessern.
Glasfaserkabel übertragen Daten über Kontinente hinweg, Stromverbindungen und Pipelines tragen zur Energieversorgung bei. Werden diese Anlagen beschädigt, können die Folgen weit über die betroffene Region hinausreichen. Die Sabotage an den Nord-Stream-Pipelines 2022 und weitere Störungen in der Ostsee haben die Verwundbarkeit kritischer Unterwasser-Infrastruktur deutlich gemacht. Nicht jeder Schaden ist ein Angriff – umso wichtiger sind ein verlässliches Lagebild und die sorgfältige Bewertung von Vorfällen.
Wir müssen Informationen, Sensordaten und Fachwissen über nationale und institutionelle Grenzen hinweg zusammenführen. So können wir Bedrohungen früher erkennen und wirksamer reagieren.
Verteidigungsminister Boris Pistorius formulierte im Vorfeld des Treffens seine Erwartungen und hob den Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur als Aufgabe der nationalen und gemeinsamen Sicherheit hervor. Im Mittelpunkt stehen für ihn drei Schwerpunkte: eine engere Zusammenarbeit mit der Industrie, ein besseres maritimes Lagebild und mehr Resilienz.
Deutschland leiste dazu einen Beitrag mit der Expertise der Marine. „Weitere Fortschritte in diesen Bereichen hängen von uns allen ab: den Streitkräften, den zivilen Behörden, der Industrie und der Wissenschaft“, so der Minister mit Blick auf das Netzwerktreffen.
Das NATO-Netzwerk für kritische Unterwasser-Infrastruktur – das Critical Undersea Infrastructure (CUI) Network – wurde 2024 eingerichtet. Es bringt Fachleute aus den NATO-Mitgliedstaaten, militärische und zivile Stellen sowie Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft und aus der Wissenschaft zusammen. Ziel ist, Informationen schneller auszutauschen, bewährte Verfahren zu teilen und die Zusammenarbeit beim Schutz von Unterseekabeln, Pipelines und weiteren Anlagen zu verbessern. Auch neue Technik, etwa Sensoren, autonome Systeme und Datenanalyse, kann helfen, verdächtige Aktivitäten frühzeitig zu erkennen – zum Beispiel durch die russische Schattenflotte.
Das Netzwerk ist Teil eines schrittweise ausgebauten NATO-Ansatzes. Bereits im Februar 2023 richtete die Allianz nach der Beschädigung der Nord-Stream-Pipelines eine Koordinierungszelle für kritische Unterwasser-Infrastruktur am NATO-Hauptquartier ein. Sie soll Schwachstellen besser erfassen und den Austausch zwischen Verbündeten, Partnern und Privatwirtschaft fördern. 2023 beschlossen die Staats- und Regierungschefs beim Gipfel in Vilnius zudem ein maritimes NATO-Zentrum zum Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur. Es wurde 2024 beim Allied Maritime Command (MARCOM) im britischen Northwood eingerichtet.
Beim NATO-Gipfel in Vilnius hielten die Alliierten zudem fest, dass der Schutz kritischer Unterwasser-Infrastruktur eine nationale Verantwortung sei und zugleich eine gemeinsame Verpflichtung. Entsprechend bekräftigten die Staats- und Regierungschefs auch bei den NATO-Gipfeltreffen 2024 in Washington und 2025 in Den Haag, den Schutz der kritischen Unterwasser-Infrastruktur weiter zu stärken.
Mit der NATO-Aktivität Baltic Sentry zeigt die NATO, wie sie diese gemeinsame Verpflichtung praktisch umsetzt. Baltic Sentry wurde im Januar 2025 gestartet, um die Präsenz der Allianz in der Ostsee zu verstärken, das Lagebild zu verbessern und destabilisierende Aktivitäten zu verhindern. Dafür können die Verbündeten Schiffe, Flugzeuge und weitere Fähigkeiten einsetzen. Ziel ist, ungewöhnliches Verhalten schneller zu erkennen, Informationen zusammenzuführen und bei Zwischenfällen besser abgestimmt reagieren zu können.
Das Operative Führungskommando der Bundeswehr koordiniert den deutschen Beitrag und führt militärische Erkenntnisse mit Informationen ziviler Stellen zusammen. Dazu zählen unter anderem Daten aus der Marine, der Luftwaffe und dem Cyber- und Informationsraum sowie Lageinformationen von Bundes- und Landespolizei und Zoll. Der Schutz kritischer Infrastruktur liegt in Deutschland grundsätzlich zunächst bei zivilen Sicherheitsbehörden, die Bundeswehr ergänzt deren Arbeit im Rahmen ihrer Aufgaben und der NATO-Verpflichtungen. Mehr Informationen zu Baltic Sentry können hier abgerufen werden.
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Stab Commander Task Force Baltic (CTF Baltic) mit Sitz in Rostock. Das multinationale Hauptquartier erstellt das militärische Lagebild für den Ostseeraum, plant Übungen und führt zugewiesene NATO-Seestreitkräfte. Es trägt dazu bei, Aktivitäten auf See besser einzuordnen und die Zusammenarbeit der Bündnispartner zu koordinieren. Darüber hinaus haben Deutschland und Norwegen gemeinsam mit anderen Staaten vorgeschlagen, fünf regionale CUI-Knotenpunkte – sogenannte CUI Hubs – einzurichten. Sie sollen regionale Informationen und Expertise bündeln und damit ebenfalls zur Überwachung der Unterwasser-Infrastruktur beitragen. Die Initiative geht zurück auf den Ostsee-Sondergipfel im finnischen Helsinki im Januar 2025.
Das CUI-Netzwerk verbindet diese operative Arbeit mit dem Austausch auf Bündnisebene. Denn Kabel und Pipelines werden vielfach von privaten Unternehmen betrieben und verlaufen über nationale Grenzen hinweg. Ihr Schutz erfordert daher militärische Aufklärung ebenso wie zivile Vorsorge, enge Kontakte zu Betreibern und verlässlichen Informationsaustausch. Das Treffen in Rostock steht für diesen umfassenden Ansatz: Risiken früh erkennen, die Widerstandsfähigkeit wichtiger Infrastruktur erhöhen und im Ernstfall gemeinsam handlungsfähig sein.
von Florian Manthey