Die Bundeswehr im Einsatz für die UN
Seit 1991 sind Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr im Einsatz für die Vereinten Nationen
Klare Verantwortlichkeiten, eingeübte Kommunikationswege und strukturierte Abläufe können Leben retten. Speziell, wenn Ereignisse wie Aufstände, Anschläge oder Naturkatastrophen sofortiges Handeln erfordern. Gerade in komplexen Organisationen wie UN-Missionen müssen diese Prozesse trainiert werden. Derzeit bietet nur Deutschland dieses Training an.
Major Emran H. aus Bangladesch dient derzeit in der UN-Mission MINUSCA in der Zentralafrikanischen Republik genau wie Major Jeremiah Red H. aus den USA. Im Juli 2022 trifft er in Entebbe, Uganda, auf Oberstleutnant Seha K. aus Korea, der bei UNIFIL Dienst tut sowie auf Major Natalia G. und Oberstleutnant Lawrence J. aus Sierra Leone, beide von der UN-Mission MINUSMA.
Sie alle nehmen teil am Stabslehrgang Training of Trainers/Command Post Exercise (CPX). Ziel des Lehrganges ist es, eine Stabsübung für die Hauptquartiere in den UN-Missionen zu entwickeln und zu planen. Im zweiten Schritt werden die Übungen dann vor Ort durchgeführt und evaluiert. Dazu können die internationalen Stabsoffiziere als Unterstützung deutsche Trainerteams anfordern.
Insgesamt hat die UN 20 Offiziere und Offizierinnen aus 15 Nationen ins Regional Service Centre Entebbe (RSCE) der UN in Uganda eingeladen. Dort werden sie von einem elfköpfigen deutschen Trainerteam weitergebildet. Die Teilnehmenden kommen aus den besonders gefährlichen UN-Missionen MINUSMA, MONUSCO, UNIFIL, UNMISS und UNISFA.
Mit dem Training of Trainers/Command Post Exercise (CPX) bietet Deutschland den Vereinten Nationen als weltweit einziges UN-Mitglied eine besondere Ausbildungsunterstützung an, um die Sicherheit von Blauhelm-Soldaten und Soldatinnen zu verbessern
UN-Missionen sind sehr komplex. Viele Nationen mit unterschiedlichen Herangehensweisen finden sich hier zusammen. Das Militär ist nur einer von zahlreichen Akteuren, die alle unterschiedliche Prioritäten haben. Dazu kommen Sprachbarrieren und ständige Personalwechsel. Deshalb gibt es trotz guter Ausbildung Verbesserungspotenzial in den Missionen.
Der von der UN beauftragte Cruz-Report von 2017 zeigte, dass mangelnde Information und Kommunikation ebenso wie Diskontinuität in der Stabsarbeit das Leben der Blauhelme gefährden können. Ein Kernsatz lautet: ,,Wir stellten fest, dass sie alles vergessen hatten, weil es kein kontinuierliches Training in der Einheit gab.“
Dahinter steht die Erkenntnis, dass sich durch den ständigen Personalwechsel in den UN-Missionen notendige Abläufe und Verfahren für den Krisenfall nicht handlungssicher einspielen. Oft ist unklar, welche Ansprechpartner informiert werden müssen oder welche externen Akteure tragende Rollen haben. Diese Prozesse müssen jedoch für unvorhergesehene Ereignisse festgelegt sein, um schnell handlungsfähig zu sein.
Ein Grund, warum die UN-Missionen nicht immer dazu kommen, die erforderlichen Ausbildungen und Trainings durchzuführen, ist, dass aktuelle Operationen den Tagesablauf bestimmen. Außerdem fehlt dem UN-Personal manchmal die Expertise, notwendige Übungen aus eigener Kraft umzusetzen. „Wenn die Abläufe optimiert werden und die UN in der jeweiligen Bedrohungslage reaktionsfähig sind, trägt das dazu bei, dass Leben gerettet werden“, erklärt der deutsche Teamleiter, Oberst Gunther Wiedekind.
Um die Sicherheit der Blauhelm-Soldaten zu verbessern und Prozesse zu beschleunigen, entwickelte Deutschland das Training of Trainers/CPX. Seit fünf Jahren nehmen daran Blauhelm-Soldatinnen und -Soldaten aus UN-Missionen in Afrika teil. Die Missionen melden ihren Trainingsbedarf an die UN nach New York, die dann wiederum die Teilnehmenden einlädt. Deutschland kommuniziert nicht direkt mit den Missionen, übernimmt jedoch das komplette Training und die damit verbundenen Kosten.
Angeleitet von den deutschen Instruktoren trainieren die Teilnehmenden aller sechs Missionen Abläufe, die genau auf die tatsächlichen Problemstellungen ihrer jeweiligen Missionen zugeschnitten sind
Die Abgesandten der sechs Missionen finden sich in Gruppen zusammen und trainieren die Abläufe gemäß den Bedürfnissen ihrer Missionen. So hat jedes Team einen anderen Fokus, der genau auf die tatsächlichen Problemstellungen ihrer Missionen zugeschnitten ist. Geübt werden, angeleitet von den deutschen Instruktoren, die Planungsprozesse, die einer CPX vorangehen wie Trainingsziel, Teilnehmerkreis, Inhalte des Szenarios.
Alle Gruppen präsentieren ihre Ergebnisse vor dem gesamten Lehrgang. Damit bereiten sich die Teilnehmenden bereits darauf vor, ihren Kommandeuren die Notwendigkeit einer CPX in ihren jeweiligen Missionen zu vermitteln. Die Präsentationen werden gemeinsam evaluiert. Alle Teilnehmenden bekommen neben einem Handbuch auch Vorlagen, die ihnen helfen, selbst eine Stabsübung in ihren Missionen durchzuführen. Die Missionen sind dazu angehalten, pro Jahr mindestens eine CPX durchzuführen.
Für das UN-Sekretariat sind Stabsübungen ein strategischer Gewinn, weil es aufgrund der Bedrohungslage notwendig ist, die Friedensmissionen konstant auf alle Eventualitäten vorzubereiten.
Grundsätzlich wollen die Trainer den Umgang mit nicht planbaren Entwicklungen verbessern und so die Handlungsfähigkeit in Ausnahmesituationen stärken. Dabei geht es nicht um das große „Wargame“, sondern um die alltägliche Realität in den Einsätzen.
Entsprechend erarbeiten die Gruppen realistische Szenarien für ihre Stabsübungen: Die Gruppe MINUSMA bereitet sich auf eine Serie von Sprengstoffanschlägen vor, Team MONUSCO auf einen Vulkanausbruch, der eine sehr schnelle Evakuierung sowohl der Zivilbevölkerung als auch der Blauhelme selbst notwendig macht. Im Szenario von Team MINUSCA greifen bewaffnete Banden Zivilisten an und gefährden bevorstehende Wahlen. Bei UNMISS/UNISFA muss eine Krise bewältigt werden, bei der fliehende Frauen und Kinder Nahrungsmittelhilfe benötigen, und bei UNIFIL liegt der Schwerpunkt auf dem Schutz der Zivilbevölkerung und der Evakuierung Verwundeter.
„Es war ein sehr lehrreiches und anschauliches Training“, ist das Fazit von Major Bishwa Raj K. aus Nepal von der Mission MONUSCO. Oberstleutnant Talat Usman G. aus Pakistan, ebenfalls von der Mission MONUSCO, ergänzt: „Jedes Problem hat mehr als eine Lösung. Hier hat man die Gelegenheit, von anderen zu lernen, wie sie Probleme angehen und gemeinsam den besten Weg finden.“ So sieht es auch Major Natalia G. aus Tschechien von der Mission MINUSMA: „Das Wichtigste für mich ist hier die Teamarbeit und die Erfahrung, wie ich meine Kollegen in der Mission unterstützen kann.“
Zum deutschen Stabslehrgang Training of Trainers/Command Post Exercise hat die UN 20 Teilnehmende aus den großen und gefährlichen Missionen in Afrika nach Entebbe in Uganda eingeladen
UNIFIL: Libanon, seit 1978, Einsatzstärke circa 9.700 Blauhelme, deutsches Mandat: maximal 300 Soldatinnen und Soldaten. Seit September 2021 führt Deutschland die Maritime Task Force UNIFIL. MONUSCO: Demokratische Republik Kongo, seit 2010, Einsatzstärke circa 13.000 Blauhelme UNMISS: Südsudan, seit 2011, Einsatzstärke circa 13.700 Blauhelme, deutsches Mandat: maximal 50 Soldatinnen und Soldaten UNISFA: Sudan/Südsudan, seit 201, 1 Einsatzstärke circa 3.400 Blauhelme MINUSMA: Mali, seit 2013, Einsatzstärke circa 12.300 Blauhelme, deutsches Mandat: maximal 1.400 Soldatinnen und Soldaten MINUSCA: Zentralafrikanische Republik, seit 2014, Einsatzstärke circa 11.800 Blauhelme |
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Mit dem Training of Trainers/Command Post Exercise (CPX) bietet Deutschland den Vereinten Nationen als weltweit einziges UN-Mitglied diese besondere Ausbildungsunterstützung an. Das Training besteht aus zwei Phasen. In Phase 1 kommen Offizierinnen und Offiziere direkt aus ihren UN-Missionen zu dem Lehrgang, bei dem sie Stabsübungen für ihre Missionen vorbereiten. Nach Abschluss des Trainings kehren sie unmittelbar in ihre Missionen zurück, wo sie das Gelernte, gegebenenfalls unterstützt von einem deutschen Trainerteam, in Phase 2 umsetzen.
Die In-Mission-Trainings unterstützen die UN-Reforminitiative „Action for Peacekeeping“. Initiiert wurde die Initiative von UN-Generalsekretär António Guterres, um die Missionen durchsetzungsfähiger und die Vereinten Nationen effizienter in der Erfüllung ihrer Aufgaben zu machen.
Das deutsche Training ist eine Investition in die Sicherheit der Blauhelme und der Zivilisten in den Einsatzgebieten. Der Grundstein für ToT/CPX wurde beim UN Leaders‘ Summit on Peacekeeping 2015 gelegt. Das erste Training fand 2018 statt.
*Namen zum Schutz der Personen abgekürzt.
von Barbara Gantenbein