NATO Force Model: Das deutsche NATO-Engagement ab 2025
Umfangreicher und reaktionsfähiger als bisher soll die NATO-Streitkräftestruktur sein. Eine Erläuterung zum neuen NATO Force Model.
- Veröffentlichungsdatum
Die NATO richtet mit dem neuen Force Model ihre Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten an der Bedrohungslage aus. Es ist die konsequente Fortschreibung eines Anpassungsprozesses, der vor einem Jahrzehnt bereits begonnen hat. Die Truppe übt, wo sie kämpfen wird.
Die NATO passte im Laufe ihrer Geschichte ihre Abschreckungs- und Verteidigungsmaßnahmen kontinuierlich an die Herausforderungen des sich wandelnden Sicherheitsumfeldes an. Insbesondere in den vergangenen zehn Jahren überarbeitete die Allianz ihre Verteidigungspläne und Strukturen, um auf die neue Sicherheitslage reagieren zu können. Dabei stellt Russland spätestens seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim im Jahr 2014 die größte Bedrohung für die Bündnismitglieder und für den Frieden in Europa dar.
Der Readiness Action Plan (RAP), der 2014 auf dem NATO-Gipfel in Wales vorgestellt wurde, war ein wichtiger Motor für die Stärkung der Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten des Bündnisses. Er war die Antwort auf Russlands Besetzung der Krim. Mit ihm wurde die NATO Response Force (NRF) reaktionsfähiger und leistungsfähiger gemacht. Im Jahr 2015 verdreifachte sich deshalb die Größe der NRF von 13.000 auf etwa 40.000 Soldatinnen und Soldaten. Diese erweiterte NRF umfasst Land-, See-, Luft- und Spezialkräfte.
Auf dem Weg hin zum NATO Force Model wurden einige Wegmarken zurückgelegt
Die Gründung der NRF wurde bereits 2002 beim Gipfeltreffen in Prag beschlossen. Damals war jedoch noch die schnelle Reaktion im internationalen Krisenmanagement als Aufgabenschwerpunkt der Eingreiftruppe geplant. Nach 2014 stand die Verteidigung des Bündnisgebietes – insbesondere in Osteuropa – im Fokus eines möglichen Einsatzes zum Schutz der Bündnispartner.
Eine Besonderheit der neuen NRF war der Aufbau einer Truppe in besonders hoher Bereitschaft: die VJTF (Very High Readiness Joint Task Force). Kern dieser NATO-Speerspitze sind rund 5.000 Soldatinnen und Soldaten, die innerhalb von 48 bis 72 Stunden bereit sind, um weltweit dorthin verlegt zu werden, wo die Truppe jeweils benötigt wird.
Bereits 2015 absolvierte die VJTF ihre erste Einsatzübung Noble Jump in Polen absolviert. In einer ersten Phase wurde die Verlegefähigkeit getestet und in einer zweiten die Kampffähigkeiten. Seitdem nehmen die an der VJTF beteiligten NATO-Truppen regelmäßig an Manövern der Übungsreihe Noble Jump teil.
Deutschland war bereits als Rahmennation an der Aufstellung der ersten VJTF beteiligt. Die NRF – und damit auch die VJTF – basieren auf einem Rotationssystem, bei dem die NATO-Mitglieder für einen Zeitraum von einem Jahr
Land-, Luft-, See- oder Spezialeinsatzkräfte (SOF) bereitstellen. Im Jahr 2023 bildete zum Beispiel die Panzergrenadierbrigade 37 den Kern der VJTF, bevor Großbritannien die Verantwortung als Leitnation für 2024 übernahm.
Nach dem Gipfel von Wales mit der Refokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung sowie der Stärkung der Eingreifkräfte lassen sich in den Gipfelbeschlüssen von Warschau 2016 die ersten Ansätze der Regionalplanungen erkennen. Die Staats- und Regierungsspitzen der Allianz stimmten der Stationierung von NATO-Truppen in Osteuropa zu.
Vier multinational zusammengesetzte Battlegroups mit jeweils über 1.000 Soldatinnen und Soldaten sollen in den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sowie in Polen stationiert werden. In jedem der vier Länder übernimmt ein anderer Verbündeter die Führung einer Battlegroup: die Vereinigten Staaten in Polen, Großbritannien in Estland, Kanada in Lettland und Deutschland in Litauen.
Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 beschloss die NATO, zusätzlich noch vier multinationale Gefechtsverbände in Bulgarien, Ungarn, Rumänien und der Slowakei zu stationieren.
Mit dem neuen NATO-Streitkräftemodell, das in Madrid vereinbart wurde, stellen die Verbündeten einen größeren Pool an speziellen kampffähigen Streitkräften, einschließlich solcher mit hoher Reaktionsfähigkeit, was unsere militärische Reaktionsfähigkeit verbessert sowie regionalen Sachverstand und geografische Nähe ausschöpft. Ferner richten wir eine neue multinationale und bereichsübergreifende Bündnisreaktionskraft ein, die mehr Optionen zur schnellen Reaktion auf Bedrohungen und Krisen in alle Richtungen bieten wird.
Mit dem NATO-Gipfel in Madrid 2022 wurden die regionalen Verantwortlichkeiten weiter gefestigt. Die Battlegroups sollen zu Kampfverbänden in Brigadegröße aufgestockt werden. Eine Brigade umfasst bis zu 5.000 Soldatinnen und Soldaten. Für den deutschen Verantwortungsraum – Litauen – bedeutete dies, dass ein Brigadegefechtsstand im Gastgeberland die Arbeit aufgenommen hat, um Übungen aber auch mögliche Einsätze einer deutschen Kampfbrigade vorzubereiten und zu koordinieren. Die Brigade selbst ist in Deutschland stationiert. Ab 2025 wird eine deutsche Brigade dauerhaft in Litauen stationiert.
Auf dem NATO-Gipfel in Vilnius 2023 wurden die regionalen Verteidigungspläne bestätigt. In ihnen wird dargelegt, wie die NATO-Truppen verschiedene Gebiete des Bündnisses verteidigen würden und welche Bereitschaftszeiten dafür erforderlich sind. Für die Bundeswehr liegt der Fokus auf Zentral- und Nordosteuropa – insbesondere Litauen, wo sich Deutschland nun schon seit mehreren Jahren engagiert.
Auf schnelle Eingreifkräfte wird die NATO dabei auch künftig nicht verzichten. Mit der Allied Reaction Force (ARF) werden die bisherige NRF und ihre Speerspitze zum 30. Juni 2024 abgelöst. Neben der regionalen Verteidigungsplanung steht damit dem Bündnis weiterhin ein Instrument für die schnelle Bedrohungs- und Krisenreaktion zur Verfügung.
Deutschland trägt substanziell zur Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit der NATO bei. Im Rahmen des NATO Force Models geht Deutschland mit der Bundeswehr de facto „all in“. Insgesamt stellt Deutschland dem Militärbündnis mehr als 35.000 Soldatinnen und Soldaten in hoher und höchster Verfügbarkeit.
von Florian Manthey