Rede des Bundesministers der Verteidigung anlässlich der konstituierenden Sitzung des 12. Beirats für Fragen der Inneren Führung
Berlin, 24.03.2006.
Rede des Bundesministers der Verteidigung, Dr. Franz Josef Jung, anlässlich der konstituierenden Sitzung des 12. Beirats für Fragen der Inneren Führung am 24. März 2006 in Berlin
Es gilt das gesprochene Wort!
Ich freue mich sehr darüber, dass ich mit dem Beirat für Fragen der Inneren Führung ein hochkarätiges Expertenteam an meiner Seite habe. Sie haben in Ihren unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern – sei es in den Wissenschaften, den Medien, bei den Arbeitgebern und Gewerkschaften, in den Kirchen oder als Angehörige unserer Soldaten – intensiv über Fragen nachgedacht, auf die auch die Bundeswehr Antworten finden muss. Gerne möchte ich auf diesen reichhaltigen Erfahrungsschatz zurückgreifen.Darüber hinaus wissen Sie sehr gut, was die Menschen in unserem Land über die Bundeswehr und ihre Aufgaben denken.
Ihre Einblicke in die Stimmungslage ist für mich ganz wichtig, da die Bundeswehr ihre Aufgaben nur dann erfolgreich durchführen kann, wenn sie sich auf den Rückhalt in unserer Bevölkerung verlassen kann.
Darüber hinaus benötige ich aber auch Ihre praktische Unterstützung. Ich möche Sie darum bitten, sich weiterhin in Ihren Verantwortungsbereichen mit konkreten Projekten für die Belange der Bundeswehr und ihrer Angehörigen einsetzen. Ihre Tagung zur Wehrpflicht im Jahre 2004 ist dafür als ein gutes Beispiel.
Meine Damen und Herren!
Die meisten von Ihnen gehörten bereits dem 11. Beirat für Fragen der Inneren Führung an. Sie haben wertvolle Arbeit geleistet. Darauf können wir aufbauen. Sie werden im Laufe Ihrer heutigen Sitzung darüber sprechen, welche der bisherigen Arbeitsgemeinschaften fortgesetzt und welche neu gegründet werden. Für Ihre künftige inhaltliche Arbeit in diesen Arbeitsgemeinschaften möchte ich Ihnen einige Schwerpunkte meiner Arbeit skizzieren.
Mir geht es vor allem um die Transformation der Bundeswehr und ihre Verankerung in der Gesellschaft. Darüber ist viel geschrieben worden. Ich möchte jedoch konkreter werden!
Transformation verstehen wir als kontinuierliche, vorausschauende Anpassung an sich verändernde Rahmenbedingungen. Hinter dieser exakten, aber unterkühlten Definition verbirgt sich eine einfache Erkenntnis. Umfassende, alles regelnde Reformen mit einem klar definierten Anfang und Ende, wie sie in der Geschichte der Bundeswehr mehrfach durchgeführt wurden, wären heute immer zu spät fertig.
Auf eine solche Weise könnten wir unsere Streitkräfte nur für Probleme von gestern, nicht aber von morgen optimieren!
Stattdessen müssen wir viele kleine Schritte tun, um an der Spitze des Fortschritts zu marschieren.
Dabei müssen wir uns auf die Stärke der vielen Menschen, die in und für die Bundeswehr arbeiten, verlassen. Wir müssen deren Ideen und Innovationen nutzen.
Daher wäre der Versuch völlig abwegig, diese vielen kleinen Schritte von einer zentralen Stelle zu steuern.
Die handelnden Personen in allen Bereichen und auf allen Ebenen benötigen Freiräume, um selbständig, aber miteinander vernetzt die erforderlichen Maßnahmen zu treffen.
Wichtig ist, dass wir uns dabei über das Ziel aller Maßnahmen im Klaren sind: das ist die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr.
Nur so bleiben wir schnell genug, um auf die schwer vorhersehbaren Änderungen im sicherheitspolitischen Umfeld reagieren zu können. Damit steht uns ein Paradigmenwechsel bevor, der vergleichbar ist mit der Kriegführung in den napoleonischen Kriegen: Gewinnen konnte nur noch die Armee, die über selbständig operierende Truppenteile und motivierte Soldaten verfügte.Um diesen Paradigmenwechsel erfolgreich zu gestalten, benötigen wir eine Führungskultur, in der alle Angehörigen der Bundeswehr mehr Verantwortung wahrnehmen wollen und können.Jeder muss bereit sein, nach besten Kräften an der immer wieder neuen Umgestaltung mitzuwirken und dies auch als Aufgabe für die Entwicklung seiner eigenen Person zu begreifen.Der Schlüssel, um dieses Ziel zu erreichen, ist die Innere Führung. Die Innere Führung hat sich, um es auf den Punkt zu bringen, unter den Bedingungen von Einsätzen und Transformation bewährt.
Sie liefert uns die Grundsätze, die auch für die neue Bundeswehr entscheidend sind. Dazu gehört vor allem, dass die Angehörigen der Bundeswehr Transformation auch im täglichen Dienst positiv erleben können. Für Vorgesetzte auf allen Führungsebenen bedeutet dies: Nur wer Innere Führung lebt, weckt die Bereitschaft des Einzelnen, Verantwortung zu übernehmen. Aber was bedeutet das konkret?
Hand aufs Herz: Der Soldat, der die Transformation der Bundeswehr mitgestalten soll, steht noch in vielen anderen, gleichzeitig ablaufenden Veränderungsprozessen – sei es über den Beruf seiner Frau, die Schul oder Berufsausbildung seiner Kinder oder in den Organisationen und Vereinen, in denen er sich politisch oder ehrenamtlich engagiert.
Doch damit nicht genug! Viele Soldatinnen und Soldaten sehen in der Transformation die Ursache für die Auflösung von Standorten, für Versetzungen und – zumindest, was ihre Lebenspartner betrifft – für Berufswechsel oder sogar den Verlust von Arbeitsplätzen.Daher lautet für mich die konkrete Frage: Wie schaffen wir es, unsere Soldatinnen und Soldaten so zu motivieren, dass sie Transformation nicht nur als Belastung, sondern vor allem als Chance wahrnehmen? Wie schaffen wir es, dass nicht die Einstellung, "Verlierer", sondern "Gewinner der Transformation" zu sein, bestimmend wird? Zurecht blicken viele auf die Vorgesetzten in der Bundeswehr. Was müssen wir tun, um diese besser auf ihre Führungsaufgaben vorzubereiten?
Brauchen wir einen besonderen Lehrgang für Chefs und Kommandeure, in denen diese auf die Besonderheiten von Führung unter den Bedingungen der Transformation unterrichtet werden?
Kann vielleicht ein Kongress zusammen mit Wirtschaft und Wissenschaft zu mehr Klarheit in dieser Frage helfen?Müssen wir hier ein Handbuch oder sogar ein umfassendes Coaching für Vorgesetzte anbieten? Oder brauchen wir einen neuen Gesamtansatz für Führung und Personalmanagement?
Wir müssen sicherlich auch den Blick auf die Strukturen in der Bundeswehr richten.
Denn mehr Eigenverantwortung zu fordern heißt auch, dafür mehr Freiräume zu schaffen.
Dazu müssen wir vor allem bürokratische Abläufe innerhalb der Bundeswehr auf ihre Effizienz prüfen und, wo immer möglich, eine Entbürokratisierung herbeiführen. Bisherige Versuche zur Entbürokratisierung waren leider nicht sehr erfolgreich. Ich verfolge daher einen Neuansatz: Jeder muss sich auf seiner Ebene dieser Aufgabe stellen. Bei all diesen Fragen geht es mir immer um die Frage, wie wir mehr Freiheit wagen können. Gerne erwarte ich auch hierzu Ihre Vorschläge.
Meine Damen und Herren!
Sie kennen alle den unter Soldaten geläufigen Spruch: "Viel Feind, viel Ehr!". Darin steckt die Erkenntnis, dass Soldaten schwierige Zeiten optimistischer angehen, wenn sie dafür die gebührende gesellschaftliche Anerkennung bekommen. Dass die Bundeswehr in Umfragen über das Ansehen von Institutionen in Deutschland einen der Spitzenplätze einnimmt, ist eine erfreuliche Entwicklung. Dafür haben wir auch viel geleistet.
Viele Bürgerinnen und Bürger unseres Landes sind genauso wie ich stolz auf die Leistungen unserer Soldatinnen und Soldaten, sei es in den Einsatzgebieten auf dem Balkan, in Afghanistan und in Afrika, oder im Katastropheneinsatz, wie etwa in Pakistan oder bei uns auf Rügen und in Ostbayern.
Mit mir haben sich Millionen Menschen darüber gefreut, dass unsere Spitzensportlerinnen und –sportler so viele Medaillen bei den Olympischen Winterspielen in Turin gewonnen haben.
Wir sind auf einem guten Weg, dass sich darauf eine neue Verbundenheit zwischen Bundeswehr und Gesellschaft aufbauen lässt. Was ich erreichen möchte, ist ein engagiertes Interesse für die Bundeswehr.
Dazu ist zunächst einmal die Intensivierung der Diskussion über die Sicherheitspolitik Deutschlands sowie die Bundeswehr und ihre Einsätze dringend erforderlich. Aus diesem Grund werden wir noch in diesem Jahr – erstmalig wieder nach zwölf Jahren - ein Weißbuch veröffentlichen. Der darin dokumentierte Konsens aller für Sicherheit und Verteidigung relevanten Akteure des Staates bietet eine Grundlage für ein größtmögliches Einverständnis innerhalb unserer Gesellschaft.
Wir wollen damit auch um Verständnis werben, mit welchen Herausforderungen die Bundeswehr als Armee im Einsatz konfrontiert ist und weshalb sie auf eine größtmögliche politische und gesellschaftliche Unterstützung angewiesen ist.An diesem Diskussionsprozess müssen sich auch die Angehörigen der Bundeswehr selbst stärker als in der Vergangenheit beteiligen. Ich denke dabei auch an unsere Reservistinnen und Reservisten.
Ich freue mich darüber, dass Sie, Herr Höfer, für den Verband der Reservisten mit Frau Marienfeld-Czesla, der Präsidentin der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik, einen Kooperationsvertrag über eine engere Zusammenarbeit bei Veranstaltungen zur Sicherheitspolitik unterzeichnet haben.Hier gibt es viel Freiraum für Engagement in allen gesellschaftlichen Bereichen. Dieses werden wir von Seiten der Bundeswehr, wo immer möglich, unterstützen.
Wenn wir mit all diesen Bemühungen Verständnis für die Belastungen der Soldatinnen und Soldaten wecken, wird auch deren Angehörigen geholfen. Das familiäre Umfeld braucht aktive Unterstützung, erst recht, wenn sich der Vater oder die Mutter für mehrere Monate im Einsatz befinden.
Hierbei geht es nicht immer und häufig auch nicht vorrangig um materielle Unterstützung. Hilfreich ist oftmals schon das zwischenmenschliche Gespräch. Stellen Sie sich mal eine junge Mutter vor, deren Mann für vier Monate in Afghanistan ist. Was geht in ihr vor, wenn nach dreimonatiger Abwesenheit ihres Mannes jemand aus der Nachbarschaft endlich die Frage stellt, wo ihr Mann denn wohl sei. Und dann auf die Antwort weiterfragt: "In Afghanistan, was macht er denn dort?"
Ich möchte auch eine stärkere Würdigung der Leistungen unserer Soldatinnen und Soldaten in den Einsätzen erreichen. Was sie dort, aber auch in der Transformation der Bundeswehr an Eigenverantwortung und Belastbarkeit zeigen, ist beispielhaft für die Aufbruchstimmung, die sich in unserem Lande bemerkbar macht.Zudem muss das Bewusstsein um die gefährlichen Aufgabe unserer Soldatinnen und Soldaten geschärft werden. 63 Soldainnen und Soldaten der Bundeswehr haben in Auslandseinsätzen bislang ihr Leben verloren. Wir schulden unseren toten Kameraden ein ehrendes Gedenken dafür, dass Sie ihr Leben für den Schutz von Frieden und Freiheit gegeben haben.
Ich beabsichtige daher, eine öffentlich zugängliche, zentrale Gedenkstätte für die in Ausübung ihres Dienstes ums Leben gekommenen Angehörigen der Bundeswehr zu errichten. Dies ist aus meiner Sicht lange überfällig.Hierbei geht es auch um das Wofür des Sterbens. Auch diese Frage müssen wir öffentlich debattieren. Antworten darauf werden bei der Gestaltung des Ehrenmals zum Ausdruck kommen.
Meine Damen und Herren!
Bei all diesen Maßnahmen geht es mir um die Solidarität unserer Gesellschaft mit den Menschen in der Bundeswehr.
Diese Solidarität fällt leichter, wenn unsere Bürgerinnen und Bürger erkennen, dass von neuen Bedrohungen jeder betroffen ist – ob als Staatsbürger in Uniform im Einsatz auf dem Balkan, in Afghanistan und in Afrika oder als Staatsbürger ohne Uniform, der in Deutschland oder im Ausland lebt und arbeitet.Es ist eben nicht richtig, dass heute Gesellschaft und Bundeswehr nicht mehr in einem Boot sitzen.Trotz der Entfernung zwischen der Patrouille in Afghanistan und dem DB-Angestellten auf dem Potsdamer Platz ist deren Wohl eng miteinander verflochten. Dies hat vor allem der Streit um die Mohammed-Karikaturen deutlich gemacht, der bei unserem Nachbarn Dänemark seinen Ursprung hatte und mit gewalttätigen Demonstrationen gegen die NATO-Streitkräfte in Afghanistan sein vorläufiges Ende fand.
Umgekehrt hat das militärische Handeln unserer Soldatinnen und Soldaten im Einsatzgebiet auch Auswirkungen auf die Sicherheit hier in unserem Land. Daher begrüße ich auch, dass Ethik sowie die politische, historische und interkulturelle Bildung heute so einen großen Stellenwert in Ausbildung und Erziehung unserer Soldatinnen und Soldaten haben. Sie sind wichtig für die Legitimation soldatischen Dienens im allgemeinen und militärischer Einsätze im besonderen. Und sie sind überlebenswichtig für das konkrete Handeln vor Ort im Einsatzgebiet, aber auch für die Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger.
Meine Damen und Herren!
Ich bin zuversichtlich, dass auch die neuen, durch die Neuausrichtung der Bundeswehr hervorgerufenen Fragen an die Innere Führung bei Ihnen in sehr guten Händen sind. Unser gemeinsames Ziel muss es dabei sein, die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr auch in Zukunft zu gewährleisten und dabei immer auch die sozialen Belange unserer Soldatinnen und Soldaten sowie deren Familien im Herzen zu tragen.
Deshalb schadet es gewiss nicht, wenn wir uns der alten Frage vom Verhältnis zwischen Gesellschaft und Bundeswehr aufs Neue nähern. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen und wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer für die Bundeswehr so wichtigen Aufgabe.








