„Wir passen uns laufend an die Erfordernisse an“
Berlin, 27.07.2010.
Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker, spricht im Interview mit der Zeitschrift „Bundeswehr aktuell“ zur Kritik an der Ausrüstung und Ausbildung für Afghanistan.

Herr General, Sie sind sehr einsatzerfahren und kennen die Situation in Afghanistan persönlich sehr gut. Sind unsere Soldaten dort für ihren Einsatz mit dem erforderlichen Gerät ausgestattet?
Die Soldaten im Einsatz müssen das erhalten, was sie für die Auftragserfüllung benötigen und was ihrer persönlichen Sicherheit dient. Das betrifft die persönliche Ausrüstung, die Handwaffen mit dem entsprechenden Zubehör sowie die benötigten Fahrzeuge. Über den Stand konnte ich mich zuletzt im April bei meinem Truppenbesuch beim Deutschen Einsatzkontingent ISAF informieren.
Dazu muss man neben dem Gelände und weiterer Rahmenbedingungen vor Ort auch die Bedrohung und die Kampfweise des Gegners sehr genau im Blick behalten. Diese Parameter sind bestimmend für den Einsatz unserer Kräfte und Mittel vor Ort.
Das steht nicht im Widerspruch dazu, dass die Truppe im Einsatz weiter zusätzliches Gerät zur Verbesserung des Schutzes und der Einsatzfähigkeit gebrauchen kann. Denn ein Gegner hält nicht einfach nur still, sondern er verfolgt seine Ziele flexibel und reagiert auf unsere Stärken und Schwächen. Aber auch wir passen uns mit unserem Vorgehen und unserer Ausrüstung laufend an die geänderten Erfordernisse an.
Können Sie dafür Beispiele nennen?
Wir haben beispielsweise das deutsche Einsatzkontingent bis Ende Juni 2010 mit einem verminderten Panzerartilleriezug, bestehend unter anderem aus drei Panzerhaubitzen 2000, sowie zehn weiteren Schützenpanzern Marder und sechs Panzerabwehrlenkraketen TOW auf Luftlandepanzer Wiesel verstärkt.
Zum nächsten Kontingentwechsel werden nochmals fünf weitere Schützenpanzer MARDER in das Einsatzgebiet verlegt, so dass dann jede Infanterie- bzw. Schutzkompanie über dieses durchsetzungsfähige Waffensystem verfügen wird. Darüber hinaus werden wir kurzfristig weitere geschützte Fahrzeuge dorthin transportieren, z.B. 16 Dingo von KFOR zu ISAF im Austausch für Fahrzeuge geringerer Schutzklasse.
Erfahrungsberichte sollen angeblich immer wieder die gleichen Probleme ansprechen, ohne das etwas passiert.
Alle Berichte werden sorgfältig ausgewertet. Sind Mängel vorhanden, werden entsprechende Vorschläge erarbeitet, ob und wie sie abgestellt werden können. Leider kann nicht alles sofort geschehen. Vorschläge, wenn sie nicht unmittelbar abgestellt werden können, müssen in der Umsetzung priorisiert werden. Dann hängt es noch von weiteren Faktoren ab, wie dem erforderlichen Aufwand und den verfügbaren Ressourcen.
Dadurch kann es leider zu Verzögerungen kommen, die niemanden erfreuen. Wobei ich hier noch einmal sehr deutlich machen möchte, dass alle Meldungen aus dem Einsatz auf allen Führungsebenen außerordentlich ernst genommen und rasch bearbeitet werden. So wurden bereits viele Mängel auch im Rahmen des so genannten Einsatzbedingten Sofortbedarfs sehr schnell abgestellt.
Im Jahr 2009 haben wir dafür 127,6 Millionen Euro ausgegeben und unter anderem zusätzliche Schutzausstattungen für Transportpanzer, Aufklärungssysteme, Störsender und anderes mehr beschafft. In diesem Jahr sind es bereits mehr als 70 Millionen Euro, die wir dafür ausgegeben haben.
Darüber hinaus haben wir zur Verbesserung der Ausstattungslage bei geschützten Fahrzeugen in den Jahren 2009 und 2010 die Beschaffung von 60 Eagle IV und 45 Enok veranlasst sowie 20 Transportpanzer Fuchs umgerüstet. Weitere 20 Fuchs werden noch umgerüstet und daneben 34 Dingo 2 und sechs geschützte Straßentanksattelzüge beschafft. Für die Jahre 2010 und 2011 werden wir auch mehr Ausbildungsmunition zur Verfügung stellen können, da es hier zwischenzeitlich zu Engpässen gekommen war.
Vor dem Einsatz steht die Ausbildung für den Einsatz. Wie bewerten Sie denn diese hinsichtlich des Fehls an Ausbildungsgerät?
Dass wir zur Zeit noch nicht über den Umfang an zum Beispiel geschützten Fahrzeugen für die Ausbildung verfügen, den wir idealerweise benötigen und den sich alle militärischen Vorgesetzten wünschen, stimmt leider. Die Ausbildung ist jedoch nicht vom Einsatz zu trennen.
Den durch die verschärfte Lage im Einsatzgebiet und die erhöhten Ausfälle entstandenen zusätzlichen Bedarf an geschützten Fahrzeugen konnten wir kurzfristig nur kompensieren, indem wir die meisten zulaufenden Fahrzeuge direkt nach Afghanistan verlegt haben, das hatte natürlich Vorrang. Die Einsatzvorbereitende Ausbildung musste deshalb für bestimmte Fahrzeugtypen an einem Ort zentralisiert werden. Das bedeutet dann, dass sie nicht ständig an jedem Standort verfügbar sind.
Hier sind wir um ständige Verbesserung bemüht. So haben wir sieben geschützte Fahrzeuge aus dem KFOR-Kontingent zur Nutzung in der Einsatzvorbereitenden Ausbildung nach Deutschland zurück verlegt. Darüber hinaus haben wir einen weiteren Schwerpunkt bei der Verbesserung der Ausrüstung und für die Einsatzvorbereitende Ausbildung gesetzt und im Heer eine Reihe von Projekten angestoßen.
Konkret geht es dabei unter anderem um die bereits unter Vertrag genommene Beschaffung von 65 Transportpanzer Fuchs 1 A8 und 40 Basissysteme „Infanterist der Zukunft“ sowie die Bereitstellung von 506 Präzisionsgewehren und entsprechender Munition im Rahmen des Einsatzbedingten Sofortbedarfs, die auch für die Einsatzvorbereitende Ausbildung vorgesehen sind.
Warum dauert die Beschaffung von neuem Gerät so lange?
Wehrmaterial kann im Allgemeinen nicht „von der Stange“ gekauft werden, sondern muss für bestimmte Zwecke entwickelt oder zumindest angepasst werden. In diesem Beschaffungsprozess sind neben den militärischen Forderungen auch gesetzliche Auflagen und insbesondere Sicherheitsbestimmungen zu berücksichtigen.
Dieser komplexe Prozess von der Bedarfsfeststellung über die Anpassung an geänderte Bedrohungslagen im Einsatz bis letztlich hin zur parlamentarischen Billigung der Beschaffung hat sehr viele Beteiligte, die „unter einen Hut“ zu bringen sind. Dieser Prozess muss sicherlich gestrafft werden.
Was könnte getan werden, um diesen Gang zu beschleunigen?
Wir haben bereits seit einiger Zeit den Prozess der Regelbeschaffung durch ein verkürztes Verfahren, den schon erwähnten Einsatzbedingten Sofortbedarf ergänzt. Darüber hinaus werden die Verfahren zur Beschaffung von Wehrmaterial als ein Schwerpunkt im Rahmen der vom Minister eingesetzten Strukturkommission untersucht. Man könnte vielleicht plakativ formulieren, dass der Einsatzbedingte Sofortbedarf in der Zukunft eher die Regel und nicht der Sonderfall sein sollte.

Können die Soldaten, die in die Einsätze gehen, vor diesem Hintergrund davon ausgehen, dass sie ausreichend ausgebildet sind?
Die Soldatinnen und Soldaten werden gewissenhaft auf die Einsätze vorbereitet. Die Ausbildung ist einsatzorientiert, realitätsnah angelegt und am Bedarf der Truppe ausgerichtet. Die Ausbildungsziele werden an Hand der ständigen Einsatzauswertung überprüft, wo erforderlich neu ausgestaltet, und dann in alle Phasen der Einsatzvorbereitung eingesteuert. Ein konkretes Beispiel dafür ist eine verbesserte Schießausbildung als Reaktion auf die zunehmende Komplexität der Lagen wie zum Beispiel bei Hinterhalten und im Kampf in bebauten Gebieten.
Die Einsatzvorbereitende Ausbildung beginnt allerdings schon in der Grundausbildung. Bereits dort werden die Führung des Feuerkampfes, das Verhalten in Notsituationen, der Schutz gegen Waffenwirkung und die Wirkung von Kampfmitteln, insbesondere Improvised Explosive Devices (IED) sowie die Selbst- und Kameradenhilfe als wesentliche Inhalte vermittelt.
In der Teamausbildung in der Truppe setzt sich dies fort. Im Rahmen der weiteren Einsatzvorbereitung werden zumm Beispiel das Zusammenwirken der Kräfte des Einsatzkontingents, der Kfz-Marsch beziehungsweise Konvoi bei Tag und Nacht, der Feuerkampf, das Verhalten bei Alarmierung, Überfällen und Anschlägen, das Verhalten während und nach IED-Anschlägen sowie das Verhaltenstraining in besonderen Situationen ausgebildet.
Ergänzende Ausbildungen sowie Übungen auf Zug-, Kompanie- und Einsatzverbandsebene in zentralen Ausbildungseinrichtungen, wie dem Gefechtsübungszentrum des Heeres und dem Ausbildungszentrum für Grundlagenausbildung der Luftwaffe, schließen die Ausbildung unmittelbar vor dem Einsatz ab.
Diese Ausbildungsabschnitte bauen aufeinander auf, so dass erst unmittelbar vor der Verlegung die notwendige Ausbildungshöhe erreicht wird.
Herr General, herzlichen Dank für diese umfassende Darstellung. Gestatten Sie mir zum Schluss in diesem Zusammenhang noch die Frage, ob und inwieweit sich die derzeit in der Öffentlichkeit diskutierte Strukturreform der Bundeswehr auf die künftige Ausbildungs- und Ausrüstungsplanung auswirkt?
Grundsätzlich ist das Eine nicht von dem Anderen zu trennen. Wir führen derzeit eine Untersuchung durch, wie unter den künftigen Rahmenbedingungen die Strukturen, Prozesse und Ausrüstung der Streitkräfte noch stärker an den Einsatzerfordernissen ausgerichtet werden können.
Darüber hinaus wird die Untersuchung auch Auskunft darüber geben, auf welche Aufgabenbereiche und –Teilbereiche die Streitkräfte ggf. verzichten können, um die militärischen Kernfähigkeiten angemessen alimentieren zu können.
Die kommenden Wochen werden von dieser Untersuchung geprägt sein. Ende August werden der Leitung BMVg Vorschläge zur Ausplanung vorgelegt, die dann Anfang September Gegenstand einer Befassung im Kabinett sind.
Auf dieser Grundlage erwarten wir dann die Entscheidungen zur künftigen Struktur der Streitkräfte sowie der künftigen Wehrform und ihrer Ausgestaltung.
