Museumsjuwel beherbergt größte Militärsammlung Europas
Dresden, 19.08.2009.
Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung, Thomas Kossendey, geht nach seinem Informationsbesuch am 17. August im Militärhistorischen Museum in Dresden davon aus, dass der Zeitplan für die umfangreichen Bauarbeiten eingehalten werden kann. Ende 2010 soll die Neugestaltung des Leitmuseums der Bundeswehr für Militärgeschichte abgeschlossen sein.

Was haben die englische Modeschöpferin Vivienne Westwood oder das italienische Fashion-Label Dolce & Gabbana mit dem Militärhistorischen Museum (MHM) der Bundeswehr in Dresden zu tun? Nach Abschluss der inhaltlichen Neukonzeption des Museums wird der Besucher hier erfahren, dass D&G in ihrer Winterkollektionen 2006 einen Uniformschnitt um 1800 originalgetreu nachempfunden haben, und die „Queen of Punk“ einen ihrer Mode-Entwürfe den „Großstadtkrieger“ nannte.
Die Erfindung des Trenchcoats reicht in den Ersten Weltkrieg zurück – „trench“ heißt aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt Schützengraben – und das Design der Sonnenbrille Ray Ban stammt aus dem Zweiten Weltkrieg.
„Militär und Mode“ wird ein Bereich innerhalb eines ganzen Themenparcours sein, der unter dem Oberbegriff „Gesellschaft und Militär“ Einzug halten wird in den Neubau des Museums. Der wird nach dem Entwurf des Star-Architekten Daniel Libeskind derzeit gebaut.
Eine kleine Facette von vielen, die der Leiter des Militärhistorischen Museums, Oberstleutnant Ferdinand von Richthofen, dem Staatssekretär bei seinem Arbeitsbesuch erläuterte.

Mensch steht im Mittelpunkt
Zwei Annäherungen an die Militärgeschichte werden von den Museumsmachern verfolgt: Zum einen wird es im Altbau eine chronologische Zeitreise geben, die mit Beginn des 13. Jahrhunderts einsetzt und bis in die Gegenwart reicht. Zum anderen präsentiert sich das moderne Themenmuseum im Libeskind-Keil. Dieser ist das Kernstück des futuristischen Neubaus: Eine 30 Meter hohe, 80 Meter lange und 140 Tonnen schwere transparente Stahlkonstruktion, die diagonal das bestehende Altgebäude durchtrennt.
Zusammen mit dem Altbau wird den Besucher auf mehr als 20.000 Quadratmetern über 800 Jahre deutsche Militärgeschichte erwarten. Und das auf eine Art und Weise, die bisher einzigartig ist, hebt von Richthofen hervor. „Ein Museum von internationalem Standard
.“
Militärgeschichte wird in Dresden nämlich nicht isoliert und unkommentiert betrachtet, sondern in verschiedenen Wechselbeziehungen, beispielsweise zu gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen und Rahmenbedingungen. „Der Mensch steht im Mittelpunkt des Geschehens, Geschichte wird durch den Menschen geschrieben. Das ist unser Ansatz
“, so Richthofen. Es geht um eine komplette Neugestaltung, nicht nur auf einer architektonischen, sondern vor allem auch auf einer inhaltlich-gestalterischen Ebene.
Größte militärische Sammlung Europas
Ein Ansatz, der beim Staatssekretär auf sehr positives Echo stößt. „Ich finde es wichtig, dass man bei dieser Neukonzeption sowohl an die Soldatinnen und Soldaten und die zivilen Mitarbeiter gedacht hat, als auch an die Öffentlichkeit
“, hebt Kossendey hervor. „Für unsere Soldaten, die jetzt in den internationalen Einsätzen stehen, ist es wichtig, Konfliktursachen zu erkennen. Wie entstehen Konflikte? Wie werden Konflikte bewältigt? Sie stellen ihr eigenes Tun in einen geschichtlichen Zusammenhang
“, ergänzt er.
Das MHM sei ein echtes „Juwel“, unterstreicht der Leiter. Mit insgesamt einer Million Exponaten beherbergt das Museum am Olbrichtplatz eine der größten militärischen Sammlungen Europas überhaupt.
Es füllt darüber hinaus gleich zwei Rollen aus: Es ist nicht nur eine militärische Dienststelle und übernimmt die militärgeschichtliche Ausbildung innerhalb der Bundeswehr im Sinne der politischen Bildung, so von Richthofen. Es will auch der interessierten Öffentlichkeit Wissen über Personen der Militärgeschichte, von Ereignissen, historischen Prozessen und kulturellen Zusammenhängen vermitteln.

Interaktion mit dem Besucher
„Es ist gleichermaßen ein Museum für denjenigen, der sich mit dieser Materie sonst wenig beschäftigt und diejenigen, die von Berufswegen hiermit zu tun haben
“, betont Kossendey. „Ich glaube schon, dass es wichtig ist, dass diese beiden Gruppen über das Museum in Kontakt kommen, in den Dialog eintreten und sich gegenseitig besser verstehen lernen – und so auch die Motive des Einen und des Anderen kennenzulernen
“, ergänzt er.
Interaktion mit dem Besucher – eine Gestaltungsmöglichkeit, die die Ausstellungsmacher als eine wichtige Aufgabe ansehen. „Es soll kein Lese- sondern ein Zeigemuseum sein
“, betont von Richthofen.
Die Ideen dazu sind vielfältig: So ist ein „Catwalk“ geplant: Rund 40 Tierpräparate sind mit einem Attribut oder einer Verletzung, die aus dem Krieg stammt, versehen. Ein Pferd trägt eine Gasmaske aus dem Ersten Weltkrieg, ein Schaf hat nur drei Beine, weil es im Falklandkrieg über Minenfelder getrieben worden ist und der „Panzersprenghund“ heißt so, weil um seinen Leib ein Sprengstoffpaket gebunden ist. Er ist darauf trainiert unter gegnerische Panzer zu kriechen und sie zur Explosion zu bringen.
Auseinandersetzung über den Besuch hinaus
Das Thema „Leiden am Krieg“ wird aufgegriffen: Kriegskreuze und Gedenktafeln werden ausgestellt, aber auch Invaliditätsurkunden oder Humanpräparate aus der Sanitätsakademie der Bundeswehr München. Alltagsgegenstände dienen als stumme Zeugen, die symbolisch für im Krieg zerstörte Städte, wie beispielsweise Dresden, stehen, und erwarten den Besucher im 4.Obergeschoss des Neubaus: Alte Gehwegplatten, die noch Bombensplitter aus dem Zweiten Weltkrieg aufweisen.
„Dieses Museum wäre sein Geld nicht wert, wenn es für den Betrachter nur ein oder zwei interessante Stunden bieten würde
“, so Kossendey. Die Anregungen, die historische Einordnung, die emotionalen Eindrücke, all dies sei wichtig, um sich mit den einzelnen Themenbereichen auch über die Zeit des Besuchs hinaus auseinander zu setzen, so der Staatssekretär.

Ein Museum für die ganze Familie
Trotz der Umbauphase registriert das Museum derzeit 80.000 Besucher pro Jahr, etwa jeder fünfte ist Angehöriger der Bundeswehr. Nach der Fertigstellung sollen es doppelt so viele werden. Dabei stehen nicht nur Militärangehörige im Fokus. Es soll ein Museum für die ganze Familie sein. Auch für die Einbettung in den Geschichtsunterricht bietet es umfangreiche Möglichkeiten, kündigt von Richthofen an.
Bis zur geplanten Fertigstellung bleibt dem gesamten Team noch viel zu tun. Es wird gehämmert und gebohrt, geschraubt und gewerkelt. Schon jetzt – mitten im Baulärm auf der obersten Etage im Libeskind-Keil – kann man erahnen, dass die Keilspitze des Anbaus, die rund 25 Meter nach vorne herausreichen wird, weit mehr sein wird, als eine rein touristische Attraktion.
Natürlich sei dies ein schöner, aber auch gleichzeitig ein ebenso bedrückender wie klärender Blick, so der Eindruck des Staatssekretärs. Wenn man hier steht, unter Berücksichtigung der Geschichte der Stadt während des Zweiten Weltkrieges, werde klar, dass „Krieg Unheil über die Menschen bringt und vermieden werden muss, mit allem, was wir haben“
, so Kossendey.
