Ein gewaltiger Fortschritt
Hammelburg, 09.06.2009.
Vor zehn Jahren begann die Bundeswehr, Journalisten für Gefahren im Krisengebiet zu sensibilisieren.

„Wenn die Wunde nicht mehr schmerzt, schmerzt die Narbe
“, steht auf dem großen, weißen Stein mit der schwarzen, polierten Gedenktafel. Genau an jenem Ort, an welchem die Stern-Reporter Gabriel Grüner, Volker Krämer und ihr Übersetzer Senol Aliti vor zehn Jahren ums Leben kamen. Alle drei wurden am 13. Juni 1999 am Dulje-Pass im Kosovo erschossen. Sie sollen keine leichtsinnigen Journalisten gewesen sein, sondern vorsichtige, die Risiken abwägende Menschen.
„Viele ihrer Kollegen waren das aber nicht
“, erinnert sich Oberstleutnant a. D. Dietmar Jeserich. 1996 war er als Pressestabsoffizier bei IFOR und SFOR tätig. Mit Journalisten hatte er täglich zu tun. Noch heute schüttelt er den Kopf, wenn er an die Situation von damals denkt.
„Die Journalisten kamen aus ihren Lokalredaktionen direkt in die Kriegs- und Krisengebiete
“, erzählt Jeserich, „sie hatten absolut keine Ahnung, wie man sich dort verhält.
“ Und dadurch waren sie nicht nur ein Risiko für sich selbst, sondern auch für die Soldaten.
Wie verhalte ich mich richtig?
Diese Erfahrungen ihrer Presseoffiziere und den Tod der beiden Stern-Reporter nahm die Bundeswehr zum Anlass, eine Ausbildung für Journalisten in Krisenregionen anzubieten. Jeserich begleitete damals den ersten Lehrgang als Presseoffizier. „Unser Ziel war es, die Journalisten für die Gefahren zu sensibilisieren, die in den Krisengebieten lauern“
, betont Jeserich.
Und das stieß auf großes Interesse unter den Journalisten. Zehn von ihnen nahmen im Jahr 1999 am ersten Lehrgang dieser Art teil, am Vereinte Nationen Ausbildungszentrum in Hammelburg. Der viertägige Lehrgang enthielt vorwiegend Elemente aus der Einsatzvorbereitung der Soldaten, wie Bewegen im Gelände, Beschuss, Minendetonation und versteckte Ladungen.
Auch RTL-Journalistin Jutta Bielig nahm an diesem ersten Lehrgang teil. „Ich bin mit weichen Knien damals in den Kurs gegangen
“, gesteht Bielig, „die Bundeswehr hat sich damit weit vorgewagt, schließlich war dieser Kurs etwas komplett Neues
.“ Bereut hat sie die Teilnahme nie.

Was kommt auf mich zu?
Legale und illegale Checkpoints, Treffen mit einem fiktiven Bürgermeister, Schwerstverwundete nach einem Unfall – der ein oder andere Teilnehmer kann dabei schon mal vergessen, dass es sich um von Rollenspielern der Bundeswehr realitätsnah dargestellte Szenarien handelt und nicht um die Wirklichkeit. Zu echt sind oft die Situationen, in welche die Teilnehmer geraten. „Hier hatte man die Möglichkeit, einen möglichst wahren Eindruck von den Situationen zu bekommen
“, meint Bielig, „das war super.“
Im Laufe der Jahre wurde der Lehrgang stetig weiterentwickelt und ausgebaut. Heute dauert er sechs Tage. Außerdem kamen weitere Szenarien wie das der Geiselnahme hinzu. Die Anregungen und Ideen der teilnehmenden Journalisten wurden aufgenommen und umgesetzt.
„Der erste Kurs war ein voller Erfolg
“, erklärt Jeserich, „sowohl die Lehrgangsleitung, das VN-Ausbildungszentrum, als auch die Journalisten waren sich einig, dass aus diesem Kurs ein regelmäßiges Angebot werden muss.
“
Inzwischen bietet der Presse- und Informationsstab des Verteidigungsministeriums (BMVg) in Kooperation mit der Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung viermal im Jahr den Lehrgang zum „Schutz und Verhalten in Krisenregionen
“ an.
Darüber hinaus gibt es noch spezielle Lehrgänge für Mitarbeiter von ARD und ZDF sowie für Journalistenschüler. Der Andrang auf die Plätze in einem der Lehrgänge ist groß. Mittlerweile gibt es eine Warteliste. Eine Überlebensgarantie ist er freilich nicht, aber er kann die Journalisten für unbekannte, versteckte Gefahren sensibilisieren.
Erfolgreiches Konzept
Und dass dieses Konzept Erfolg hat, kann auch Jeserich bestätigen. Nach diesem ersten Kurs war er noch rund acht Mal als Presseoffizier für die Bundeswehr im Auslandseinsatz. „Es war ein gewaltiger Fortschritt, die Journalisten waren nach dem Lehrgang offener und nicht so angespannt
“, erzählt er, „sie fühlten sich sicherer und hatten sich in gewisser Weise auf den Einsatz eingestimmt.“
Das kann auch Bielig bestätigen. Jedes Jahr ist sie mehrmals für ihren Sender in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs. Nach dem Lehrgang war ihr Auftreten anders als davor, sagt sie: „Ich habe mir mehr Gedanken als vorher gemacht, habe die meisten Situationen vorher im Kopf schon durchgespielt.“
Der größte Vorteil für die Journalistin war zu wissen, wie sich theoretische Gefahren praktisch anfühlen.
Die Ausbildung sei heute aktueller und auch notwendiger denn je, so eine Mitarbeiterin des Presse- und Informationsstabes des BMVg, die verantwortlich ist für den Lehrgang. „Das Bedürfnis der deutschen Öffentlichkeit nach aktuellen und umfassenden Informationen aus Krisen- und Kriegsgebieten nimmt ständig zu
“, betont sie, „darum ist die Ausbildung in Hammelburg aus unserer Sicht auch in Zukunft unverzichtbar.“








