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Ehrenmal - Dr. Matthias Rogg im Interview (Sprechertext)

Das Ehrenmal der Bundeswehr - in den letzten neun Monaten ist es in Berlin entstanden. Direkt auf der Grenze zwischen dem Gelände des Bendlerblocks und der Hildebrandstraße. Nach der Einweihung steht es jetzt auch der Bevölkerung offen - doch wofür genau stehen die einzelnen Elemente des Ehrenmals?

Diese Frage beantwortet für uns Oberstleutnant Dr. Matthias Rogg. Er arbeitet im Planungsstab des Bundesministeriums der Verteidigung und war an der Konzeption des Ehrenmales beteiligt.

Bwtv-Redakteur Thorsten Sehr: „Herr Dr. Rogg, wenn man sich das Ehrenmal mal anschaut, es ist doch sehr massiv. Es ähnelt so ein bisschen einem Kasten. Warum diese Architektur?

Oberstleutnant Dr. Matthias Rogg: „Ich finde es gar nicht massiv. Es ist eine klare Architektur, die leicht verständlich ist. Es soll ganz bewusst eine reduzierte Form sein. Das Einfache ist nicht immer gut, aber das Gute ist meistens einfach. Das gilt auch für die Architektur, sie ist dadurch leichter erfahrbar.

Thorsten Sehr: „Den Toten unserer Bundeswehr. Für Frieden, Recht und Freiheit. Herr Dr. Rogg, was bedeuten denn diese Worte?

Dr. Rogg: „Der Sinnspruch macht noch einmal deutlich, wofür das Ehrenmal steht. Es geht darum, diejenigen zu ehren, die im Dienst für unser Land als Soldaten, als zivile Mitarbeiter, als Reservisten, als Angehöriger der Wehrverwaltung ihr Leben gelassen haben. Ganz gleich, ob das im Einsatz ist, ob sie im Einsatz gefallen sind, ob das bei Unfällen ist, ob es bei Übungen ist oder im Einsatz bei Katastrophenfällen. Zum Zweiten zeigt der Spruch, wofür wir stehen, wofür unser Dienst steht. Nämlich die Verteidigung von Frieden, Recht und Freiheit in unserem Land.

Thorsten Sehr: „Warum denn die Farbwahl? Warum eine goldene Schrift auf goldenem Grund?

Dr. Rogg: „Das Gold kontrastiert ganz bewusst zu dem ansonsten sehr schlicht gehaltenem Bau, indem die Farben Bronze, Beton und Schwarz dominieren. Gold ist eine hochwertige Farbe, die noch einmal zeigt, was uns das Gedenken der Toten wert ist.

Thorsten Sehr: „Wir sind mittlerweile in der Cella angekommen, dem einzig überdachten Raum des Ehrenmals. Herr Dr. Rogg, hier ist alles in schwarz gehalten. Warum?

Dr. Rogg: „Es ist ein deutlicher Übergang von dem hellen, transparenten Bereich, dem öffentlichen Bereich des Ehrenmals jetzt zu einem privateren Bereich der Trauer. Es stimmt den Besucher ein, dass sich hier etwas verändert und der schwarze, entmaterialisierte Raum, den wir hier haben, ist ein reduzierter Raum. Deshalb ist auch auf jede Farbigkeit, jede Ornamentik hier verzichtet worden um den Blick auf das Wesentliche zu lenken, auf die innere Trauer.

Thorsten Sehr: „Herr Dr. Rogg, wir sehen jetzt hier die Bodenplatte der Cella, die ist schräg eingelassen. Ist da wortwörtlich was schief gelaufen?

Dr. Rogg: „Nein, da ist nicht schief gelaufen, das ist ganz bewusst so gemacht. Der Besucher, der in die Cella reintritt, wird irritiert durch die schiefe Bodenplatte. Diese schiefe Platte steht wortwörtlich für das Leben, das aus den Fugen geraten ist. Ein Mensch ist gewaltsam aus dem Leben gerissen. Verwandte, Angehörige, Freunde, Kameraden haben einen Menschen verloren und diese schiefe Bodenplatte steht sinnbildlich dafür.

Thorsten Sehr: „An Orten wie Friedhöfen oder Kirchen würde ich eigentlich einen Altar, oder zumindest ein Kreuz erwarten. Warum finde ich das hier nicht?

Dr. Rogg: „Weil wir hier weder einen Friedhof, noch eine Kirche haben, sondern ein Denkmal. Wir haben ganz bewusst auf christliche Symbole verzichtet, um zu zeigen, dies ist ein Angebot für alle Menschen. Ganz gleich, ob sie einer Konfession angehören oder nicht.

Thorsten Sehr: „Das Ehrenmal hat auf mich bisher einen sehr klassischen Eindruck gemacht. Das wird jetzt hier in der Cella gebrochen durch diese LED-Schriftzüge mit Namen. Warum?

Dr. Rogg: „Das ist eine ganz moderne Darstellungsform. Wir haben gesagt, unsere Toten an die wir hier erinnern, haben einen Namen. Wir wollen keinen vergessen und wollen das auch sichtbar machen. Das ist ein Teil des Ehren des Gedenkens. Und dem Künstler ist hier eine ganz pfiffige Idee gekommen, indem die Namen für wenige Sekunden ausgeblendet werden. Sie sehen, dass der Schriftzug verschwimmt, verlöscht und dann ein neuer Name auftaucht. Und dieses Fluidum, dieses aufscheinen und verlöschen steht im wahrsten Sinne des Wortes auch für ein Leben, das verlöscht ist. An das wir gleichwohl hier an diesem Ort erinnern.

Thorsten Sehr: „Sieht aus wie ganz normaler Beton, ist es aber nicht. Herr Dr. Rogg, worum handelt es sich hierbei?

Dr. Rogg: „Das ist ein ganz besonders bearbeiteter Beton. Sie sehen, das sind unterschiedliche Flächen. Sie haben hier einen groben mineralisch Putz, der eine schöne Oberflächenstruktur hat. Ganz spannend ist die Kante am Rand, die ist von Hand nachgearbeitet. Dann haben Sie auf der anderen Seite eine ganz glatte, fast abgeschliffene Fläche. An diesem Detail können Sie sehen, dass das Material mit unheimlichen Aufwand bearbeitet wurde. Und dass das Ehrenmal im Detail, wenn man ganz genau guckt, eine sehr große Materialgüte aufweist.

Thorsten Sehr: „Ist denn dieser Blick auf das Detail erwünscht?

Dr. Rogg: „Ja, das ist ganz bewusst so gemacht. Das zeigt, von Außen sieht es eher ganz schlicht aus, und je näher man sich mit dem Ehrenmal beschäftigt, umso mehr wird die Qualität sichtbar. Sei es in den Materialien, in der Verarbeitung oder in der Symbolik des Ehrenmals.

Thorsten Sehr: „Ist das denn nicht auch eine Einladung an den Besucher, näher heranzukommen?

Dr. Rogg: „Unbedingt. Wir wollen ja Zweierlei. Wir wollen ja einen Ort bieten, wo die persönliche, private aber auch die öffentliche Trauer möglich ist. Die Erinnerung möglich ist, aber gleichzeitig ist es auch ein Bau, der durch seine ästhetische Qualität die Besucher ansprechen soll.

Thorsten Sehr: „Diese Metallpaneele mit den Ausstanzungen, sind ja ein bestimmtes Element des gesamten Ehrenmales. Was hat es denn damit auf sich, Herr Dr. Rogg?

Dr. Rogg: „Diese Metallpaneele bilden ein Kleid dass das gesamte Ehrenmal umfängt. Sie sind aus Bronze. Bronze ist eine Legierung, besteht aus Kupfer und aus Zinn. Es ist ein edles Material, aber es zeigt, das ist nicht das hochwertige Material, wie der Goldhintergrund zum Beispiel, wo der Sinnspruch des Ehrenmals zu sehen ist. Diese Metallpaneele ist durchbrochen. Das heißt, sie symbolisiert alleine schon durch den Durchbruch ein hohes Maß an Transparenz. Hier kann man reingucken, das was hier drinnen passiert, versteckt sich nicht. In der Art der Brechung wird eine ganz besondere Symbolik deutlich. Sie sehen hier ovale Formen, die genau die Formen der Erkennungsmarke wiedergeben. Und auch halbovale Formen. Jeder Soldat im Einsatz trägt die Erkennungsmarke als Teil seiner individuellen persönlichen Erkennung. Und die gebrochene Erkennungsmarke ist ein Symbol, das jeder versteht, das für den Tod steht.

Thorsten Sehr: „Gleichzeitig ist die Anordnung der Erkennungsmarken ja nicht zufällig. Vielleicht können Sie dazu noch ein klein wenig erzählen.

Dr. Rogg: „Die Stanzungen folgen dem Rhythmus des Morsealphabetes. In dem Rhythmus finden sich der Diensteid, den die Zeit- und Berufssoldaten sprechen, der Gelöbnistext, der Grundwehrdienstleistenden, freiwillig länger Dienenden und der Amtseid der Angehörigen der Wehrverwaltung wieder. Damit wird in der Formsprache des Ehrenmals noch einmal wiederholt, wofür das Ehrenmal steht und an wen wir hier erinnern.

Thorsten Sehr: „Diese Wand, die trotz aller Transparenz doch relativ massiv wirkt, ist aber nicht fest gemauert, sondern die ist verschiebbar. Vielleicht können Sie das noch einmal kurz erklären.

Dr. Rogg: „Das ist ein ganz wichtiges Element des Ehrenmals. Das Ehrenmal befindet sich ja auf der Schnittstelle zwischen einem dienstlich geschlossenen Bereich, nämlich dem bereich des Bendlerblocks, dem Bundesministerium der Verteidigung, und es ist genau an der Grenze zur öffentlichen Straße, nämlich zur Hildebrandstraße. Genau an dieser Schnittstelle kann man nun diese Schiebewand verschieben. Normalerweise ist sie ja geöffnet, für den Publikumsverkehr. Man kann aber auch, wie wir es jetzt zum Beispiel sehen, die Schiebewand in einem Stück in etwa drei Minuten verschieben und damit den öffentlichen Bereich abtrennen. Das passiert, wenn wir hier militärisches Zeremoniell oder Trauergedenken haben, was wir vom öffentlichen Bereich abschließen wollen. Und damit lässt das Ehrenmal sowohl ein öffentliches, als auch ein ziviles, privates Trauern gleichermaßen zu.

Thorsten Sehr: „1955 wird die Bundeswehr gegründet. 54 Jahre später, heute, wird das Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin eingeweiht. Ein ganz besonderer und wichtiger Ort, denn er symbolisiert, dass der Dienst für die Bundeswehr ein ganz besonderer ist. Ein gefährlicher, aber auch einer, der sich an klaren Werten orientiert.

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Stand vom: 03.12.13


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