Wiederaufbau: Ziviles und militärisches Engagement gehen Hand in Hand
Bonn, 17.01.2012.
Ihre Tätigkeit beginnt da, wo militärisches Engagement endet: Die entwicklungspolitische Arbeit der in Bonn und Eschborn ansässigen Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) soll in Krisengebieten Frieden und Wirtschaft stabilisieren helfen. Klaus-Michael Naumann von der Bauabteilung und Roman Poeschke, Leiter der Abteilung Sicherheit, Wiederaufbau, Frieden, berichten im aktuell-Interview über ihre Aufgaben bei der GIZ.

Sie kooperieren neben dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung auch mit dem Verteidigungsministerium. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Naumann: Die GIZ arbeitet schon länger mit dem Verteidigungsministerium zusammen. Auch die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr ist nicht neu. Schon in den vergangenen zehn Jahren hat die GIZ für die Bundeswehr und das BMVg an unterschiedlichen Standorten, wie im Kosovo und jetzt in Afghanistan, Baumaßnahmen durchgeführt. Dabei geht es um Unterkünfte und Funktionsgebäude, also Büros, Lagerhallen und Gebäude für die medizinische Versorgung sowie um Infrastrukturmaßnahmen wie Straßen, Parkplätze oder die Strom- und Wasserversorgung.
Wie profitiert die einheimische Bevölkerung davon?
Naumann: Unsere Arbeit hat entwicklungspolitische Wirkung: So wurden zum Beispiel in Afghanistan Gebäude von lokalen Baufirmen errichtet oder Afghanen so fortgebildet, dass sie diese Tätigkeiten übernehmen konnten. Afghanen kommen so für eine begrenzte Zeit in Lohn und Brot und können ihr Know-how dann an anderer Stelle anbringen.
Darüber hinausgehend nutzt die GIZ in Afghanistan den Provinzentwicklungsfonds, mit dem schnelle und spürbare Nothilfe für die Menschen in ländlichen Gebieten geleistet wird. Die Gemeinden können selbst Anträge auf Projekte stellen, die sie mit Hilfe der GIZ umsetzen. In diesen Fonds zahlt auch das BMVg ein.

Wie gehen Sie in fremden Ländern vor, wenn Sie als Unternehmen mit staatlichen Aufgaben aktiv werden?
Poeschke: Grundlage unserer Arbeit im Auftrag der Bundesregierung sind immer bilaterale Vereinbarungen zwischen Deutschland und dem Partnerland, wo wir dann tätig werden. In den Projekten zum Aufbau von Staat und Demokratie arbeiten wir mit staatlichen Partnern, also einem Ministerium, wie auch mit zivilgesellschaftlichen Einrichtungen, zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen, zusammen. Wir treten für ein Zusammenspiel von Staat und Zivilgesellschaft ein.
Der Wiederaufbau von gescheiterten Staaten einschließlich dem Etablieren von demokratischen Strukturen geht nicht von heute auf morgen vonstatten. Welche Strategien gibt es für eine nachhaltige Demokratisierung?
Poeschke: Die GIZ kann immer nur Beiträge leisten zu mehr Sicherheit, Stabilität und Entwicklungschancen. Eine erfolgreiche Arbeit baut auf langer, also jahre- und jahrzehntelanger Präsenz vor Ort mit eigenen Mitarbeitern auf. Das schafft Vertrauen. Unser Grundprinzip ist selbstverständlich Realismus: Veränderungen zu mehr Demokratie brauchen oft viel Zeit, und nicht alles, was wir in Europa an Prinzipien und Institutionen der Demokratie kennen, ist in fragilen Ländern realisierbar.
Gibt es in diesem Zusammenhang so etwas wie „Demokratie-Baukästen“, nach denen Sie in solchen Ländern verfahren können?
Poeschke: Wir arbeiten nicht mit Blaupausen bei der Demokratieförderung. Jedes Land und jede Gesellschaft ist anders und benötigt eine dafür angepasste Strategie. Wir setzen uns immer für ein gutes Zusammenspiel von staatlichen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Kräften ein. Dabei stärken wir Personen wie Institutionen, so auch bei der Vorbereitung von Wahlen. Demokratieförderung muss über lange Zeiträume erfolgen, damit es in einem Staat, einer Gesellschaft verankert werden kann.

Welche Widerstände begegnen Ihnen bei der Förderung von Frieden und Sicherheit sowie Wiederaufbau?
Poeschke: Eine Herausforderung bei unserer Arbeit in Krisenländern ist die oft schwierige Sicherheitslage – mit Risiken auch für unsere eigenen Mitarbeiter. Es gibt bestimmte Gruppen, wie zum Beispiel manche Warlords, die teilweise kein Interesse an einer stabileren Situation zeigen.
Und wo haben Sie schon diesbezüglich negative Erfahrungen machen müssen?
Poeschke: Schwierigkeiten sind Teil unserer Aufgabe, etwa wenn in Ländern über Jahre faktisch Gewalt durch verschiedene bewaffnete Gruppen mit unterschiedlichen politischen Loyalitäten existiert. Dies ist für die Menschen vor Ort sehr bedrohlich und schränkt auch unsere Arbeit und deren Wirksamkeit ein. Daher sind wir immer nur tätig, wo ein Minimum an Sicherheit besteht und eine gute Chance gegeben ist, dass wir einen sinnvollen Beitrag zur Überlebenssicherung der Menschen, zum Wiederaufbau von Staat und Gesellschaft und der Herstellung von Entwicklungsperspektiven leisten können.

