Soldatenalltag in Afghanistan: „So ein Einsatz prägt und verändert“
Berlin, 25.01.2012.
Die Autorin spricht von einer „Generation Einsatz“, von einer „Zweiweltenproblematik“ und einer „Friedensdividende“: Anja Seiffert liefert mit ihrem Beitrag „Generation Einsatz – Einsatzrealitäten, Selbstverständnis und Organisation“ , der in der Jahresschrift 2011 des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr erschienen ist, eine Bestandsaufnahme, die den Wandel der Bundeswehr hin zu einer Einsatzarmee dokumentiert.

In ihrer Untersuchung stützt sich Seiffert auf Ergebnisse von Feldforschungen ivor allem im ISAF-Einsatz. Mit ihren Kollegen hat sie 2010 ein Bundeswehrkontingent über den gesamten Einsatz hinweg begleitet und in zahlreichen Gesprächen, durch Befragungen und Beobachtungen vor Ort Erkenntnisse zur Einsatzrealität in Afghanistan gesammelt und ausgewertet.
Wie nehmen Soldaten Kontext und Realität ihres Einsatzes wahr? Und wie gehen sie mit oft unübersichtlichen Konfliktkonstellationen und rasch wechselnden Sicherheitslagen um? Welche Erfahrungen machen sie im Umgang mit militärischer Gewalt und welche Folgen haben diese Erfahrungen für ihr Selbstbild? Was für Folgen hat dies wiederum für die Gesamtorganisation Bundeswehr? Die Leiterin des Forschungsschwerpunktes „Sozialwissenschaftliche Begleitung der Auslandseinsätze der Bundeswehr" am SoWi greift diese Leitfragen in ihrem Aufsatz auf.
Tod und Töten gehören zur Einsatzrealität
Eine ihrer Grundthesen ist, dass sich die Bundeswehr nicht nur strukturell an die neue Situation anpassen muss. Der Wandel habe auch eine „kulturelle Komponente
“, schreibt sie „Er schließt veränderte militärische Organisationspraktiken und Veränderungen der Organisationskultur ebenso wie soldatische Umorientierungen mit ein
.“
Das Jahr 2011 – eine Zäsur in der Geschichte der Bundeswehr: Der Bundestag hat eine Aussetzung der Wehrpflicht beschlossen. Der Startschuss für die Neuausrichtung der Bundeswehr ist erfolgt. Es soll weniger Soldaten und eine gestraffte Führungsstruktur geben – doch nicht nur die äußere Form verändert sich, mit ihr erfolge auch ein „Bewusstseinswandel
“, betont Seiffert.
„Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“, so lautete einst die Doktrin der Bundeswehr. Die hat sich jedoch in den zehn Jahren, in denen sich deutsche Soldaten am ISAF-Einstz in Afghanistan beteiligen, längst überholt, stellt sie heraus. „Tod und Töten, Verwundung und Versehrtheit gehören zur Einsatzrealität
.“
Multifunktionales Profil verlangt
Dabei präsentiere sich das Einsatzumfeld in Afghanistan komplex: Aufstandsbekämpfung und (Staats-)Aufbau, Kampfsituationen, Stabilisierungs- und Ausbildungsaufgaben – all das kommt auf die Bundeswehrangehörigen zu. Militärisch-handwerkliche Fähigkeiten allein reichen dafür nicht aus. „Soldaten müssen in der Friedenssicherung genauso kompetent sein, wie im Gefecht
“, so Seiffert. Das wiederum setze ein „multifunktionales Profil voraus
“, verlange vom Soldaten „enorme soziale, intellektuelle und psychische Leistungen ab
“.
Dies gilt vor allem für Vorgesetzte: „Sie müssen operative Gefechtsfähigkeiten ebenso beherrschen wie ein durch politisches und kulturelles Hintergrundwissen fundiertes Verhandlungsgeschick
“. Das bedeutet weiterhin: „Mit dem Soldatenbild des klassischen Kriegers vergangener Zeiten hat das wenig zu tun
“, resümiert die Wissenschaftlerin weiter.

Anschlag kann jederzeit erfolgen
Und dennoch: Die Erfahrungen mit Beschuss, Hinterhalten und Gefechten prägen den Horizont, so Seiffert. Dieser wiederum hat Auswirkungen auf Einstellungen und Orientierungen für die Zukunft. „Erstmalig in ihrer Geschichte stand die Bundeswehr in Afghanistan in andauernden Feuergefechten, in denen Soldatinnen und Soldaten getötet oder psychisch und seelisch verwundet wurden und ihrerseits töteten und verwundeten
.“
Dabei ist die Bundeswehr nicht allein nur auf Kampfsituationen beschränkt: „Ein Anschlag kann jederzeit und an jedem Ort stattfinden
." Der Soldatenalltag in Afghanitan – so Seiffert – ist geprägt von einer „diffusen Bedrohung
“. Dieses Szenario veranschauliche die verschiedenen Erfahrungswelten zwischen „alter
“ Bundeswehr – wie zu Zeiten des Kalten Krieges – und „neuer“
Bundeswehr in Afghanistan.
Generationenkonflikt mögliche Folge
Nicht jeder aber macht die gleichen Erfahrungen im Einsatz. „Einsatz ist nicht gleich Einsatz
“, so Seiffert, weil sich die Einsatzwirklichkeit in Afghanistan für Soldaten in unterschiedliche „Erfahrungswelten
“ differenziert, je nachdem an welchem Ort sie eingesetzt sind und welche Aufgaben sie hier übernehmen, ob sie innerhalb oder außerhalb des Feldlagers agieren.
Über Erfahrungen in Gefechten verfügen dabei eher niedrige Dienstgrade bis zur Ebene Kompaniechef, schreibt Seiffert. Diese unterschiedlichen Erfahrungswelten zwischen höherer Führung und der nachrückenden Generation könnten innerhalb der Bundeswehr zu einem Generationenkonflikt führen. Organisationskulturen, so Seiffert, in denen Jüngere traditionell von den Älteren lernen, können unter Belastungsdruck geraten, „wenn die junge Generation Erfahrungen macht, die von den älteren nicht geteilt werden
“.

Auswirkung auf die Organisation Bundeswehr
Darüber hinaus thematisiert sie die „Zweiweltenproblematik
“ von Einsatzwelt und Organisationskultur am Standort: Flexibilität, korrekte Lagebeurteilung auch unter Zeitdruck und Verhaltenssicherheit in unübersichtlichen Konfliktkonstellationen – diese Eigenschaften sind im Einsatz gefragt. Diese Selbstständig- und Eigenverantwortlichkeit trete am Standort in den Hintergrund zugunsten eines „Kontrollmanagements und Absicherungsdenkens
“, so empfänden es viele Soldaten nach ihrer Rückkehr, stellt Seiffert in Interviews fest. „Noch ist nicht absehbar, wie sich die Erfahrungen der Generation Einsatz konkret auf die Organisation Bundeswehr auswirken
.“ Das, so die Wissenschaftlerin, müsse sich über die Zeit hin erst noch zeigen.
Eines sei den Soldaten, die im Einsatz ihr Leben riskieren, besonders wichtig. „Sie erwarten positive Effekte ihres Engagements, gewissermaßen eine ‚Friedensdividende‘ in Form von Aufbauerfolgen und einer verbesserten Sicherheit
“, so Seiffert. Auf einen Nenner gebracht: „Sie wollen, dass ihr Einsatz nicht umsonst gewesen ist
.“





