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Trauma-Zentrum: Baustein im Kampf gegen PTBS

Berlin, 26.05.2010.
Über die Arbeit des Trauma-Zentrums im Bundeswehrkrankenhaus Berlin hat sich Verteidigungsminister Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg am 26. Mai informiert. Die neu geschaffene Einrichtung ist ein weiterer Baustein im Gesamtkonzept zu Prävention und Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen.

Der Minister und weitere Gäste

Zuhörer und Fragesteller: Der Minister beim Briefing (Quelle: Bundeswehr/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Bundeswehrkrankenhaus Berlin. Abgerissene Gliedmaßen, offene Bäuche, zertrümmerte Kiefer und leere Augenhöhlen – die großformatigen Farbfotos an den Wänden des kleinen Besprechungsraums zeigen den Schrecken, mit dem auch Soldaten im Einsatz konfrontiert sind. Im Raum zahlreiche Journalisten, die auf den Verteidigungsminister warten. Dr. Karl Theodor zu Guttenberg will sich einen Eindruck von der Arbeit des dortigen Trauma-Zentrums machen, das am 5. Mai seine Arbeit aufgenommen hat.

Hier sollen die Forschung zu und die Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) noch enger als bisher verzahnt werden. PTBS, das ist ein Angriff auf die Seele, eine schwere psychische Erkrankung, die beispielsweise durch traumatisierende Erlebnisse im Afghanistan-Einsatz ausgelöst wird. Vielleicht durch Realitäten, wie sie an den Wänden des kleinen Besprechungsraumes abgebildet sind, über die die Journalisten „professionell“ frotzeln oder lieber ganz schweigen.

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Eine Krankheit im Schatten

Der Verteidigungsminister will Schweigen aufbrechen. „Wir müssen PTBS aus seinem Schattendasein holen“, betont zu Guttenberg wenig später im selben Raum in seiner Pressekonferenz. „Wir müssen über Trauma und Traumatisierung eine öffentliche Debatte wagen.“ Eine öffentliche Debatte, die nicht zuletzt auch die Betroffenen selbst oft scheuen – „aus einem manchmal falsch verstandenen Berufsethos und aus Angst vor Stigmatisierung“, wie der Minister feststellt.

Dabei besteht Handlungsbedarf: Die Zahl der PTBS-Fälle ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. 466 Betroffene verzeichnet die Statistik allein für 2009, 147 für das erste Quartal dieses Jahres. Wie hoch die Dunkelziffer ist – Stichwort: Angst vor dem Stigma der Krankheit – soll eine Studie des Trauma-Zentrums in Zusammenarbeit mit der TU Dresden erhellen.

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Der seelische Zweifrontenkrieg

Porträt zu Guttenberg und Nakath

Konzentriert und nachdenklich: PTBS ist ein ernstes Thema (Quelle: Bundeswehr/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Zwei Zahlen stimmen nachdenklich: Durchschnittlich 4,5 Jahre vergehen bis zum „Outing“ der Betroffenen, erklärt Regierungsdirektor und Diplompsychologe Heinrich Müller vom Sanitätsamt der Bundeswehr in München – ein Phänomen, das sich auch in anderen Berufsgruppen vom Journalisten bis zum Rettungssanitäter zeigt.

Und rund 50 Prozent aller Soldaten kommen nicht krank, aber immerhin belastet aus den Auslandseinsätzen, weiß Müller. Besonders gefährdet sind dann die Soldaten, die nach ihrer Rückkehr noch mit zusätzlichen Problemen wie einer Scheidung oder finanziellen Sorgen zu kämpfen haben. Als „seelischen Zweifrontenkrieg“ beschreibt der Regierungsdirektor deren Situation drastisch.

PTBS-Prävention und -behandlung erfordert daher immer einen vernetzten Ansatz. „Es geht um die Seele der Soldaten. Da muss man auch über den ärztlichen Tellerrand hinaussehen“, erklärt auch Oberstsarzt Dr. Peter Zimmermann, Leiter des Trauma-Zentrums und Leitender Arzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Bundeswehrkrankenhaus Berlin. Die Genesungs-Chance beziffert Zimmermann dabei auf mehr als 80 Prozent.

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Das Netzwerk steht

Die Bundeswehr scheint hierfür schon jetzt gut aufgestellt: Die Betreuung der Soldaten reicht von der Einsatzvorbereitung und der entsprechenden Schulung der Vorgesetzten über Psychologen und „Peers“ vor Ort in den Einsatzgebieten bis zu Einsatznachbereitungsseminaren und Präventivkuren.

Hinzu kommt das „psychosoziale Netzwerk“ in der Heimat. An 80 Standorten plus „Satelliten“ gibt es solche Arbeitsgruppen aus Sanitätsdienst, Psychologen, Sozialdienst und Militärseelsorge. Sie helfen den Soldaten, aber auch den Angehörigen. Hinzu treten die bundesweit 31 Familienbetreuungszentren mit ihren Außenstellen, eine 24 Stunden täglich besetzte Telefonhotline sowie Informationen und Hilfen via Internet.

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Neuer Baustein im Gesamtsystem

In diesem Gesamtsystem schließt das Berliner Trauma-Zentrum eine bisher bestehende Lücke. An der Nahtstelle zwischen Forschung und Praxis hat es sich wissenschaftliche Grundlagenarbeit, Erfahrungstransfer aber auch die Behandlung gleichermaßen auf die Fahnen geschrieben. 45 Dienstposten und ein Etat von drei bis vier Millionen Euro sind dafür vorgesehen.

Als einen „wichtigen Baustein eines Gesamtansatzes“ würdigt Minister zu Guttenberg das Trauma-Zentrum. Neben der „Dunkelzifferstudie“ sind die Identifikation von Faktoren, die eine PTBS begünstigen und die Entwicklung entsprechender Präventionsmaßnahmen wichtige Handlungsfelder der Einrichtung. Zudem fungiert das Zentrum auch als Scharnier zu zivilen Forschungs- und Therapie-Einrichtungen.

Schon jetzt kooperiert die Bundeswehr bei der Behandlung von PTBS mit 65 Fachkliniken im gesamten Bundesgebiet. Diese Kooperationen bleiben wichtig: Der Bundeswehr fehlen Psychologen beziehungsweise Psychiater, und bei ihrer Gewinnung steht die Truppe in einem „durchaus scharfen Wettbewerb im Gesundheitswesen“, wie Minister zu Guttenberg betont. Nachwuchsgewinnung sei daher „ein identifizierter Schwerpunkt“.

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Bessere Einbeziehung von Angehörigen

Einen weiteren Schwerpunkt hat die Einsatzrealität auf die Tagesordnung gesetzt. Derzeit untersucht die Bundeswehr unterschiedliche zentrale und dezentrale Ansätze zur noch besseren Einbeziehung von Angehörigen, Familien und eben auch zur Betreuung der Hinterbliebenen von Soldaten.

„Das wird auf Herz und Nieren derzeit überprüft“, kündigt zu Guttenberg an und will „so schnell wie möglich“ Ergebnisse sehen. Denn „die Fürsorgepflicht des Dienstherren endet nicht mit einer Behandlung“. Verwundungen der Seele wollen vernetzt vermieden oder geheilt werden.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: Frank Bötel


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