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Auf die Kleinigkeiten achten – Begleitung einer VN-Militärbeobachter-Übung

Hammelburg, 16.11.2010.
Deutsche Soldaten sind nicht nur im Rahmen von Auslandseinsätzen der Bundeswehr international tätig. Von der Öffentlichkeit viel weniger beachtet - aber deswegen nicht minder wichtig – ist die Beteiligung an Militärbeobachtermissionen der Vereinten Nationen (VN). Im VN-Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Hammelburg werden deutsche und ausländische Offiziere auf einen solchen Einsatz als unbewaffnete VN-Militärbeobachter vorbereitet. Bmvg.de hat sie während der Abschlussübung dieser Ausbildung einige Tage begleitet.

Zwei VN-Soldaten am Funkgerät

VN-Militärbeobachter – unbewaffneter Dienst in aller Welt (Quelle: Bundeswehr/Rott)Größere Abbildung anzeigen

Das Lager der SDF liegt gut versteckt im Wald. Die Stimmung der Soldaten ist ausgelassen, sie feiern. Die berühmte Schlacht um den Weißen Turm jährt sich heute zum 200. Mal. Auf Einladung von Oberst Reklem, einem regionalen Kommandeur der SDF, sind auch fünf Angehörige der VN-Militärbeobachtermission UNDOFOR im Lager. Die SDF will sie gerne primär als Gäste der Feier sehen, den VN-Leuten geht es vor allem darum, den Kontakt zur SDF zu halten.

Collage: Zwei Soldaten mit blauem Barett und Lautsprecher-Icon

Zwei Soldaten mit blauem Barett (Quelle: Bundeswehr/Rott)

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Ein Turm mit Symbolwirkung

In einer kleinen Holzhütte sitzt man zu Tisch. Gastgeber Reklem zeigt seinen Gästen, wer der Herr im Hause ist. Eine strenge Sitzordnung muss eingehalten werden, eine kleine Mahlzeit wird aufgetragen – zuerst bekommen Reklem und sein Gefolge, dann die Männer von den Vereinten Nationen das Essen. An den Plätzen der SDF-Leute liegen Zigarren bereit, für die VN-Soldaten nicht. An vielen Kleinigkeiten zeigt sich: Das Verhältnis zwischen der SDF und den VN-Beobachtern ist nicht das allerbeste.

Draußen vor der Tür feiern die Soldaten. Ein Offizier hält eine Rede. Es geht um den Weißen Turm, um die Schmach, ihn an die Nordstaatler verloren zu haben und darum, ihn wieder zurückzuerobern: „Ich trinke auf Euch und alle südrhönländischen Menschen. Ihr könnt sicher sein: Im nächsten Jahr werden wir diesen wunderschönen Tag am Weißen Turm feiern“, ruft der Offizier seinen Soldaten zu. Die Menge grölt.

Offizier hält vor den anderen VN-Soldaten eine Rede im Wald

Schwieriger Job: Auf Tuchfühlung mit Konflikparteien (Quelle: Bundeswehr/Rott)Größere Abbildung anzeigen

Trotz oder gerade wegen dieser Stimmung bei der SDF ist die Lage ernst. Seit der einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Nordens und der damit verbundenen Defacto-Spaltung des Landes gilt der Weiße Turm vielen Menschen im Süden als nationales Symbol, das sich nun auf dem Territorium der Abtrünnigen befindet.

Die SDF scheint fest entschlossen, den Weißen Turm notfalls auch mit Gewalt wieder in die Hand zu bekommen. Der erst vor wenigen Monaten mit der Waffenstillstandsvereinbarung von Berlin beruhigte Konflikt könnte dann wieder in blutige Gewalt umschlagen. Das zu verhindern und die Überwachung der Einhaltung des Berlin-Abkommens durch die beiden verfeindeten Konflikt-Parteien ist Hauptaufgabe der UNDOFOR-Mission.

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Wenn ein Stabsfeldwebel einen Oberst spielt

Das, was sich hier wie ein realer Konflikt in irgendeinem Krisengebiet der Welt anhört, ist Gott sei Dank nur eine Simulation. Die Auseinandersetzungen zwischen Nord- und Südrhönland sind Teil der Ausbildung zum VN-Militärbeobachter, die Offiziere der Bundeswehr, aber auch anderer Nationen, am VN-Ausbildungszentrum der Infanterieschule des Heeres in Hammelburg erhalten.

Major Thomas Burzer ist Hörsaalleiter im VN-Ausbildungszentrum und zeichnet für diesen Lehrgang verantwortlich: „Ziel soll es insgesamt sein, die grundlegenden Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse für das zukünftige Aufgabenspektrum eines Militärbeobachters zu vermitteln, um dann letzten Endes das zwischen den Konfliktparteien und den Vereinten Nationen vereinbarte Abkommen zu überwachen“, so der Major.

Soldat hockt mit seinem Gewehr in Gefechtstellung

Realitäten darstellen: Bundeswehrsoldat als Rollenspieler (Quelle: Bundeswehr/Rott)Größere Abbildung anzeigen

Seit 1999 gibt es das VN-Ausbildungszentrum der Bundeswehr. Zu seinen vielfältigen Aufgaben gehört auch die Durchführung dieses Militärbeobachterlehrganges. Er vermittelt international abgestimmte Ausbildungsinhalte und ist durch die Vereinten Nationen zertifiziert worden. Mit diesem Lehrgang werden sowohl deutsche als auch ausländische Offiziere umfassend auf einen Einsatz als unbewaffneter Militärbeobachter vorbereitet. Höhepunkt ist die mehrtägige Abschlussübung: Major Burzer: „Die Lehrgangsteilnehmer werden in ein Konfliktszenario gestellt, mit der Aufgabe, ein Friedensabkommen zu überwachen. Das Ganze wird interaktiv dargestellt.“ Je nachdem, wie die Lehrgangsteilnehmer mit den verschiedenen Kriegsparteien verhandeln, gestaltet sich der Fortgang der Übung.

Herausragendes Element der Ausbildung ist der Einsatz von militärischen und zivilen Rollenspielern: „Um ein realistisches Szenario darzustellen, haben wir gut 70 Rollenspieler eingesetzt. Zudem kommt noch das internationale Ausbildungspersonal dazu, was bei uns zwölf Mann beträgt aus 11 Nationen“, so Major Burzer. Einer dieser Rollenspieler ist Stabsfeldwebel Jens Stieg. Er spielt den Oberst Getsim, den Führer der nordrhönländischen Miliz-Verbände. „Meiner Meinung nach ist das bis jetzt die interessanteste Aufgabe, die ich je gemacht habe, weil: Man kann sich nur bedingt auf die Rolle vorbereiten, man weiß ja nie, wie der gegenüber reagiert“, sagt der Stabsfeldwebel.

Obwohl grundlegende Verhaltensweisen und die Rahmenhandlung in einem Konzept festgelegt sind, ist Improvisationsvermögen eine entscheidende Voraussetzung für ein gutes Rollenspiel. Hinzu kommt, dass alle Gespräche stets auf Englisch abgewickelt werden. Stabsfeldwebel Stieg: „Die Herausforderung war, die Englisch-Fähigkeiten soweit auszubilden.“ Er selbst sei noch in einem Ausbildungsgang „groß geworden“, in dem Englisch noch keine Rolle gespielt habe. Durch Englisch-Sprachlehrgänge der Bundeswehr habe er diese Hürde dann gemeistert.

Wichtig ist auch, dass die Rollenspieler sich nach jedem Übungstag wieder aus der Rolle herauszufinden. Bereitet das Probleme? „Nein, überhaupt nicht. Also wir haben auch mit den Rollenspielern jeden Abend Antreten im Feldanzug, nehmen sie wieder aus der Rolle und bringen sie am nächsten Morgen in die Rollen wieder rein. Und wenn ich abends hier wegfahre von der Übung, dann bin ich wieder der Stabsfeldwebel.“

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Küchenabfälle richtig deuten

Gefangene Soldaten knien vor einem gepanzertem Fahrzeug auf dem Boden und werden abgesichert

Hier „nur“ Teil der Übung: Soldaten nehmen Kriegsgefangene (Quelle: Bundeswehr/Rott)Größere Abbildung anzeigen

Die Abschlussübung der mehrwöchigen Militärbeobachterausbildung dauert sechs Tage. In dieser Zeit werden den Lehrgangsteilnehmern in sehr komprimierter Form Szenarien geboten, die die Entwicklung eines Konfliktes bis hin zur Eskalation mit militärischer Gewalt darstellen. Am Tag nach der 200-Jahr-Feier kommt es in der Übung tatsächlich zu Gefechten, bei denen auch Kriegsgefangene gemacht werden. Wieder einen Tag später besuchen die angehenden Militärbeobachter eines der Gefangenenlager.

Kurz nachdem die VN-Beobachter das nordrhönländische Lager erreicht haben, treffen weitere Kriegsgefangene ein, die sichtbar schlecht behandelt werden. Die Beobachter haben Listen dabei, auf denen die Namen der Kriegsgefangenen verzeichnet sind. Diese Listen sollen abgeglichen und ein Austausch der Gefangenen vorbereitet werden. Die Militärbeobachter wollen sich außerdem ein Bild von den Bedingungen machen, unter denen die Kriegsgefangenen leben. Auch Oberst Getsim ist vor Ort.

Einer der Gefangenen ist schwer verletzt. Er hat Wunden an Kopf und Gliedmaßen. Seine Verletzungen und die Spuren in dem Raum, in dem er liegt, weisen auf Folter hin. Das gilt es zu registrieren. Vor allem aber muss dem Mann, der in akuter Lebensgefahr schwebt, geholfen werden. Ein britischer VN-Offizier leistet unmittelbar Erste Hilfe. Gleichzeitig verhandelt er mit Getsim und seinen Leuten. Er will erreichen, dass der Verwundete an die Vereinten Nationen übergeben wird, damit ihm fachgerechte Hilfe zuteil werden kann. Schließlich hat er Erfolg. Der Verwundete wird an die Vereinten Nationen übergeben.

Soldat steht mit einer Liste vor den Gefangenen

Ein VN-Offizier gleicht eine Liste mit den Gefangenen ab (Quelle: Bundeswehr/Rott)Größere Abbildung anzeigen

Die Aufgabe der Militärbeobachter ist schwierig. Es gilt, auf viele Kleinigkeiten und scheinbar unbedeutende Hinweise zu achten. So geben beispielsweise Küchenabfälle und benutztes Geschirr Hinweise auf die Verpflegung der Gefangenen. Sind Abfälle und Geschirr nicht vorhanden, deutet das möglicherweise darauf hin, dass die Gefangenen keine Verpflegung erhalten.

Auf dem gerade laufenden Lehrgang sind insgesamt 18 Nationen vertreten. So nehmen neben deutschen Offizieren unter anderem Lehrgangsteilnehmer aus Armenien, Mazedonien, Namibia oder Serbien an der Ausbildung teil. Auch die Instruktoren kommen aus allen Teilen der Welt, so aus Südafrika, Chile, der Tschechischen Republik, Ungarn oder Indien.

Major Josef Frei ist Reservist der Schweizer Armee und einer dieser Ausbilder. Selbst war er schon mehrfach als Militärbeobachter eingesetzt, so auch zwei Jahre lang im Rahmen der Mission UNOMIG in Georgien. Frei ist begeistert von der Ausbildung bei der Bundeswehr, nennt sie „sehr professionell“. „Da konnte man wirklich mal eine Teambase durchspielen, wo die Militärbeobachter auch miteinander gelebt haben – zusammen geschlafen, zusammen gegessen, zusammen auf dem Feld. Da hat’s einen guten Teamgeist gegeben.

Soldat zerrt die Gefangenen vom Transporter

Gut geübt: Das brutal aussehende Abladen von Gefangenen (Quelle: Bundeswehr/Rott)Größere Abbildung anzeigen

Vor allem die realitätsnahe, praktische Ausbildung sorgt nach Meinung des Schweizer Offiziers für eine optimale Vorbereitung der Lehrgangsteilnehmer auf ihre zukünftigen Aufgaben: „Von Tag zu Tag hat man die Fortschritte gesehen. Da waren zunächst einzelne Puzzleteile und jetzt haben die begonnen, das ganze Bild zu sehen und die Einzelteile zu einem Ganzen zusammenzufügen.“ Frei ist überzeugt von der fundierten Ausbildung, sagt, er würde mit jedem Teilnehmer in den Einsatz gehen.


Besonders beeindruckt ist Frei von den Möglichkeiten, die die Bundeswehr hat: „Was ich unbedingt loben möchte, sind die Rollenspieler, die sie in der Bundeswehr zur Verfügung haben. Die sind sehr, sehr professionell, wachsen in diese Rollen rein. Wir in der Schweiz haben diese Möglichkeit nicht. Bei der Bundeswehr ist das wirklich eine Kompanie, die nur Rollenspieler sind und das kommt dem ganzen Kurs von der Qualität her sehr zugute.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: Burkhard Schmidtke


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