Ein Tag mit dem Sprecher ISAF in Kabul
Kabul (Afghanistan), 11.06.2010.
Seit wenigen Wochen ist ein deutscher Brigadegeneral der ISAF-Sprecher in Kabul: Brigadegeneral Josef Blotz. Bmvg.de hat den General einen Tag lang begleitet und ihm bei seiner Arbeit über die Schulter gesehen.

„Guten Morgen“ – „Ich grüße Sie, alles klar hier?“
Es ist Sonntag, der 6. Juni. Kurz vor 8 Uhr betritt Josef Blotz das Vorzimmer zu seinem Büro. In diesem Vorraum sitzen seine beiden Adjutanten – kurz „M.A.“, Military Assistents, wie es bei der NATO heißt. Blotz ist seit sechs Wochen der ISAF-Sprecher in Kabul. Am Wochenende beginnt die Arbeit für den General etwas später als in der Woche. Da ist er meist schon kurz vor 7 in seinem Büro.
Viele Termine
Doch auch an diesem Sonntag sind die Termine dicht gedrängt: Zunächst findet ein Gespräch mit Sprechern des afghanischen Präsidenten und einiger Ministerien statt. Danach wird Blotz Gast einer sogenannten „Graduation Ceremony“ sein, einer Abschlussparade von Lehrgangsabsolventen der afghanischen Nationalpolizei.
Der Nachmittag ist vor allem durch das sogenannte ‚ISAF Weekly Operations Update’ geprägt, eine Pressekonferenz, die Blotz leitet. Danach findet ein Gespräch mit dem Abteilungsleiter für strategische Kommunikation, einem amerikanischen Zwei-Sterne-Admiral statt. Und schließlich hat er für den Abend einen Termin bei ISAF-Kommandeur General Stanley A. McChrystal.
Beschwerliche Fahrt durch Kabul
Nach einer letzten Absprache mit seinen Mitarbeitern geht es auf zum ersten Termin. Obwohl das Government Media & Information Center – kurz GMIC –, das Medien- und Informationszentrum der afghanischen Regierung, nur etwa 500 Meter entfernt auf der anderen Straßenseite liegt, muss Blotz einen Hochsicherheitstransport der Feldjäger benutzen. Dieser besteht aus drei gepanzerten Geländewagen und einem Personenschutzkommando.

Man will das rückwärtige Tor benutzen. Doch schon an der Ausfahrt aus dem ISAF-Hauptquartier ergibt sich das erste Problem: Unweit der Ausfahrt hat sich außerhalb ein Unfall ereignet – die Straße ist gesperrt. Das bedeutet: Planänderung – der Konvoi fährt durch das Haupttor und muss einen Umweg nehmen.
Die Straßen sind auch hier voll. Die Feldjäger arbeiten hochkonzentriert. Der kleinste Fehler kann schwerwiegende Folgen haben. Und Straßenverkehr funktioniert in Kabul ganz anders, als in Deutschland. Immer wieder gerät die Fahrt ins Stocken, die einzige Verkehrsregel scheint das Recht des Stärkeren zu sein. Gefahren wird, wo Platz ist und die Vorfahrt erzwingt man sich im Zweifelsfall mit der Hupe.
Neben General Blotz sitzt auch Tony White in einem der Fahrzeuge. Er ist der Sprecher von Botschafter Mark Sedwill, dem höchsten zivilen Repräsentanten der NATO in Afghanistan. Bei GMIC sollen Vorabsprachen für die am Nachmittag geplante Pressekonferenz getroffen werden. Das Treffen dauert etwa eine dreiviertel Stunde. Mehr Zeit ist nicht, der nächste Termin drängt.
Doch zunächst geht es zurück zum ISAF-Hauptquartier. Tony White verlässt den Konvoi. Einer der beiden Adjutanten von General Blotz steigt zu. Zwischendurch verschwindet Blotz kurz in seinem Büro – E-Mails prüfen.
Beim Ausbildungszentrum der afghanischen Nationalpolizei
Dann geht es wieder durch die Straßen von Kabul. Nächstes Ziel ist ein Ausbildungszentrum der afghanischen Nationalpolizei. Hier soll Blotz als Vertreter des ISAF-Hauptquartiers an einer „Graduation Ceremony“ teilnehmen. Das ist eine Art Abschlussparade, bei der die Lehrgangsteilnehmer vereidigt werden und ihre Urkunden erhalten. Kurz vor 10 Uhr trifft der General in der Polizeikaserne ein. Die Zeremonie findet in Anwesenheit des stellvertretenden afghanischen Innenministers General Mangal statt.
„Wir sind hier im ‚Regional Training-Center’ für die afghanische ‚Civil Order Police’. Und die afghanischen Polizisten, die heute hier ihre Lehrgangsabschlussfeier haben und die ihre Urkunden bekommen, sind überwiegend von Italienern ausgebildet worden“
, erläutert uns Blotz kurz die Zeremonie. Die „Afghan Civil Order Police“ – so erfahren wir weiter – sei die wesentliche Polizei zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung im ganzen Land. „Und die machen einen ganz besonders guten Eindruck, und auf die ist besonders großer Verlass, mehr als auf andere afghanische Polizeiorganisationen“
, so der General.

Für die Gäste ist eine kleine überdachte Tribüne aufgebaut. Die Rekruten stehen auf einem Schotterplatz in der prallen Sonne. Die Zeremonie dauert fast anderthalb Stunden. Für den unkundigen Beobachter mag sie etwas seltsam wirken. Aber schnell wird deutlich, dass es für die Rekruten ein wirklicher Höhepunkt ist. Nach der Vereidigung müssen die Rekruten einzeln an der Tribüne antreten und erhalten dort ihre Zertifikate. Auch General Blotz überreicht einigen Polizeischülern ihre Urkunde.
„Ich denke, dass es auch wirklich wichtig ist, an Dinge zu appellieren, wie Freude an einer schönen Urkunde, Appell an die Ehre, Dank an die Ausbilder und immer wieder die Geschlossenheit auch aufzuzeigen, das ist sehr wichtig“
, erklärt Blotz.
Kurze Pause
An dem kleinen Empfang kann der General aus Zeitgründen nicht mehr teilnehmen. Die Fahrt zurück zum Hauptquartier dauert etwa 20 Minuten, inzwischen ist es schon Mittag. Wieder im Büro gibt es eine Planänderung: General McChrystal hat das für den Abend geplante Treffen abgesagt. Blotz telefoniert kurz, er hat wichtige Punkte für McChrystal. Dann gibt es einen neuen Termin: 17.30 Uhr.
Während des Essens findet General Blotz kurz Zeit, ein wenig über seine Aufgabe zu sprechen: „Der Sprecher der International Security Assistance Force, der Sprecher von ISAF, man könnte sagen, gleichzeitig auch der Sprecher des Commanders ISAF – also General McChrystal – ist die zentrale Ansprechstelle für alle Pressekontakte mit der afghanischen Presse, aber auch mit internationaler Presse“
, umreißt Blotz sein Tätigkeitsfeld. Entweder trete die Presse an seine Abteilung heran oder er gehe auf die Presse zu, „weil wir nicht immer nur reaktiv bleiben sollen.“
ISAF-Pressekonferenz
Nach dem Mittagessen fährt der General mit einem seiner Adjutanten erneut zum afghanischen Pressezentrum. Dort laufen die Vorbereitungen für die Pressekonferenz schon auf Hochtouren: „Die Pressekonferenz heute Nachmittag ist die erste in einer neuen Serie von ISAF-Pressekonferenzen, die wir jetzt jeden Sonntag machen“
, so General Blotz. „Das geht zurück auf eine Weisung von General McChrystal, dem vorschwebt, dass wir sehr viel intensiver und sehr viel häufiger auf die Presse zugehen. Und zwar nicht nur auf die afghanische Presse in Kabul, sondern auch auf die internationale Presse.“
Diese Pressekonferenzen sollen – vergleichbar der deutschen Bundespressekonferenz – als regelmäßige Einrichtung die nationale und internationale Presse in Kabul über ISAF und ihre Aktivitäten unterrichten. Pünktlich 13.30 Uhr beginnt die Konferenz. Der Raum ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Etwa 70 Journalisten sind gekommen – unter ihnen 15 Fernesehteams.
Obwohl es für sowohl für Blotz als auch für ISAF eine Premiere ist, leitet der General routiniert die Veranstaltung. Anschließend gibt er noch zwei Interviews für das Fernsehen. Es geht um die „Friedens-Djirga“, die eine Woche zuvor stattgefunden hat, um den Friedensprozess in Afghanistan, um Namenslisten von Terrorverdächtigen. Eigentlich wollte der Reporter nur „zwei, drei Fragen
“ stellen. Doch der General kommt bei dem jungen Mann gut an. Aus den drei Fragen werden sieben – Blotz beantwortet sie alle, routiniert und in fließendem Englisch.
Der Tag neigt sich dem Ende

Ein letztes Mal für diesen Tag fährt der Feldjäger-Konvoi mit dem General durch Kabul, wieder nur 500 Meter – ins ISAF-Hauptquartier. Die restlichen Termine des Tages finden im Hauptquartier statt: eine Telefonkonferenz und eine Besprechung mit anderen Presseverantwortlichen. Zwischendurch immer wieder der Gang an den Computer – E-Mails sind heute ein wichtiges Kommunikationsmittel.
Gegen 17.15 Uhr macht sich General Blotz auf den Weg zu seinem Vorgesetzten, General McChrystal. Vor dessen Büro muss Blotz warten – leichte Unruhe liegt in der Luft. Es wird 17.30 Uhr, der Termin scheint sich zu verzögern. Etwa zehn Minuten später kommt die Absage: „Es hat sich jetzt herausgestellt, dass General McChrystal den Termin nicht wahrnehmen kann, weil er wirklich in Beschlag genommen worden ist durch den völlig unerwarteten Rücktritt der beiden afghanischen Minster für Inneres und für den Geheimdienst. Das hat jetzt einfach Priorität. General McCrystal fährt in wenigen Minuten zu Präsident Karzai. Ich bekomme morgen einen neuen Termin,“
sagt Blotz. Jetzt habe er mehr Zeit für einige Büroarbeiten – Auch gut, scherzt er.
Die Amerikaner haben auf der Terrasse neben seinem Arbeitszimmer ein kleines Barbecue vorbereitet. Für eine halbe Stunde gesellt sich der General dazu, dann verschwindet er in seinem Büro. Es warten noch einige Vorgänge auf ihn, aber um 20 Uhr soll Schluss sein.
Eine letzte Frage noch: Macht Ihnen die Arbeit Spaß, auch wenn es manchmal etwas stressig ist und meist lange Arbeitstage mit sich bringt? „Ja, absolut. Es ist eine höchst interessante, abwechslungsreiche wichtige Aufgabe. Ich genieße das außerordentlich, weil ich auch unglaublich viele interessante Leute kennenlerne und Dinge sehe, die mir sonst wahrscheinlich verschlossen geblieben wären. Die ich aber auch unbedingt sehen muss, um meinen Auftrag als Pressesprecher richtig wahrnehmen zu können, denn ich muss schließlich wissen, wovon ich rede.“
