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„Lage in einigen Bereichen deutlich verbessert“ – General Frank Leidenberger im Gespräch

Mazar-e Sharif (Afghanistan), 21.06.2010.
Am 20. Juni hat Brigadegeneral Frank Leidenberger die Befehlsgewalt über das ISAF-Regionalkommando Nord in Mazar-e Sharif an seinen Nachfolger Generalmajor Hans-Werner Fritz übergeben. Damit geht für Leidenberger ein achtmonatiger Einsatz in dem Land am Hindukusch zu Ende. Kurz vor der Kommandoübergabe blickt er im Interview mit bmvg.de auf seinen Einsatz zurück.

Leidenberger vor einer Wandkarte
General Frank Leidenberger zieht Bilanz über seinen Einsatz (Quelle: Bundeswehr/Markus N.)Größere Abbildung anzeigen

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Herr General, für Sie geht nun dieser Einsatz zu Ende. Wenn Sie Ihre persönliche Bilanz ziehen, wie sieht die aus?

Die persönliche Bilanz ist grundsätzlich ausgesprochen positiv, trotz der bitteren Ereignisse im Zusammenhang mit insgesamt 13 gefallenen nationalen und internationalen Kameraden. Insgesamt haben wir die Lage hier in einigen Bereichen deutlich verbessern können. Das betrifft insbesondere die Sicherheit in der Provinz Baghlan, die südlich von Kunduz liegt. Wir haben zudem die Voraussetzungen geschaffen, dass wir mit den neuen amerikanischen Kräften und auch mit den strukturellen Veränderungen, die die Bundeswehr betreffen werden, so aufgestellt sind, dass wir in diesem Jahr wirklich zu einer Trendwende zum Besseren beitragen können.

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Einsatz in Afghanistan, das bedeutet Lebensgefahr für die Soldaten, die Sie führen. Wie gehen Sie als Vorgesetzter damit um?

Ja, das ist eine schwierige Aufgabe. Unsere Soldaten tragen natürlich grundsätzlich dieses Risiko, wenn sie sich hier im Land bewegen. Das ist räumlich jedoch sehr unterschiedlich. Wenn sie sich hier in Mazar-e Sharif bewegen, ist das Risiko eher gering. Dies ist in Kunduz jedoch völlig anders. Dort gibt es Räume, die von Insurgents (Aufständischen) gehalten werden. Sobald wir diese Gebiete befahren, kommt es unweigerlich zu Feuergefechten. Dort ist das Risiko für unsere Kameraden 100 Prozent. Daher müssen wir auf allen Ebenen immer eine Balance finden zwischen dem, was wir erreichen wollen und vielleicht auch können, und dem Risiko, das wir damit für unsere Soldaten erzeugen.

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Vom Dienstgrad her betrachtet, ist der Abstand zwischen einem Stabsunteroffizier, einem Stabsgefreiten oder einem Hauptgefreiten und einem Brigadegeneral relativ groß. Wie dicht sind sie tatsächlich an Ihren Soldaten dran und kennen Sie deren Sorgen und Nöte?

Ich glaube, dass ich nicht so dicht dran sein konnte, wie ich es ursprünglich beabsichtigt hatte. Es gibt hier mehr als 4.000 deutsche und mittlerweile auch 4.500 internationale Soldaten, die alle den gleichen Anspruch auf Führung durch ihren multinationalen Kommandeur haben. Ich denke aber dennoch, dass ich ziemlich genau und umfänglich weiß, wie es den Soldaten geht, weil man natürlich mit dem Einen oder Anderen spricht. Durch diverse Gesprächsrunden mit Kompaniechefs, Spießen, Vertrauenspersonen und vielen anderen konnte ich mir im Laufe der Zeit ein ganz gutes Gesamtbild verschaffen. Besonders dankbar bin ich für die vielen offenen Worte der Kameraden, die das Gespräch mit mir draußen während der Operationen gesucht haben.

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Gestatten Sie dazu eine Nachfrage: Wie beurteilen Sie die Stimmung bei den Soldaten?

Ich denke, dass die Stimmung insgesamt nicht schlecht ist. Auf jeden Fall ist sie nicht so schlecht, wie es teilweise kolportiert wird. Ich glaube, dass vor allem diejenigen, die draußen unterwegs sind – auch wenn sich das wie ein Widerspruch anhört – besser verstehen, worum es geht und jederzeit bereit sind, sich einzubringen. Die hohe Motivation, mit der sie die Sache angehen, imponiert mir sehr.

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Eine persönliche Frage: Hatten Sie ein besonders schönes Erlebnis, das Sie mit nach Hause nehmen und in Erinnerung behalten werden?

Ich habe mich vor einigen Tagen mit einem ehemaligen Führer der Aufständischen getroffen, der jetzt zur Regierungsseite wechseln will. Das ist vielleicht nicht das schönste, aber eines der wichtigsten Ereignisse, weil es doch belegt, dass unsere Strategie wirkt und wir das, was wir immer postulieren, tatsächlich auch schaffen können: Wir können sie überzeugen, dass sie nicht gewinnen werden und dass es ein besseres Leben für sie gibt, wenn sie nicht die Waffen in die Hand nehmen.

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Sie haben als Kommandeur jetzt Panzerhaubitzen im Arsenal. Welche Fähigkeitslücke schließen diese Panzerhaubitzen?

Die Panzerhaubitzen sind etwas besser als Mörser. Sie sind in der Wirkung schneller verfügbar und präziser, weil das Waffensystem hochmodern ist. Aber sie unterliegen natürlich den gleichen rechtlichen Einsatzrahmenbedingungen wie Mörser oder andere Wirkmittel. Grundsätzlich dürfen wir auf alles schießen was als Ziel, gemäß unserer „Rules of Engagement“ (deutsch: Einsatzregeln), autorisiert ist. Das heißt, der Einsatz dieser Waffen ist vorrangig auch davon abhängig, dass keine Kollateralschäden entstehen und vor allem keine zivilen Verluste verursacht werden.

Ein weiterer Vorteil der Panzerhaubitze besteht in der verfügbaren Munitionsvielfalt. Neben Explosivgeschossen können auch Nebel- und Leuchtmunition zur Anwendung kommen. Besonders viel – das sei hier noch ergänzt – erwarten wir uns von der Haubitze, wenn zukünftig gelenkte, hochpräzise Munition verwendet wird. Denn das, was wir hier brauchen, ist präzise Wirkung auf weite Entfernung.

Leidenberger und Fritz schütteln sich die Hand
Alter und neuer Kommandeur: Leidenberger (links) und Fritz (Quelle: Bundeswehr/Jaqueline F.)Größere Abbildung anzeigen

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Sie werden in den Medien derzeit mit einer Forderung nach dem direkten Einsatz von Tornados beziehungsweise deutschen Kampfflugzeugen zitiert. Können Sie uns dazu kurz etwas sagen?

Die Frage in dem betreffenden Interview war: Kann man die Tornados nicht auch im Rahmen von „Close Air Support“ (dt.: Luftnahunterstützung), kurz "CAS", einsetzen. Und die Antwort lautet: Na klar kann man das. Das deutsche Mandat erlaubt es allerdings nicht. Dieses Mandat wurde zu einem Zeitpunkt geschrieben, als es die Forderung nach "CAS" durch deutsche Kampflugzeuge nicht gab. In der Konsequenz heißt das: Jetzt wird diese Fähigkeit durch die Amerikaner zur Verfügung gestellt. Das ist auch durch das ISAF-Mandat gedeckt, welches wiederum auf einer UN-Resolution basiert. Daher nutzen wir die Unterstützung der Amerikaner. Das ist eine selbst auferlegte Einschränkung, die man auch aufheben kann, wenn man will.

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Wäre es aus Sicht des Kommandeurs wünschenswert, diese Einschränkung aufzuheben?

Ja, ich habe das in dem anderen Interview gesagt: Natürlich halte ich es aus rein militärischer Sicht für ausgesprochen zweckmäßig, wenn deutsche Soldaten, die am Boden kämpfen von deutschen Flugzeugen mit deutschen Piloten unterstützt werden könnten. Dann hätte man das, was wir als Wirkungskette bezeichnen –von der Aufklärung bis zur Wirkung – auch national in der Hand. Die praktische Umsetzung ist dabei vergleichweise einfach. Grundsätzlich bedeutet das jedoch nicht, dass war taktisch damit mehr Freiräume hätten. Wir wären ja auch dann an die gleichen Auflagen gebunden.

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Können Sie uns weitere Fähigkeitslücken nennen, die es zu schließen gilt oder die Sie gerne geschlossen sähen?

Dieses Thema ist schon weitgehend diskutiert worden: Es geht um leistungsstarke Hubschrauber – Transport-, Casevac- (Casualty Evacuation), Medevac- (Medical Evacuation) und Kampfhubschrauber. Die bringen nun die Amerikaner nach Nordafghanistan; insofern wird diese Fähigkeitslücke bald geschlossen. Es geht zudem um Aufklärungsmittel: Da ist uns mit dem HERON ein großer Schritt nach vorne gelungen. Und es besteht weiterhin der Bedarf an Führungsinformationssystemen, die hier in diesem großen Land auch durchgängig funktionieren sollten. Daran wird aber gearbeitet.

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Es kursieren Berichte in der deutschen Presse, dass sich bei den Aufständischen etwas tut, dass sie sich organisierter verhalten, dass sie militärischer operieren, dass es Kämpfer aus anderen Ländern gibt. Mit wem haben es unsere Soldaten eigentlich jetzt konkret zu tun?

Der Aufstand – die Insurgency – befindet sich überwiegend in den von den Paschtunen bewohnten Gebieten. Das trifft für den sogenannten Kunduz-Baghlan-Korridor oder für die Provinz Faryab zu. Des Weiteren ist der Aufstand im Distrikt Ghormach – das ist ganz im Westen, wo die Norweger eingesetzt sind – und in ein paar einzelnen Inseln westlich von Mazar-e Sharif präsent. Dieser Aufstand wird aus Pakistan heraus von ideologisch-religiös motivierten Fanatikern geführt, die hier ihre Leute herschicken. Diese werden von internationalen Söldnern unterstützt. Das sind in der Regel internationale Terroristen, die teilweise schon an Gefechten in anderen Konflikgebieten in Zentralasien teilgenommen haben. Die kommen nun hierher, um vor Ort den Kampf gegen den Westen zu führen.

Natürlich wissen auch die Aufständischen, dass das Jahr 2010 sehr wichtig ist. Die internationale Gemeinschaft hat verkündet, dass wir dieses Jahr die Wende zum Besseren schaffen wollen. Unser Gegner hat sich vorgenommen, das nicht zuzulassen. Daher ergibt sich diese Handlungsdynamik. Und daraus ergibt sich auch, dass dieses Jahr eine relativ große Steigerung der Gewalttätigkeit gesehen hat und noch sehen wird.

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Zentraler Bestandteil der neuen Afghanistanstrategie ist das Partnering. Wie ist da der Stand?

Wir sind beim Partnering auf einem guten Weg, auch wenn wir noch lange nicht da sind, wo wir eigentlich hin müssen. Das betrifft sowohl die OMLTs als auch die neu aufzustellenden Ausbildungs- und Schutzbataillone, deren Kernaufgabe ja sein wird, zusammen mit den Afghanen Operationen zu planen, sie dafür auszubilden und die dann gemeinsam durchzuführen. Deswegen findet Partnering nicht nur auf der Truppenebene, bei den Bataillonen statt, sondern beginnt bereits auf meiner Ebene, mit meinen afghanischen Counterparts.

Der Grundgedanke des Partnering bleibt aber, die Afghanen auszubilden und selber zu befähigen, in der Zukunft eigenständig zu agieren. Partnering darf also auch nicht soweit gehen, dass man ihnen die Butter vom Brot nimmt. Man muss sie „enabeln“, zu Deutsch – befähigen. Das ist unsere Zielsetzung.

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Wir haben jetzt vor allem die militärische Seite beleuchtet. Wie sieht es mit dem zivilen Aufbau aus? Findet er statt und wenn ja, trotz oder wegen der Bundeswehr?

Ziviler Aufbau findet sehr umfänglich statt. Wir haben jetzt die verfügbaren Mittel der Bundesrepublik Deutschland von 240 auf 430 Millionen Euro fast verdoppelt. Es dauert natürlich seine Zeit, bis sich das auswirkt, aber gerade die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ist wirklich nachhaltig.

Darüber hinaus geben auch andere Nationen sehr viel Geld aus, um die zivile Entwicklung voranzubringen. Ein Kernproblem ist dabei die mangelnde Beschäftigung: 80 Prozent Arbeitslosigkeit sorgen dafür, dass die Leute auf dumme Gedanken kommen. Wir sind uns einig mit der zivilen Entwicklungsgemeinde, dass Entwicklung allein nicht zu Sicherheit führt. Entwicklung wird es nur auf der Grundlage von Sicherheit und damit auf der Grundlage der Zusammenarbeit zwischen zivilen und militärischen Akteuren geben.

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In der deutschen Öffentlichkeit wird – zumindest in Teilen – spekuliert, dass sich die Amerikaner nicht ganz einem deutschen General unterordnen könnten. Wie sehen Sie das Verhältnis zu den amerikanischen Streitkräften in ihrem Verantwortungsbereich?

Die Amerikaner machen das, was ich von ihnen verlange. Die haben den gleichen Auftrag wie die gesamte internationale Truppengemeinschaft in Nordafghanistan. Sie wollen hier nichts übernehmen und schon gar nicht die anderen arbeitslos machen. Die Amerikaner sind extrem hilfreich und ohne sie – das muss man auch mal so deutlich sagen – würde die Situation hier im Norden noch komplizierter sein. Die amerikanischen Kameraden sind an vielen Orten im Norden und im Sinne des gemeinsamen Auftrags präsent. Ich persönlich bin absolut zufrieden, um nicht zu sagen glücklich, dass wir gemeinsam nach vorne kommen wollen. Ohne die Amerikaner wären unsere Soldaten wesentlich gefährdeter und deutlich höherem Druck ausgesetzt.

Leidenberger sitzt mit zwei Redakteuren an einem Tisch
Gespräch mit bmvg.de im Hauptquartier des RC North (Quelle: Bundeswehr/Markus N.)Größere Abbildung anzeigen

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Tun die Amerikaner das, was ein deutscher General sagt?

Auf meiner Führungsebene ist das völlig unkritisch. Sie haben den gleichen Auftrag. Sie sind mir hundertprozentig unterstellt. Es ist nicht so, dass sie tun und lassen können, was sie wollen. Daran haben die Amerikaner selbst kein Interesse. Tatsächlich stellt sich unsere Zusammenarbeit sogar sehr freundschaftlich dar.

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In der Öffentlichkeit blicken viele nach Kunduz. Wie sieht es in den anderen PRTs (Provincial Reconstruction Team; deutsch: Regionales Wiederaufbauteam) im deutschen Verantwortungsbereich aus?

Bei dem deutschen PRT in Feyzabad ist die Lage insgesamt etwas ruhiger, auch wenn sie nicht friedlich ist. Dort liegen die Probleme vielleicht weniger im Bereich des Aufstandes, als mehr im Bereich der organisierten Kriminalität, die sich mit dem Aufstand vermischt. Im Westen haben die Norweger große Probleme im paschtunischen Siedlungsgürtel. Dort kommt es, ähnlich wie in Kunduz, nahzu täglich zu schweren Gefechten mit Aufständischen. Wir haben auch in dem Bereich, wo das schwedische PRT ist, in der Provinz Balkh 40 bis 50 Kilometer westlich von Mazar-e Sharif einen Abschnitt, wo die Lage schwierig aber kontrollierbar ist. Und wir haben das ungarische PRT in Pol-e Khumri, das relativ klein ist und vorrangig die zivil-militärische Zusammenarbeit unterstützt. Auch dort gab es Spannungen, die wir inzwischen mit Hilfe der deutschen QRF, der Schweden und der Amerikaner sowie insbesondere natürlich der afghanischen Sicherheitskräfte im Griff haben. Leider liegt der Fokus der deutschen Öffentlichkeit nahezu ausschließlich auf dem PRT Kunduz, obwohl die Sicherheitslage stets im räumlichen Gesamtzusammenhang zu sehen ist.

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Die Bundeswehr in Afghanistan – ist das Glas halb voll oder halb leer?

Das Glas ist halb voll und es tropfen ständig neue Tropfen hinein, die es immer voller machen. Man muss sich aber endlich bemühen, die Flasche ein bisschen energischer anzusetzen, damit das Glas schnell voll wird, dann können wir hier auch gewinnen.

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Stand vom: 14.08.12 | Autor: Burkhard Schmidtke/Jan Rippl


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