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„Ziel ist es, die Gewalt einzudämmen“ - Der Leiter des COIN-Training-Centers in Kabul im Gespräch

Kabul (Afghanistan), 16.06.2010.
„Counterinsurgency“ - kurz COIN - steht für die gemeinsame Strategie von afghanischer Regierung, ISAF und internationalen Organistationen, die afghanische Bevölkerung in allen Bereichen im Kampf gegen die Aufständischen zu unterstützen. Der US-Oberst John Agoglia ist Leiter des COIN-Training-Centers in Kabul. Im Interview mit bmvg.de erläutert er, die Arbeit seiner Einrichtung.

Ausbilder des Training Centers bei einem Vortrag
Unterricht im COIN-Training Center in Kabul (Quelle: COIN-TC Kabul)Größere Abbildung anzeigen

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Herr Oberst, welchen Auftrag hat das Training-Center?

Unser Auftrag ist die Schulung von Personen, die an der Umsetzung der nationalen Entwicklungsstrategie für Afghanistan (Afghan National Development Strategy) beteiligt sind. Das sind Angehörige der afghanischen Regierung, der afghanischen Sicherheitskräfte, der ISAF und von internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen oder dem Internationalen Roten Kreuz beziehungsweise Halbmond.

Darüber hinaus nehmen auch Mitarbeiter anderer Nichtregierungsorganisationen an unseren Schulungen teil. Der Teilnehmerkreis erstreckt sich dabei auch auf Vertragspartner der ISAF und der afghanischen Regierung sowie von Nichtregierungsorganisationen.

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Wie sehen die Schulungen bei Ihnen aus? Welche Kurse bieten Sie an?

Einmal im Monat bieten wir den COIN-Führungskräftekurs (COIN Leaders Course) an, der fünf Tage dauert. In diesem Kurs sprechen wir über die Grundlagen der Counterinsurgency, die Einsatzbedingungen hier in Afghanistan, den Schutz der Bevölkerung und Möglichkeiten, wie die Aufständischen von der Bevölkerung getrennt werden können.

Das Grundlagenprogramm dieses Kurses dauert zwei Tage. Danach tragen externe Dozenten vor und es wird mit praktischen Anteilen in Gruppen gearbeitet. Dazu gehören interaktive Übungen, die zeigen sollen, wie sich die Situation in Afghanistan entwickelt. Diese Unterrichtstechnik wenden wir auch im Feld an – bei den Soldaten und Polizisten, die nicht lesen und schreiben können. Sie können so aktiv am Unterricht teilnehmen. Außerdem zeigen wir ihnen, wie eine „Schura“ (deutsch „Beratung“, eine Versammlung nach islamischem Brauch) durchgeführt wird.

Auf den Führungskräftekurs folgt eine Schulung, die sich mit den Rahmenbedingungen einer stabilen Entwicklung beschäftigt (Stability Framework Course). Der Kurs richtet sich an erfahrene Teilnehmer. Hier versuchen wir, die Ursachen für Instabilität in bestimmten Regionen zu identifizieren, um danach auf die Situation angepasste Lösungsansätze zu entwickeln, die von den Sicherheitskräften vor Ort angewendet werden können. Ziel ist es, die Gewalt einzudämmen und stabile gesellschaftliche Strukturen unter Einbeziehung der Stammesältesten, der afghanischen Regierungsorgane und den ISAF, jedoch ohne die Aufständischen zu schaffen.

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Was machen Sie in der übrigen Zeit des Monats?

Wir geben mit mobilen Teams Kurse im ganzen Land. Deshalb war es auch so wichtig, dass uns deutsche Offiziere begleiten*, die zum Beispiel für unsere Einsätze im Regionalkommando Nord das Unterrichtsmaterial übersetzt haben. Wir nehmen auch unsere afghanischen Übersetzer mit ins Feld und sind dadurch in der Lage, simultan aus dem Englischen, Französischen oder Deutschen in Dari oder Paschtu zu dolmetschen, um auch die afghanischen Sicherheitskräfte zu trainieren.

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Wie können wir uns die Kurse außerhalb des Trainingszentrums vorstellen?

Drei Soldaten stehen vor einer Gruppe afghanischer Kinder
Gemeinsame COIN-Operation in Kandahar (Quelle: U.S. Air Force/Holston)Größere Abbildung anzeigen

Das Training draußen dauert zwei oder drei Tage. Ich erkläre es Ihnen anhand eines Beispiels: Ein Soldat oder Polizist Ihres „Operational Mentoring and Liaison-Team“ (deutsch: Operatives Mentoring- und Verbindungsteam, kurz OMLT) besucht hier bei uns in Kabul den Führungskräftekurs. Zusammen mit einem unserer mobilen Trainingsteams kehrt der Kursteilnehmer dann zurück zu seinem OMLT oder POMLT (Police Operational Mentoring and Liaison-Team). Unser Team und der Kursteilnehmer arbeiten dann zusammen mit den afghanischen Sicherheitskräften und den ISAF-Soldaten und unterrichten sie in den COIN-Grundlagen – das ist unser Ansatz.

Wenn kein Angehöriger eines OMLT an unserem Führungskräftekurs teilnehmen kann, schicken wir unser mobiles Team zu den Soldaten vor Ort, lassen ihnen nach unserer Schulung ein wenig Zeit, um das Gelernte anzuwenden und besuchen sie später noch einmal. Wir schauen dann, ob es Verbesserungsmöglichkeiten gibt – für das OMLT oder für uns. Die Erlebnisse und Erfahrungen unserer mobilen Teams fließen dann wieder in den Führungskräftekurs ein.

Des Weiteren ist ein Trainingsprogramm für die unterschiedlichen Stäbe in Afghanistan in Planung. In einem Rotationsverfahren sollen die Stäbe ihre Mitarbeiter für zweieinhalb Tage zu uns schicken können. Das ist eine Gelegenheit, unsere Reichweite zu erhöhen und alle beteiligten Nationen zu erreichen. Ich wurde kürzlich nach einer Statistik gefragt, welche Nationen wir bisher erreicht hätten. Von den am Einsatz in Afghanistan beteiligten 44 Nationen hatten wir bisher Teilnehmer aus 37 Ländern bei uns.

Wir versuchen viermal pro Jahr eine Ausbilder-Konferenz zu veranstalten, an der Dozenten und Ausbilder der Truppensteller für Afghanistan teilnehmen. Sie hören Vorträge von Führungspersönlichkeiten der ISAF und des IJC (ISAF Joint Command) zu den Herausforderungen und Entwicklungen in Afghanistan. Zu den Rednern gehören zum Beispiel auch der afghanische Innenminister, der Verteidigungsminister, Polizeichefs, die militärische Führung und afghanische Bürger. In diesen Veranstaltungen erklären unsere Vortragsgäste, wo unser Training verbesserungsfähig ist, und wir diskutieren dann diese Aspekte. Vor der Heimreise bekommen die Konferenzteilnehmer von uns Material, das bei den Übungen an den Heimatstandorten benutzt werden kann.

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Wo sehen Sie in Ihrem Aufgabenbereich die größten Probleme?

Problematisch ist der Mangel an Standardisierung in der einsatzvorbereitenden Ausbildung. Wenn hinsichtlich der in den truppenstellenden Staaten vermittelten Inhalte Einheitlichkeit bestünde, könnten Themenbereiche unseres Einführungskurses und des COIN-Führungskräftekurses übersprungen werden. So könnte unsere Schulung hier vor Ort auf einem höheren Niveau ansetzen. Die Ausbildung würde sich dann früher auf regionale Besonderheiten der jeweiligen Einheit fokussieren. Ein weiteres Problem ist das Bereitstellen von qualifizierten Ausbildern und Dozenten. Hier hatten wir in den letzten Monaten einige Schwierigkeiten.

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Sind Ihre Schulungen ausgelastet?

Bei den mobilen Kursen machen wir so viel, wie möglich ist. Im letzten Monat hatten wir pro Woche mindestens zwei Kurse, was ungewöhnlich ist. Der Großteil unserer Ausbilder war im Rahmen unserer mobilen Kurse draußen im Feld. In den letzten Monaten hatten wir keine freien Kapazitäten. Gegenüber den ersten fünf Monaten des letzten Jahres haben wir im selben Zeitraum dieses Jahres doppelt so viele Personen unterrichtet.

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Welche Staaten stellen – abgesehen von den Vereinigten Staaten – die Ausbilder?

Britische und ANA-Soldaten sitzen mit Zivilisten zusammen
Britischer COIN-Ausbilder beim Training einer Schura (Quelle: U.S. Army/Chlosta)Größere Abbildung anzeigen

Wir haben hier fünf Australier, zwei Italiener, einen Franzosen, zwei Briten und neun afghanische Ausbilder. Vielleicht kommen jetzt noch zwei Jordanier dazu.

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Manche Nichtregierungsorganisationen haben Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit dem Militär. Wie sind hier Ihre Erfahrungen?

Das kommt auf die Organisation und ihren Schwerpunkt an. Im Rahmen von Entwicklungsprojekten, haben sie weniger Probleme mit der Zusammenarbeit. Vorbehalte haben sie, wenn es um humanitäre Hilfe geht. Sie sind um ihre Neutralität und Unparteilichkeit besorgt, obwohl sie letzten Endes auch die nationale Entwicklungsstrategie für Afghanistan unterstützen. Als Aufständischer, sehe ich doch zunächst nur diejenigen, die das System unterstützen, das ich bekämpfe. Für manche Organisationen ist diese Sichtweise schwer nachzuvollziehen. Aber auch hier tut sich etwas.

Andererseits müssen wir Militärs die Besorgnisse der Organisationen nachvollziehen, wenn ihr Personal mit dem Militär in Verbindung gebracht wird. Hinsichtlich des gegenseitigen Verständnisses haben wohl beide Seiten noch Nachholbedarf.

* Anfang des Jahres waren auch zwei deutsche Offiziere vorübergehend am COIN-Trainig-Center tätig. Derzeit sind dort allerdings keine deutschen Soldaten eingesetzt.

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Stand vom: 14.08.12 | Autor: Burkhard Schmidtke


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