Y-Interview: Der kanadische Generalstabschef besucht Deutschland
Berlin, 12.05.2010, Y-Magazin.
Der kanadische Vier-Sterne-General Walter Natynczyk besuchte Anfang Mai Deutschland und führte Gespräche mit dem Generalinspekteur, General Volker Wieker, im Verteidigungsministerium. Dort legte General Natynczyk am Ehrenmal der Bundeswehr einen Kranz nieder. Im Interview mit dem Y-Magazin der Bundeswehr beantwortete Natynczyk Fragen zum Einsatz in Afghanistan, der kanadischen Trauerkultur und zur deutsch-kanadischen Zusammenarbeit.

Wie sehen die Beziehungen zwischen der deutschen und der kanadischen Armee aus, Herr General?
Sie sind außerordentlich freundschaftlich, wie schon seit Jahrzehnten. Der Grund meines Besuches in Berlin ist ja auch das Treffen mit dem neuen deutschen Generalinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker. In dem Gespräch ging es um den Austausch von gemeinsamen Zielen und den Wegen zur Erreichung der Ziele.
Ich habe General Wieker erst eine Woche zuvor in Brüssel bei einer NATO-Tagung getroffen. Dies war schon zuvor eine sehr gute Gelegenheit für ein vertrauliches Vier-Augengespräch, wo wir unsere Erfahrungen über verschiedene Angelegenheiten ausgetauscht haben.
Dazu gehören unsere Erkenntnisse über militärische Ausrüstung, Vorgehensweisen und bestimmte Taktiken. Darüber hinaus begrüße ich es ausdrücklich, dass wir die deutschen Leopard-2 Panzer nutzen dürfen. Und nicht nur das. Wir dürfen ja auch, in einem Rotationsprinzip, unsere kanadischen Soldaten bei der Bundeswehr in Munster an dem Leopard-2 Panzer ausbilden und trainieren lassen. Dieses Bundeswehr-Training ist wirklich absolut hervorragend. Dazu möchte ich anmerken, dass für mich der Leopard-2 Panzer der beste Panzer der Welt ist. Besonders weil er einen sehr guten Minenschutz besitzt. Dieser Ausrüstungsgegenstand ist enorm wichtig für unsere Soldaten im südlichen Afghanistan-Einsatz. Dafür möchte ich jetzt an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, um der Bundeswehr ganz ausdrücklich zu sagen: Danke für diese Unterstützung.
Die deutsch-kanadische Zusammenarbeit beschränkt sich aber nicht nur auf Afghanistan, sondern auch auf die Zusammenarbeit unserer Marinen. Ich war letztes Jahr auf einem unserer Versorgungsschiffe bei der NATO-Task Force im Mittelmeer und es war faszinierend für mich, dort auf der Brücke zu stehen und den Salut der amerikanischen, spanischen und deutschen Schiffe entgegenzunehmen, die Teil dieser multinationalen Task-Force sind.

Welche Perspektive hat der Einsatz kanadischer Soldaten bei ISAF?
Die kanadischen Streitkräfte im Süden Afghanistans im Distrikt Kandahar sind dort aufgrund eines offiziellen Ersuchens des UN-Sicherheitsrates, als Beitrag einer militärischen NATO-Anfrage und als Beitrag nach einer Anfrage der afghanischen Regierung.
Wir sind mit rund 2.850 Männern und Frauen in dieser sehr herausfordernden afghanischen Provinz stationiert. Im Moment setzen wir die Implementierung der neuen NATO-Strategie um: Wir schützen die Afghanen, wo sie leben. Durch diese Gewährleistung von Sicherheit für die afghanische Bevölkerung werden die Wiederaufbauprojekte in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Landwirtschaft angeschoben, damit die Afghanen wieder Hoffnung in die Zukunft bekommen. So sollte eine „winning campaign“ aussehen.
Was sind die militärischen Herausforderungen?
Es liegt in der Natur der Aufständischen, dass sie unter anderem die IEDs als gefährliche Waffe gegen uns einsetzen, sodass unsere Soldaten daran gehindert werden sollen, die afghanische Bevölkerung in ihren Dörfern zu beschützen. Wir tun aber alles, was in unserer Macht steht, unsere Soldaten so auszurüsten, dass die militärischen Operationen ein Erfolg werden, um die Sicherheit in der Provinz Kandahar zu gewährleisten.
Gleichzeitig versuchen wir alles, um die Risiken für unsere Soldaten zu minimieren. Das Problem ist nur, wir sind nicht perfekt. Wir können keine 100-prozentige Sicherheit garantieren. Wir haben aber herausgefunden, dass wir besser sind als gedacht. Aber es gibt immer noch Mittel und Wege wie wir uns noch verbessern können.
Wie gehen die Armee und die Bevölkerung mit dem Tod kanadischer Soldaten um?

Als Allererstes trauern wir um jeden Gefallenen, ob Soldat des Heeres, der Marine oder der Luftwaffe. Ob im Einsatz gefallen oder nicht. Ob Frau oder Mann. Oberste Priorität hat die Haltung gegenüber den gefallenen Kameraden mit höchstem Respekt und der gebührenden Ehre.
Ein Weg das zu tun, ist sicherzustellen, dass den Familien der größte Respekt entgegengebracht wird, den sie verdienen. Und zwar nicht nur am Tag der Beerdigung, sondern auch in der Zukunft. Wir geben den Eltern, den Witwen, den Kindern jegliche Unterstützung, die sie benötigen. Ich bin sehr stolz auf die Kanadier, weil sie alle von Küste zu Küste dies auch den Familien der Hinterbliebenen zeigen.
Das Gespräch führte Y-Redakteur Björn Jüttner.
