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Die Bedrohung ist gestiegen

Dr. Kai Hirschmann sitzt am SchreibtischGrößere Abbildung anzeigen

Die Ausbildungsaktivität der Taliban hat zugenommen (Quelle Albrecht Müller)

Bonn, 30.06.2008.
Der Weg aller islamistischen Terroristen, mit denen wir es bisher in Deutschland zu tun hatten, habe immer über Afghanistan geführt und hatte mit den Taliban zu tun, so Dr. Kai Hirschmann, stellvertretender Direktor des Institutes für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen und Experte für den islamistischen Dschihad-Terrorismus. „Deutschland und der Hindukusch sind also enger miteinander verbunden als manche glauben wollen“, sagte er Albrecht Müller im Interview.

Wie beurteilen Sie die Situation der dschihadistischen Terrorszene? Welche Gefahr geht von ihr für die westliche Welt aus?

Man muss grundsätzlich zwei Dinge unterscheiden: Das, was wir als Al Qaida kennen, ist mittlerweile zerschlagen worden. Die Organisation ist aber nicht deckungsgleich mit der religiös-politischen Ideologie. Die Idee des Dschihad existiert bereits seit den 1950er Jahren. Al Qaida war eine Art Dienstleistungsorganisation, ohne hierarchische Strukturen mit festen Mitgliedschaften. Kämpfer brauchen Waffen, eine Ausbildung und Logistik. Das alles hat Al Qaida zur Verfügung gestellt als eine unter vielen Organisationen.

Osama bin Laden oder auch Aiman al-Sawahiri waren nur in einem ganz engen Zeitfenster in der Lage, selber Operationen zu koordinieren. Sie wollen Extremisten anregen und sie in die Lage versetzen, dass sie ihre Ideen praktisch ausführen können. Die Gefahr des Dschihad ist völlig unabhängig von dem Organisationszustand von Al Qaida. Die Bedrohung ist in den letzten Jahren gestiegen.

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Ist bin Laden ein Idol der dschihadistischen Szene?

Kaum einer der heutigen Dschihadis kennt bin Laden noch persönlich. Soweit wir wissen, lebt er spätestens seit 2001 in einer Höhle. Viele kennen ihn nur noch aus den Medien. Sie sind weder in Afghanistan ausgebildet worden, noch haben sie irgendeine Beziehung zu bin Laden oder Al Qaida – wohl aber zur Ideologie.

Die erste Generation der Extremisten – die Afghanistan-Veteranen in den 1980er Jahren – hat bin Laden noch persönlich kennengelernt. Die zweite waren diejenigen, die in den 1990er Jahren in den Trainingslagern in Afghanistan ausgebildet wurden. Die haben ihn nur noch teilweise hautnah erlebt. Bei der dritten Generation nunmehr ist das gar nicht mehr der Fall. Bin Laden hat sich zu einer Art Idol des Dschihad gewandelt. Er hat für seine Anhänger keine operative, sondern eine spirituelle Bedeutung, die sogar noch steigen würde, wenn er getötet würde.

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Dr. Kai Hirschmann

Das Internet bietet eine Medienplattform für Al Qaida (Quelle: Albrecht Müller)Größere Abbildung anzeigen

Wenn bin Laden eine spirituelle Bedeutung hat, sollten Sender wie Al-Dschasira nicht lieber auf eine Ausstrahlung seiner Botschaften verzichten?

Man sollte in der Tat verhindern, dass er mit seinen Botschaften in der Öffentlichkeit auftreten kann. Das gilt für sämtliche Hassprediger. Al-Dschasira schickt diese Botschaften jedoch nicht einfach so über den Sender. Sie werden auf ihren absoluten Nachrichtenwert hin stark gekürzt. Al Qaida hat eben wegen dieser Beschneidung ihrer Botschaften die Strategie geändert. Seit rund zwei Jahren finden sich die neusten Botschaften im Internet auf der eigenen Medienplattform der Organisation.

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Sie vertreten die These, dass das Phänomen des Staatenzerfalls im Zusammenhang mit dem dschihadistischen Terror ein weltweites Problem ist. Wieso?

Bestimmte Regionen eines Staates haben sich der Kontrolle ihrer Zentralregierung entzogen und bieten somit oftmals eine Basis für Ausbildungscamps. Das gilt von jeher ganz besonders für Pakistan, wo dieses Problem quasi pathologisch ist.

Die Bergregion des Hindukusch ist nicht nur topographisch, sondern auch von der ethnischen Zusammensetzung, der Kultur und der Sprache etwas völlig anderes als die Indus-Ebene. Auch ist ihre Religionsauffassung wesentlich rückwärtsgewandter und die Militanz ist höher. Das sind also Gegenden, in denen der Dschihad seit den 1980er Jahren sehr gut Fuß fassen konnte. Manche Machthaber haben sogar bewusst die Nähe zu diesen Bergvölkern gesucht.

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Hat die Ausbildungstätigkeit wieder zugenommen oder ist sie eher zurückgegangen?

Sie hat zugenommen und sich verändert. Bis zum Jahr 2001 war Pakistan noch eine reine Durchgangsstation zu den Trainingslagern entlang der Grenze in Afghanistan. Diese wurden aber alle durch den Krieg zerstört. Menschen lassen sich jedoch nicht alleine durch Internetpropaganda steuern, denn jeder versteht einen Beitrag anders oder betrachtet ihn aus einem anderen Blickwinkel. Die Ideologie franst also aus.

Bereits 2003/2004 hat man deshalb gemerkt, dass zwar die Basisradikalisierung mit Propaganda übers Internet funktioniert. Es ist jedoch weiterhin unverzichtbar, die Leute zusammenzubringen und ihnen zumindest eine Minimalausbildung mit Waffen und Sprengstoff zu geben. In Afghanistan geht das nicht mehr, aber in der pakistanischen Grenzregion schon. Dort hat die pakistanische Regierung seit rund 30 Jahren keine Kontrolle mehr.

Damit man jedoch keine offensichtlichen Ziele bietet, hat man mobile Lager aufgebaut. Die Gruppen fahren mit Pick-ups und Zelten durchs Gebirge und bleiben immer nur für ein paar Tage am gleichen Ort. Diese Tätigkeit hat eindeutig zugenommen.

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Was wäre, wenn der Westen sich völlig aus der arabisch-islamischen Welt zurückziehen würde?

Dann ändert sich überhaupt nichts. Das ist ein Irrglaube, den manche Politiker der deutschen Öffentlichkeit einreden wollen, und ich habe noch nie einen größeren Blödsinn gehört. Die dschihadistische Ideologie wäre schließlich nicht verschwunden. Es geht diesen Leuten ja nicht nur um den militärischen, sondern auch den wirtschaftlichen, politischen und vor allem um den kulturellen Einfluss des Westens.

Ein Truppenabzug bringt überhaupt nichts. Wir haben die Probleme dort nicht geschaffen, die Taliban sind kein Ergebnis der Bundeswehr-Engagements. Das Engagement der Bundeswehr ist wichtig: Der Weg aller islamistischen Terroristen, mit denen wir es bisher in Deutschland zu tun hatten, führte immer über Afghanistan und hatte mit den Taliban zu tun. Deutschland und der Hindukusch sind also enger miteinander verbunden als manche glauben wollen.

Herr Dr. Hirschmann, vielen Dank für das Gespräch.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: 


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