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Die Geschichte der Bundeswehr, Teil 3: Streitkräfte im Umbruch

Seit der Deutschen Wiedervereinigung 1990 hat sich die sicherheitspolitische Lage für die Bundesrepublik und das westliche Bündnis grundlegend verändert. Frieden und Freiheit sind nicht mehr von einem gegnerischen Machtblock bedroht, sondern durch neue, schwer einzugrenzende Risiken. Die Bundeswehr wird diesem Wandel laufend angepasst. Sie steht heute vor dem größten Umbau ihrer Geschichte.

Soldat vor einem Flugzeug

Einsatz weltweit: Bundeswehr-Soldat in Afghanistan (Quelle: Bundeswehr/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Die Truppe wurde seit ihrer Gründung mehrfach umstrukturiert. Mit den Veränderungen sollten immer bestimmte Ziele erreicht werden. An die Stelle dieser, in unregelmäßigen Abständen durchgeführten Reformen, ist zu Beginn des neuen Jahrtausends ein Transformationsprozess getreten. Die Streitkräfte passen sich nun fortlaufend den an der Einsatzfähigkeit orientierten Erfordernissen an.

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Neue Gefahren

Nach dem Ende des Kalten Krieges erlaubt es die Sicherheitslage, die Bundeswehr stärker als Mobilmachungsarmee auszurichten. Der Feind steht nicht mehr an den Grenzen Deutschlands und der Verbündeten. Damit ist im Falle einer größeren Aggression von einer langen Vorwarnzeit auszugehen. Die Aufwuchsfähigkeit muss jedoch erhalten bleiben, alleine schon um den Bündnisverpflichtungen nachzukommen.

Die größten Gefahren für die Sicherheit der Menschen liegen in der Verbreitung von Massenvernichtungsmitteln, der Unterbrechung des Zugangs zu lebenswichtigen Ressourcen sowie in Terror- und Sabotageakten. Darüber hinaus bergen politische, wirtschaftliche und soziale Streitigkeiten, ethnische Auseinandersetzungen und Gebietsansprüche die Gefahr bewaffneter Auseinandersetzungen.

Die Bundeswehr hat auf diese Entwicklung schon Anfang der 1990er-Jahre reagiert. Sie gliedert die Truppe in Krisenreaktionskräfte (KRK), Hauptverteidigungskräfte (HVK) und eine Grundorganisation um. Noch vor Abschluss der Reform erzwingen knapper werdende finanzielle Mittel die weitere Reduzierung der Streitkräfte. Der Personalbestand sinkt von 370.000 auf 340.000 Soldaten.

Ein Boardingsoldat seilt sich aus einem Hubschrauber auf ein kleines Schiff ab

Mission Atalanta: Deutsche Soldaten überprüfen ein verdächtiges Schiff (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

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Weltweite Risikovorsorge

Es kommt zu erheblichen Unterschieden in der personellen und materiellen Ausstattung von KRK und HVK. Erstere sollen mit 50.000 Mann Angehörige aller drei Teilstreitkräfte umfassen. Sie müssen präsent, schnell verlegbar und zum multinationalen Einsatz in der Lage sein. Die HVK werden noch stärker gekadert als bisher, das heißt, noch mehr Stellen werden mit Reservisten besetzt, die im Bedarfsfall eingezogen werden. Diskussionen über eine „Zwei-Klassen-Armee“ werden laut.

Die Missionen der Bundeswehr auf dem Balkan zeigen bald die Notwendigkeit anderer Strukturen auf. In Bosnien-Herzegowina und im Kosovo handelt es sich nicht um lang anhaltende Kampfeinsätze der Krisenreaktionskräfte, sondern um die Absicherung eines Friedensprozesses und den Wiederaufbau des Landes. Die Einsatzkontingente setzen sich jeweils aus KRK- und HVK-Kräften zusammen.

Darüber hinaus hat sich bis Ende der 1990er-Jahre die Sicherheitslage weiter verändert. Es gibt neue NATO-Partner aus dem früheren Ostblock und auch die Demokratisierung Russlands scheint unumkehrbar. Damit gehört die westliche Abwehrlinie vom Nordkap bis nach Anatolien endgültig der Vergangenheit an. Die Verteidigung Deutschlands und der NATO-Partner an den Grenzen weicht einer weltweiten Risikovorsorge.

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Bündelung von Fähigkeiten

Die daraus zu erwartenden Aufträge führen ab 2004 zu einer neuerlichen Strukturänderung. In Zukunft sollen Eingreifkräfte mit rund 35.000 Soldaten friedenserzwingende Maßnahmen gegen militärisch organisierte Gegner durchsetzen. Stabilisierungskräfte übernehmen in Krisengebieten längere Operationen mittlerer und niedriger Intensität zur Stabilisierung der Verhältnisse. Dafür sind insgesamt etwa 70.000 Soldaten vorgesehen.

Als dritte Säule stehen mit mehr als 147.000 Angehörigen Unterstützungskräfte bereit. Sie unterstützen die Eingreif- und Stabilisierungskräfte in der Heimat und den Einsatzgebieten. Wie die Stabilisierungskräfte können sie auch zum Schutz der Bevölkerung und der Infrastruktur im Inland herangezogen werden. Zur Ergänzung werden im gesamten Aufgabenspektrum Reservisten eingesetzt.

Ab Herbst 2000 entstehen neben den traditionellen Teilstreitkräften (TSK) Heer, Luftwaffe und Marine, die eigenständigen Organisationsbereiche Streitkräftebasis (SKB) und Sanitätsdienst der Bundeswehr. Mit dieser Zentralisierung werden über die Teilstreitkräfte hinweg Dienstleistungen und Fähigkeiten zur Ausbildung, Versorgung und Unterstützung der Truppe gebündelt.

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Grundlegende Veränderungen

Die Reformen begleiten die Bundeswehr während einer Zeit, in der Auslandseinsätze zunehmen und intensiver werden. Somalia, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Afghanistan sind nur einige der Stationen. Dabei müssen sich die Streitkräfte auch in der Heimat tatkräftig beweisen. Die Bewältigung der Oderflut 1997 und des Elbehochwassers 2002 sind ohne die Streitkräfte nicht vorstellbar.

Und dabei stehen nicht nur Soldaten „ihren Mann“, auch viele Frauen sind dabei. Der Weg bis dahin ist allerdings schwierig. Die Bundeswehr lässt erst 20 Jahre nach ihrer Gründung Soldatinnen zu. Auf weibliche Sanitätsoffiziere 1975 folgen 1988 Frauen im gesamten Sanitäts- und Militärmusikdienst. Die Verwendung in allen Bereichen erzwingt ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes im Januar 2000. Im Januar 2001 rücken die ersten Frauen im Truppendienst in die Kasernen ein.

Noch tiefgreifender ist die Aussetzung der Wehrpflicht ab Juli 2011. 55 Jahre nach deren Einführung setzen die Streitkräfte ausschließlich auf Freiwillige. Dies ist ein wesentlicher, aber nur einer der ersten Schritte in der umfassenden Neugestaltung der Bundeswehr. Ihre Stärke wird aus jetziger Sicht in Zukunft bei höchstens 185.000 Uniformierten liegen. Die nähere Ausgestaltung wird mit Hochdruck geplant.

Eine junge Frau im Gespräch mit einem Wehrdienstberater der Marine

Arbeitgeber Bundeswehr: Im Gespräch mit einem Wehrdienstberater (Quelle: Bundeswehr/Jonack)Größere Abbildung anzeigen

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Entscheidend bleibt der Mensch

Bis zu 10.000 Soldaten sollen gleichzeitig in zwei Krisengebieten Einsatz leisten können. Daneben müssen die Sicherheit des deutschen Luft- und Seeraumes sowie die Fähigkeiten im Such- und Rettungsdienst, für Evakuierungen und Unterstützungsleitungen in Katastrophenfällen gewahrt bleiben. Auf die Bundeswehr und ihre Angehörigen warten damit keineswegs leichtere Zeiten.

Angesichts der negativen demografischen Entwicklung kommt vor allem der Nachwuchsgewinnung entscheidende Bedeutung zu. Die Bundeswehr steht um die jungen Leute im Wettbewerb mit anderen staatlichen Einrichtungen und der freien Wirtschaft. Für die Anwerbung qualifizierter Frauen und Männer müssen die Rahmenbedingungen stimmen, nicht zuletzt Besoldung, Unterkünfte und Berufsförderung.

Die Bemühungen werden trotzdem nur fruchten, wenn die Bundeswehr auch weiterhin ihren festen Platz in der bundesdeutschen Gesellschaft hat. Die Integration der Parlamentsarmee in die Bevölkerung muss auch ohne Grundwehrdienstleistende erhalten bleiben. Dies ist eine der größten Herausforderungen für die Politik, die Bundeswehr und alle ihre Angehörigen.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: Johann Fritsch


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